BERLIN / Staatsoper Unter den Linden KAMMERKONZERT VII: RENÉ PAPE mit ROBERT SCHUMANNs Liederzyklus „Dichterliebe“, op. 48 – Uraufführung der Bearbeitung für Streichsextett und Klavier von ELIAS CORRINTH; 20.5.2026

Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Wagner-Bass Pape überrascht mit einer subtil durchhörten, poetisch sanft ausgeleuchteten Liebes- und Erinnerungsschmerzerkundung
Der 24. IKK BB Berliner Firmenlauf gestern brachte nicht nur Firmen, Teams, Skater, Walker und Läufer rund um das Brandenburger Tor zusammen, er sorgte für ein veritables Verkehrschaos. Knapp haben wir es geschafft, um 20h im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden für ein wahrlich tolles Kammermusikkonzert angekommen zu sein. Einige Plätze an der Seite blieben trotz “Ausverkauft“ frei. Da haben einige dem Verkehrsinfarkt offenbar Tribut zollen müssen.
Einer der Musiker konnte auch nicht kommen, aber aus einem anderen Grund: Der Geiger Knut Zimmermann musste krankheitsbedingt absagen. Der hervorragende Konzertmeister Kyukmin Park der Staatskapelle Berlin sprang kurzfristig ein und lieferte eine perfekte, im Zusammenspiel dynamisch ausbalancierte wie technisch makellose Performance.
Beginnend mit dem Streichsextett Nr. 2 in G-Dur, op. 36 von Johannes Brahms über das Klavierquintett in Es-Dur, op. 44 von Robert Schumann und als Höhepunkt des Abends wieder am Pult der zweiten Geige bei der Uraufführung von Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ in einer Fassung für Gesang, Streichsextett und Klavier. Mit der Besonderheit, dass der Schöpfer der wunderbar harmonisch kongruenten wie die Seelenwelten des Dichterhelden flirrend umrahmenden neuen Version, der Dirigent, Pianist und Solorepetitor Elias Corrinth, selbst am Flügel saß.
Mit einem Lächeln auf den Lippen animierte und steuerte Corrinth schon bei Robert Schumanns „Klavierquintett“ aus dem Jahr 1843 mit den famosen Linden Strings Berlin als Partnern eine denkwürdige Wiedergabe. Bei der Uraufführung saß übrigens Schumanns Frau Clara am Klavier. Die Ausführenden brachten all das schwärmerische Glücksfüllhorn, das sich aus dieser anfänglichen überschwänglichen Klangfülle heraus über das Publikum ergießt, das triumphal Leidenschaftliche, sodann die angedeutete tragische Vorahnung im Andante ‚In modo d’una marcia – un poco largamente‘, den feenhaften Zugriff im von Mendelssohn inspirierten Scherzo und die lustvolle Erprobung polyphoner Spielereien im Finale durch Passion auf den Punkt.
Vor der Pause zeigten sich die sechs Streicher des 2018 aus der Taufe gehobenen Streicherensembles Linden Strings, allesamt Spitzenmusiker, die ihre schillernden Laufbahnen in diversen Orchestern und Kammermusikformationen schmiedeten, in Höchstform. Bei Johannes Brahms klangzauberischem, duftig verführerischem bis schmerzvoll eingrätschenden, helldunklem Streichsextett Nr. 2 (natürlich dürfen Variationen und Fuge nicht fehlen) bewiesen sie in der agogischen Nuancierung im schlafwandlerischen Miteinander feinstes Musikantentum. Im Trio konnte das Sextett zeigen, was es an ungarisch gewürztem Temperament im Köcher hat. Insgesamt ist dieses Sextett des jungen Brahms ein wundervolles Manifest eines sich aus allen externen Fesseln befreiten Künstlertums.
Kammersänger René Pape, seit fast vier Jahrzehnten Ensemblemitglied der Staatsoper Unter den Linden, hat alle Basspartien seines Fachs gesungen. Man könnte denken, dass er als Liedersänger seine voluminöse Opernstimme in den Ring wirft und einfach drauf los orgelt. Nichts davon. Pape wählte für Schumanns „Dichterliebe“ einen viel riskanteren Ansatz. Künstlerisch erwies sich seine höchst differenzierte Gestaltung als nicht nur vollkommen einleuchtend, sondern ließ als ein die vielgestaltige Emotionalität von der ersten Euphorie bis zum Grab der Liebe spannender Bogen mitfiebern.
Natürlich kann Pape bei vollmundigen Liedern wie „Im Rhein, im heiligen Strome“, „Ich grolle nicht“ oder „Das ist ein Flöten und Geigen“ auf die luxuriöse Sonorität seines Basses bauen. Stets die erzählerische Dimension sowie den Gehalt des Worts im Fokus, drosselte Pape seine Stimme im kleinen Apollossaal auf teils beeindruckende Pianissimi (‚Am leuchtenden Sommermorgen‘, ‚Ich hab im Traum geweinet‘). Die in der oberen Mittellage fehlende Geschmeidigkeit machte Pape durch ein gekonntes Parlando, einen gut tragenden Sprechgesang wett. Eine insgesamt sehr berührende, die schön timbrierte, reife Stimme ausdrucksvoll zur Geltung bringende Leistung.
Trotz meiner generellen Bearbeitungsaversion hat mich die Art und Weise, wie Elias Corrinth die Erweiterung des Klavierparts um ein Streichsextett handhabt, überzeugt. Ausgenommen das freiere, vom Sextett angestimmte und das tragische Ende atmosphärisch vorwegnehmende Vorspiel, hat Corrinth die Streicher lautmalend, vielfach mit dem Klavier dialogisierend eingesetzt. Dank und Anerkennung dafür, dass es sich im Ergebnis immer noch sozusagen um puren Schumann und nicht um Corrinth mit Schumann als Feigenblatt handelt. Als achtsam seinen Partnern zugewandter Pianist ist Corrinth sowie eine Koryphäe.

Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Fazit: Ein großer, ein spielfreudig herzerwärmender Abend für Kenner und solche, die es werden wollen. Ein klingender Beweis auch dafür, auf welch grandiose Solisten und Ensemblemusiker die bedeutendsten deutschen Orchester wie die Staatskapelle Berlin bauen dürfen. In diesem Zusammenhang möchte ich unbedingt sowohl die Bratschistin Sophia Reuter als auch die Cellistin Claire Sojung Henkel vor den Vorhang bitten. Beide sind umwerfend gute, im pastosen bis erdig aufgerauten Ton individuell charaktervolle Virtuosinnen der Sonderklasse, deren Spielweise mich tief beeindruckt hat.
Fotos: Ingo Waltenberger
Dr. Ingobert Waltenberger

