BERLIN / Staatsoper Unter den Linden: KONZERT ZUM JAHRESWECHSEL mit CHRISTIAN THIELEMANN; 31.12.2025/ 1.1.2026

Christian Thielemann. Foto: Stephan Rabold
Vida Miknevičiūtė und Thomas Blondelle sangen Lieder und Duette aus Lehars GIUDITTA, FRIEDERIKE, PAGANINI und als Zugabe aus DIE LUSTIGE WITWE
Zu Silvester gab es in Berlin ein großes Angebot an Konzerten in unterschiedlichsten Stilrichtungen. Das deutsche Symphonieorchester spielte im Zirkus Roncalli ein buntes Unterhaltungsprogramm von Johann Strauß bis zu Bizet und Wagner unter der Leitung von Catherine Larsen-Maguire, während die Akrobaten ihre waghalsigen Nummern darboten. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Vasily Petrenko offerierte sich ganz klassisch weltumarmend mit einer Neunten Beethoven und davor als Tribut an den Ukrainekrieg Sergej Newskis „Göttin der Geschichte“. Bei den Berliner Philharmonikern gaben sich Kirill Petrenko und Benjamin Bernheim – Arien aus Eugen Onegin, Roméo et Juliette, Werther und Carmen samt sinfonisch Passendem – die Ehre. Joana Mallwitz bot mir ihrem Konzerthausorchester Berlin und dem Geiger Pekka Kuusisto ein ebenfalls überwiegend romantisches Programm mit Musik von Wagner, Bryce Dessner, Grieg, Mendelssohn Bartholdy und Bedřich Smetana.
Operette – vorwiegend aus der sog. „Silbernen Zeit“ – hingegen gab es nur in der Staatsoper Unter den Linden zu hören. Die Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann, Tenor Thomas Blondelle und die jugendlich dramatische Sopranistin Vida Miknevičiūtė boten ein anspruchsvolles Lehar Programm, das auf vokale und instrumentale Ausschnitte aus der musikalischen Komödie Giuditta (1934), dem Singspiel Friederike (1928) und der Operette Paganini (1925) konzentriert war.
Diese eng mit dem legendären Tenor Richard Tauber verbundenen Stücke (er war der Uraufführungs-Octavio, ebenso der junge Johann Wolfgang von Goethe und Paganini) sind allesamt der spätromantischen Phase des Komponisten mit sinfonisch dicht instrumentiertem Orchester zuzurechnen. Es geht in allen drei Bühnenwerken in erster Linie um leidenschaftliche Liebesgeschichten, sei es im exotischen Nordafrika oder im schillernden Künstlermilieu. Im Gegensatz zu den früheren Tanzoperetten wie der 1905 uraufgeführten „Die Lustige Witwe“ ist auch die Stimmung und die Atmosphäre in diesen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geschriebenen Operetten trotz aller Melodienseligkeit wesentlich nachdenklicher, ernster und verlangen oft den ganz großen Opernton. Dementsprechend ist da auch ein Happy End nicht immer drin.

Foto: Stephan Rabold
Thielemann startete mit einer Potpourrie-Konzertouvertüre zu Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ aus dem Jahr 1940, bei der der Tonsetzer aus Anlass seines 70. Geburtstags die bekanntesten Melodien zu einem ziemlich monströsen, blechknallenden Vorzeigestück arrangierte.
Ohne Pause und störende Auf- und Abtrittszeremonien der Sänger folgten in knapper Reihenfolge bis zur Pause aus „Giuditta“ das Lied des Octavio „Freunde, das Leben ist lebenswert“, Giudittas „Wohin will es mich treiben“, das Duett „Zwei, die sich lieben, vergessen die Welt“, das Intermezzo für Orchester, „Meine Lippen, die küssen so heiß“, Octavios „Schönste der Frau’n“ und das Duett „Schön wie die blaue Sommernacht.“
Im ersten Teil mühten sich Sänger und Dirigent, eine klangliche Balance aus orchestraler Phonstärke und stimmlichen Mitteln zu finden, was nicht immer gelang. Die auf Bühnenhöhe in Stufen hochgestellte, mit ca. 90 Instrumentalisten riesig besetzte Staatskapelle Berlin ließ zugunsten einer eher knallig martialischen Gangart in Sachen Raffinement, kontrastreicher Dynamik und schwelgerischem Flirren zu wünschen übrig. Der sehr tapfere und mit bewundernswertem Einsatz sich total verausgabende Thomas Blondelle forcierte dementsprechend mit einigen unschönen Fortehöhen. Die von mir in Wagner- und Straussrollen so bewunderte Vida Miknevičiūtė hatte in der metallischen Höhe keinerlei Probleme sich gegen die Orchesterfluten durchzusetzen. Allerdings mangelte es in der in diesen so schwierigen Divenrollen so wichtigen Mittel- und tiefen Lage an einer entsprechenden Trag- und Expansionsfähigkeit. Ob das eher kühle Timbre ideal zur Kunstform Operette passt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall hätte die Sängerin mehr am Text und dessen Verständlichkeit arbeiten müssen.
So kam der Abend stimmungsmäßig erst im zweiten Teil so richtig in die Gänge. Obwohl es auch für Christian Thielemann Premieren waren, riss er das Ruder bei „Friederike“ und „Paganini“, den auch musikalisch besseren Werken, zugunsten einer beeindruckenden Symbiose Orchester-Gesang, einer durchhörten Transparenz und atmosphärischer Feinzeichnung herum. Vor allem das Lied der Friederike „Warum hast du mich wachgeküsst“ und die beiden Duette aus Paganini „Niemand liebt dich so wie ich“ und „Deinen süßen Rosenmund“ erfreuten mit wunderschönen Pianophrasen, perfekt koordinierten Rubati und betörendem stimmlichem Schmelz. Dazu griff der Dirigent zu einem seltenen Kniff: Er stieg vom Podium und ging ganz nah zu den Sängern, lockte sie so aus der Reserve und die Sopranistin weg von den Noten, um diese rhythmische und dynamische Verschmelzung vollkommen zu erreichen. Kein Wunder, dass – so eingestimmt – das als Zugabe grandios servierte Duett „Lippen schweigen“ aus „Die lustige Witwe“ jene Magie und jenen sinnlichen Duft verströmten, die man bei „Giuditta“ vermisste.
Einen verdienten Riesen-Sonderapplaus erntete Konzertmeister Lothar Strauß mit seinem fantastisch virtuosen wie hinreißend sanglichen Solo im Vorspiel für Orchester und Violine zu „Paganini“.

Foto: Stephan Rabold
Christian Thielemann hob in einer kurzen Ansprache noch die Bedeutung von Musik hervor und rief zu positivem Denken auf. Gleichzeitig warb er für das Sonderkonzert „Musik aus fernen Rundfunktagen“ am 14. und 15. Februar mit selten gespielten Werken von Februar Dmitri Shostakovich, Nico Dostal, Ernst Fischer und Eduard Künneke und versprach, Operetten weiter pflegen zu wollen.
Hinweis: Das Konzert wurde am Silvesterabend ab 17.00 Uhr auf staatsoper-berlin.de, der Website von rbb radio3 und dem YouTube-Kanal ARD-Classic live gestreamt. Am 4. Januar um 22.00 Uhr folgt die lineare Ausstrahlung des Konzerts im rbb Fernsehen.
Dr. Ingobert Waltenberger
Programm des Lehar-Konzerts
Konzertouvertüre zu Die lustige Witwe
Musikalische Komödie Giuditta, Freunde, das Leben ist lebenswert, Lied des Octavio
Wohin will es mich treiben, Lied der Giuditta
Zwei, die sich lieben, vergessen die Welt, Duett Anita und Pierrino
Intermezzo für Orchester
Meine Lippen, die küssen so heiß, Lied der Giuditta
Schönste der Frauen, Lied des Octavio
Schön wie die blaue Sommernacht, Duett Giuditta und Octavio
Singspiel Friederike, Vorspiel für Orchester
Kleine Blumen, kleine Blätter, Lied der Friederike
O mein Mädchen, mein Mädchen, Lied des Goethe
Zwischenspiel für Orchester
Warum hast du mich wachgeküsst? Lied der Friederike
Operette Paganini, Vorspiel für Orchester mit Violinsolo
Schönes Italien, Lied des Paganini
So ein Mann ist eine Sünde wert, Lied der Anna Elisa
Gern hab ich die Frau’n geküsst, Lied des Paganini
Liebe, du Himmel auf Erden, Lied der Anna Elisa
Niemand liebt dich so wie ich, Duett Anna Elisa und Paganini
Deinen süßen Rosenmund, Duett Anna Elisa und Paganini

