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BERLIN / Staatsoper Unter den Linden: LIEDERABEND LUDOVIC TÉZIER, begleitet von JULIUS DRAKE

06.10.2026 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Staatsoper Unter den Linden: LIEDERABEND LUDOVIC TÉZIER, begleitet von JULIUS DRAKE; 5.10.2026

Entdeckung: Ein Wagner-Sänger von Gnaden

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Ludovic Tezier. Foto: Peter Adamik

Richard Wagners „Wesendonck-Lieder“ auf Texte von des Meisters großer Liebe Mathilde Wesendonck von einem Bariton gesungen, noch dazu einem französischen, wenngleich weltweit in seinem Fach führenden dramatischen Verdi-Bariton? Ein Jago, ein Rigoletto, ein Renato, ein Don Carlo, ein Don Carlo di Vargas, ein Conte di Luna, ein Marchese di Posa und ein Giorgio Germont. Aber auch ein Amfortas in Parsifal und ein Wolfram in Tannhäuser.

Eine gewisse Skepsis war da, wie denn dieser dunkel timbrierte, vollmundig cognacfarbene Bariton mit heldischer Attacke im deutschen romantischen Liedfach reüssieren würde. Und siehe da: Die fünf Wesendonck-Lieder, diesen gleichzeitig mit der Komposition von „Tristan und Isolde“ 1857/58, genauer zwischen Akt I und II entstandenen Zyklus, sang Tézier mit poetisch ausgeleuchteter Phrasierung, guter Wortdeutlichkeit, aber auch enormer dynamischer Differenzierung, wie wir das von den besten Interpretationen kennen. Im Unterschied zu den vielen Isolden, ihres Zeichens hochdramatische Soprane oder Mezzos, die die Wesendonck-Lieder sangen und singen, kommt ein tiefer, samtrunder wie geschmeidiger Bariton vom Schlage eines Ludovic Tézier emotional eher von der König Marke-Seite. Also basierend auf der Erkenntnis der Unmöglichkeit einer erzwungenen Liebe im Kontrast zur Liebes-Verklärung einer Isolde. Nicht weniger aufregend und atmosphärisch tiefgründig, war es eine Wucht, sich von Téziers heroischem Ausbruch zu Beginn von „Stehe still!“ bzw. der zweiten Strophe von “Schmerzen“ in die Sitze drücken zu lassen sowie seinen Pianissimi und dem satten Mezza Voce in „Träume“ nachzuhängen.

Dazu passend wählte Tezier als Zugaben Wolframs Lied „Blick‘ ich umher in diesem edlen Kreise“ sowie „O! du mein holder Abendstern“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“, der zumindest am Ende von „Der Engel“ wie aus der Ferne grüßen lässt. Schlichtweg ereignishaft war es, dem freien Fluss von Téziers weit atmendem Legato, der von ihm lyrisch eingehegten Emphase zu lauschen, kurzum der Inkarnation der schwärmerischen edlen Figur mit bloßer Klavierbegleitung. Da war die leider etwa nur zur Hälfte besetzte Staatsoper, darunter jedoch erfreulich viele junge Gesichter, völlig aus dem Häuschen. Die Ovationen und Bravos wollten kein Ende nehmen.

Sehr gut gefielen zuvor Jacques Iberts „Quatre Chansons de Don Quichotte“ nach Texten von Alexandre Arnoux. Entstanden als Filmmusik für einen „Don-Quichotte“ Film in der Regie von G. W. Pabst, in dem der russische Bass Fjodor Schaljapin die Hauptrolle spielte und sang, sprang Ibert für den zuvor gefragten Maurice Ravel ein. Ravel stellte diesen Auftrag krankheitsbedingt nicht rechtzeitig fertig und legte erst verspätet und unabhängig vom Film mit seinen „Don Quichotte à Dulcinée“ nach. Tézier war bei Iberts hispano-folkloristischem Liebes- und Traumfantastereien ganz in seinem Element. Er verpasste dem ‚Ritter von der traurigen Gestalt‘ eingedenk manch sachter melancholischer Eintrübung sowie des tröstlichen, an Sancho gerichteten Liedes vom Tode Don Quichottes (‚Fantôme dans la vie, et réel dans la mort‘ = ‚Phantom im Leben und wirklich im Tod‘) einen Text, Geste und Ton verschmelzenden, bewegenden Ausdruck.

Weniger glücklich startete der die dramatische Bühnenkunst erfolgreich Feiernde mit seinem in allen Registern fantastisch anspringenden und gleichermaßen breit strömenden Bariton mit Robert Schumanns „Die Dichterliebe“ nach Gedichten von Heinrich Heine.

Erst letzte Saison hatte Staatsopern-Ensemblemitglied René Pape „mit einer subtil durchhörten, poetisch sanft ausgeleuchteten Liebes- und Erinnerungsschmerzerkundung“ der „Dichterliebe“ überrascht, wie ich dies in meiner Besprechung vom 21.5.2026 für den Online Merker notiert habe. Schumann schrieb den Zyklus in seinem Hochzeitsjahr 1840. Das dichterische Ich rast wie auf einer Hochschaubahn im Auf und Ab von Verzückung, Schmerz, Wonne und Obsession.

Tézier fehlten bei allem Respekt vor den großvolumig und eindrücklich vorgetragenen Liedern „Im Rhein im heiligen Strome“ sowie „Ich grolle nicht“ (mit einem emotional berstenden hohen Ton – in der C-Dur Variante A4 – auf ‚Ich sah die Schlang‘, die dir am Herzen frisst‘) zahlreiche aus der Ton-Sprachverquickung erwachsene Zwischentöne, eine durchgehend psychologisch glaubhafte Identifikation sowie die einem schwärmerischen Jüngling angemessene schlank-fokussierte Tongebung. Was bei Wolfram so beglückend funktionierte, erwies sich bei der „Dichterliebe“ als interpretatorisches Puzzle mit vielen wohltemperierten Klängen im Forte und Piano. Jedoch rutschte sein Bariton bei verhaltener Lautstärke zeitweise gaumig nach hinten, was die Textverständlichkeit nicht gerade positiv beeinflusste.

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Julius Drake. Foto: Peter Adamik

Wie die so spezifische romantische Schwärmerei Schumanns aufblühen kann, bewies vielmehr Julius Drake rubato-geeicht am Flügel beim Nachspiel insbesondere zu „Die alten, bösen Lieder“. Der formidable Pianist zeigte sich zudem bei den solistisch vorgetragenen „Liedern ohne Worte“ in a-Moll, op. 62/5 („Venezianisches Gondellied“) und in As-Dur, op. 38/6 von Felix Mendelssohn Bartholdy als traumwandlerisch mit Stimmung wie Kantabilität der Stücke gleichermaßen jonglierender Magier.

Zwei weitere zu Recht umjubelte Zugaben galten Francesco Paolo Tostis Canzone „Ho sognato“ sowie Maurice Ravels ‚Chanson a boire‘ aus den bereits erwähnten Liedern „Don Quichotte à Dulcinée“.

Ich bin vielleicht nicht der Einzige, der sich das nächste Mal von Tézier einen Wagner-Abend wünscht. Passende Rollen und Ausschnitte davon gäbe es außer Wolfram aus „Tannhäuser“ für den 58-jährigen Star zahlreiche: Amfortas, Holländer, Hans Sachs oder gar Wotan?

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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