Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN /Staatsoper Unter den Linden: PELLÉAS ET MÉLISANDE. Papierform und Realität

10.07.2026 | Oper international

BERLIN /Staatsoper Unter den Linden: PELLÉAS ET MÉLISANDE; 9.7.2026

Papierform und Realität

pellesa
Foto einer früheren Wiederaufnahme-Serie Tatjana Dachsel

Zum Saisonende gibt es in der Staatsoper Unter den Linden auch Debussys „Pelléas et Mélisande“ in der 35 Jahre alten Inszenierung von Ruth Berghaus und einem abstrakt geometrischen Bühnenbild von Hartmut Meyer. Eine gediegene Besetzung mit Stephen Milling als Arkel, Anne Sofie von Otter als Geneviève, Thomas Blondelle als Pelléas, Simon Keenlyside als Golaud, Magdalena Kožená als Mélisande, in kleineren Rollen dem Solisten des Tölzer Knabenchors Benedikt Siewert als Yniold und David Ostrek als Arzt ließ musikalisch Hervorragendes erwarten.

Das dem nicht so war, lag schon an der musikalischen Leitung von François-Xavier Roth, der an dem Abend die Staatskapelle Berlin lange allzu sehr drosselte, die Pastellfarben der Partitur mit feinen und dünnsten Pinselstrichen auftrug. Niedrigschwellige Klänge, die selbst für das nicht große Haus lange Zeit zu gering dimensioniert waren. Erst ab Ende des dritten Akts in der brutalen Auseinandersetzung von Golaud mit seinem Sohn Yniold, wallten die Wogen des Orchesters dringlicher auf, fanden die Härte von häuslicher Gewalt und der Kriminalgeschichte im Stück von Misshandlung und Mord seinen klangliche Entsprechung.

Denn Pelléas et Melisande ist nicht nur ein symbolistisches Stück Theater über introvertierte Typen, die in ihrer stockenden Sprachlosigkeit und Einsamkeit fernab dahindarben bzw. das Ruth Berghaus mit ihrer abstrakt eigentümlichen Verrenkungs-Bewegungsregie in der Folge des Ausflusses der Décadence des Fin-de siècle als marionettenhaftes Kunstfigurenkabinett abschnurren lässt.

Es ist nicht nur ein Manifest der Melancholie und archaischer Rollenbilder von Mann und Frau und einen musikalische Novität, sondern auch eine handfeste Liebesgeschichte (Mélisande liebt beide Männer) und eine Story von Verbrechen in der Familie, teils unausformuliert (was ist mit dem Vater der Brüder?, Was hat Mélisande durchleben und ertragen müssen, bevor sie in den Wald flieht?), teils klar mit Brudermord, Gewalt gegen Kind und Frau benannt.

Fatalité, Silence, aber auch Leidenschaft müssen die handelnden Personen auf der Bühne glaubhaft vermitteln. Der Schwülstigkeit des Textes zum Trotz gilt es, Figuren erstehen zu lassen, die nicht nur die Ursachen, sondern auch die Konsequenzen aus dem Halbdunkel des Lebens für ihr Tun glaubhaft verkörpern.

pelk
Foto einer früheren Wiederaufnahme-Serie Tatjana Dachsel

Am besten gelingt dies Thomas Blondelle als Pelléas, der mit seinem tragfähigen, direkt Emotionen ansprechenden Tenor, die lichtere, unbedarftere Variante der Liebe und des keimenden Vertrauens zwischen zwei Menschen verkörpert. Simon Keenlyside ist mit seinem farbenreichen, pianogedämpften Bariton ein Macho-Golaud, wie er im Buche steht. Dennoch wirkt er in unter der Oberfläche liegenden Grauzonen seelisch zerbrechlich. Aus der eigenen Unsicherheit und krankhaften Eifersucht heraus – die Wunde des Ungeliebten trägt in sich wie einen Granatsplitter – wird er schwer schuldig an seiner direkten Umwelt bis zum Mord. Stephen Milling als Arkel liefert eine vokal passgenaue Studie des Großvaters der ungleichen Brüder.

Leider enttäuscht Magdalena Kožená als Mélisande. Obwohl ihr Prachtmezzo mit kostbarem, herbsüßem Timbre nach wie vor in der Mittellage perlmuttern schimmert, ist eine gewisse Schärfe in den Höhen nicht mehr zu überhören. Anne Sofie von Otter hat kürzlich bei BIS ein durchaus empfehlenswertes Album mit den Titel „Kabarett und Exil. Berlin! Berlin! Berlin!“ herausgebracht, in dem sie Chansons, Kabarettnummern und lyrische Miniaturen aus der Zwischenkriegszeit zum Besten gibt. Dafür ist ihr vorsichtig und geschickt Hürden in der Resonanz und Brüche umgehender Sprechgesang wunderbar geeignet. Für die Geneviève reicht das allerdings nicht mehr. Ich will gar nicht einmal an die umwerfende Christa Ludwig unter Claudio Abbado in Wien denken, um zu wissen, wie es auch anders geht. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken