BERLIN / Staatsoper Unter den Linden: LA VESTALE, 2. Vorstellung der Premierenserie; 30.9.2026

Foto Credit: Stephan Rabold
Theokratische Exzesse: Von besoffenen Generälen und folternden Priesterinnen
Eigentlich ist Gaspare Spontinis „La Vestale“ im Kern eine typische – banale – Opern-Liebesgeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts eines ungleichen Paares, zerrissen zwischen Pflicht und Leidenschaft. Auch wenn letztere im zweiten Akt recht mäßig ausfällt. Zwei Personen aus völlig unterschiedlichen staatlichen Strukturen, eine auf Keuschheit eingeschworene Vestalin (wie das halt in den meisten Orden so ist), Hüterin des Feuers einer nicht näher spezifizierten Staatsräson, und ein römischer Feldherr wollen miteinander, dürfen aber gesellschaftlich nicht. Einst waren sie einander versprochen.
Dann hat Julia, so heißt die zuerst brav mit ihrem Eintritt in die Garde der Vestalinnen dem Vater gehorchende Tochter, ihren geliebten Licinius verraten. Der gute Mann war nämlich zur Stärkung seines Ansehens und um seiner Angebeteten auf Augenhöhe begegnen und sie heiraten zu können, in den Krieg gezogen. Der galante Held kehrte siegreich heim. Julia lud ihn nächtens in den Tempel der Vesta, wo sie ihren Dienst zu versehen hatte und sich eigentlich um die Flamme kümmern müsste. Da bei Techtelmechtel-Aktionen nicht unbedingt die Tugend Arbeitseifer im Vordergrund steht, erlosch das Feuer, und das Malheur war angerichtet.
Julia sollte lebendig eingemauert werden (Parallelen zu Verdis “Aida“ treffen zu), Licinius versuchte ehrenhafterweise, die Schuld auf sich zu nehmen und anstatt Julia zu sterben. Am Ende erbarmten sich die Götter und solidarisierten sich mit den Liebenden. Ein Wunder: Blitze flammten auf, die Flamme züngelte wieder. Ein bukolisch fröhliches Ballett in bester Rossinischer Manier beschloss beschwingt und in leichtem Ton diese Oper mit einer Hochzeit samt Segen der Priester und Priesterinnen der Vénus Érycine. Ergo folgte die Dramaturgie dem einem ebenfalls für die tragédie lyrique so bezeichnenden Lieto fine.
Natürlich war dieses musikalisch teils spannende und revolutionär der französischen Grande Opéra und dem italienischen Belkanto vorgreifende, 1807 uraufgeführte Stück, basierend auf einem Libretto von Victor-Joseph Étienne de Jouy, zunächst der absolute Heuler. Die französische Kaiserin Josephine förderte Spontini, die Musik zu „La Vestale“ wurde selbst von Cherubini, Beethoven, Weber, Rossini, Donizetti und Meyerbeer bewundert als auch von Richard Wagner in höchsten Tönen gelobt.
Napoleon soll sich in der Figur des erfolgreichen Feldherrn Licinius porträtiert wie geschmeichelt gefühlt haben. Eigentlich ist dieser Licinius die (moralische) Hauptfigur der Oper, weitaus weniger ambivalent als die zögerliche, erst im zweiten Akt zu Selbstbestimmtheit und Größe reifende Titelfigur. Ein tapferer Soldat und Freund, ein Treuer und Waghalsiger.
In Berlin hat man mit der Opéra national de Paris ko-produziert. An der Opéra Bastille kam die Inszenierung im Juni 2024 heraus. Denn der Bezug des italienischen Komponisten zu beiden Städten ist evident. In Paris war Spontini Direktor des Théâtre de l’Impératrice sowie Leiter des „Concert spirituel“. 1820 kam er auf Einladung des Königs Friedrich Wilhelm III. nach Berlin, wo er die Positionen eines Generalmusikdirektors und ersten Kapellmeisters am Königlichen Opernhaus bis 1841 innehatte.

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Die Inszenierung der US-Amerikaner Lydia Steirer mit ihrem engen Politfokus auf die Leiden der Frauen in autokratisch-theokratischen Regimes mit dystopischer Duftmarke und abstoßend brutal grausamen Szenen war also schon vorher bekannt und man wusste, was da auf einen zukommt. Über ihre Inspirationen vom Regime im Iran bis zu Margaret Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ ist schon viel Tinte geflossen und ich will keine weitere verschwenden.
Nur soviel: Die Musik gibt das ganze Gefolterte und die willkürlichen Prügeleien schon während der flott unterhaltsamen bis triumphalen Ouvertüre nicht her. Die nach unten hängenden Leichen erinnern mich an Nele Neuhaus‘ jüngsten Kriminalroman „Alles wird Asche“, wo in einer Rachemordserie ebenfalls diese besonders perfide Todesart zur Anwendung kommt. Da ersticken die so an den Füßen Aufgehängten an ihrem eigenen Blut. Der Kopf wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Und was hat das mit der antikisch vordergründigen Oper „La Vestale“ zu tun? Zumal die Regisseurin natürlich auch das Hochzeits-Lieto fine der tragédie lyrique verweigert. Stattdessen wird das hehre Liebespaar hinter der Bühne erschossen und Licinius‘ Freund Cinna reißt die Macht an sich. Er setzt als Militarist schablonenhaft dort fort mit Willkür und Schlächterei, wo das Priesterinnenregime aufgehört hat. Die im zweiten Akt gezeigte Bücherverbrennung ist in diesem Kontext sowieso historisch falsch. Wie einfach schwarz-weiß sich doch die Welt zurecht stutzen lässt. Die Bühnenbilder von Etienne Pluss sind dementsprechend hässlich und zeigen Verfall und Düsternis.
Leider ist auch das, was man aus dem Orchestergraben zu hören bekommt, nicht erquicklich. Wie die Oper heute noch funktionieren kann und was sie hergibt, haben Les Talents lyriques unter Christophe Rousset in ihrer prächtigen Studio Einspielung aus dem Jahr 2022 (erschienen bei Bru Zane) mit Marina Rebeka und Stanislas de Barbeyrac in den Hauptrollen gezeigt. Da ist genau zu hören, wie diese Musik mit scharfer Rhythmik, beredter Artikulation, Präzision in den Verzierungen und einer gut abgemischten Balance zwischen Orchester und Stimmen überzeugt und so manch langatmige rezitativische Passage vergessen lässt.
In der Staatsoper Unter den Linden hingegen lässt es Dirigent Carlo Rizzi ungezügelt krachen. Statt Durchhörbarkeit und klangliche Differenzierung, einem abwechslungsreichen Wort-Ton Ping-Pong bekommt das Publikum einen schwer verdaulichen Klangkloß serviert. Ich habe mein Berliner Lieblingsorchester, die so oft Weltklasse liefernde Staatskapelle Berlin, noch nie so unpräzise in den Hörnern, grosso modo derb laut und im Wackelkontakt zur Bühne (1. Akt) erlebt.

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Bei der Besetzung ragt die bulgarische Primadonna Sonya Yoncheva, zumindest ab dem zweiten Akt mit ihren Arien ‚Toi que j’implore avec effroi‘, ‚Impitoyables dieux“ sowie dem nachfolgenden Duett mit lyrischer Emphase und metallisch platzierten Spitzentönen heraus. Wenngleich ich den Eindruck nicht loswurde, dass Yoncheva sich stimmlich in diesem später so bezeichneten „Falcon-Fach“, was Tessitura und das Spinnen langer Phrasen in unbequemer Lage, besonders in der oberen Mittellage/Passagio, anlangt, nicht wirklich wohlfühlte. Manchmal ging die nötige Deckung der Höhen ab und auch ihre robuste Stimme hatte dem lauten Orchester ihren Tribut zu zollen. Dass man die Souffleuse lauthals unterstützend hörte, sei geschenkt.
In Paris war die heldische Partie des Licinius mit dem idealen, idiomatisch perfekten Michael Spyres besetzt. In Berlin mit dem von Volumen diesfalls nicht genügend expansionsfähigen Sänger David Butt Philip. Im ersten Akt flackerte sein an sich schön dunkel timbrierter Tenor unruhig, im weiteren Verlauf, insbesondere im dritten Akt, hatte er gegen die Übermacht des Orchesters anzukämpfen.
Das gilt auch für den tapferen rumänischen Bass Adrian Sâmpetrean in der Rolle des Le Souverain Pontife. Siyabonga Maqungo lieferte in der Partie des Licinius-Freundes Cinna Stichworte. Darstellerisch war er wenig präsent.
Immer ein Atout ist Ensemblesängerin Marina Prudenskaya, die diesmal mit der undankbaren Aufgabe der zwischen roher Grausamkeit und mütterlichem Urinstinkt schwankenden La Grande Vestale betraut war. Was auch immer diese höhensichere und stimmmächtige Mezzosopranistin anfasst, wird zu purem Kehlen-Gold.
Wen die Frage interessiert, ob die musikalische Seite in Berlin strengen Kriterien der französischen Opernstilistik der Zeit entsprochen hat, wird ebenfalls enttäuscht sein. Aus dem Orchester klang es eher nach Verismo als nach tragédie lyrique, auch sprachlich hätte nachgebessert werden können.
Der Staatsopernchor (Einstudierung Dani Juris) überraschte mit einer soliden wie musikalisch überzeugenden Leistung.
Dr. Ingobert Waltenberger

