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BERLIN / Staatsoper Unter den Linden IL TROVATORE; zweite Aufführung der Serie. Sopran-Urgewalt – Viva La Diva!

22.10.2022 | Oper international

BERLIN / Staatsoper Unter den Linden IL TROVATORE; zweite Aufführung der Serie; 21.10.2022

Sopran-Urgewalt – Viva La Diva!

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Ende gut, alles gut. Zumindest musikalisch. Denn auch in dieser „Comic-Standbild-Puppen“ Inszenierung von Philipp Stölzl mit zappelig-kantiger Bewegungsregie stirbt am Ende steinerweichend das Liebespaar, Azucena und Graf Luna verharren schmerzerfüllt über die Toten gebeugt.

Gab es vor der Pause bei drei der fünf Hauptrollenbesetzungen noch Anlaufschwierigkeiten, so darf der zweite und dritte Teil dieser Aufführung in der Staatsoper Unter den Linden ruhig als ganz große Oper mit berauschenden Sängerleistungen beschrieben sein.

Schon von Anfang an machte die lettische Diva Marina Rebeka klar, dass sie eine Verdi-Heroine von Rang, auch im historisch strengsten Vergleich ist. Mit markantem Timbre, einer unfehlbaren Technik, großvolumiger und durchschlagskräftiger Stimme mit endlosen Höhen markiert ihr „Tacea la notte placida“ den ersten Höhepunkt der Aufführung. Belcanto-geeicht begeistert die Sängerin mit gestochen präzise ausgestalteten Verzierungen, und vermag die großen Bögen und die immensen Sprünge der Leonora mit einer schon unheimlichen Leichtigkeit und Power in den Raum zu stellen. Im dritten Teil singt Rebeka ein triumphales „D’amor sull’ali rosee“ und eine wilde Stretta „Tu vedrai che amore in terra“. Rebeka ist eine präsente Darstellerin, deren Charisma wahrlich dazu beiträgt, dass die Bezeichnung Primadonna wieder einmal glaubhaftes Gewicht bekommt. Und das Publikum will stimmlich großkalibrige Diven und große Gesten, wie das auch am frenetischen Schlussapplaus leicht zu bemerken war.

Ihr geliebter Manrico war mit dem Sizilianer Ivan Magrí sehr gut besetzt. Er ist ein junger, im Wesen noch lyrischer Tenor mit exzellenter Technik, bestens fokussiertem schlankem Ton und bombensicheren hohen C. Wirkte er in den ersten beiden Teilen darstellerisch noch irgendwie wie ein schüchterner Gitarrenstudent noch nicht ganz in der Rolle angekommen, der noch dazu am Souffleurkasten klebte und in den Ensembles von den Orchesterfluten und Marina Rebeka zugedeckt schien, so war Magrí nach der Pause schlichtweg sensationell gut. Die berühmte elegische Arie voller Todesahnung im dritten Teil „Ah si, ben mio“ gestaltete Magrí wunderbar musikalisch, mit beispielhafter Phrasierung und fein getunter Farbenregie. Die gefürchtete Stretta „Di quella pira“ krönte Magrí mit einem lange gehaltenen, unverschämt sicheren C, was naturgemäß alle Melomanenherzen höherschlagen ließ. Was für einen skurrilen Freudentanz dieser sympathische und quirlige Tenor am Ende beim Solo-Schlussvorhang „aufführte“, wird wohl auch in die Annalen des Opernhauses eingehen. Von endlos langen ausgestreckten offenen Armen à la Pavarotti bis zu sportlichen Sprüngen auf den Souffleurkasten, um dort bewegt auf den Boden zu sinken, nur um dann nach vielem Hin und her das Händchen vielfach aufs Herz klopfend endlich wieder hinter dem Vorhang zu verschwinden. Aber auch das gehört zur Oper, ich werde nie vergessen, welches Showdrama Fiorenza Cossotto als Azucena unter Karajan in Wien vor dem Vorhang inszenierte.

Vladislav Sulimsky als Graf Luna konnte seine Rolle des brutal-eifersüchtigen Lustmolchs darstellerisch prägnant wie stimmgewaltig heldenhaft ausfüllen. Abgesehen von einer nicht gerade vorbildlichen Textverständlichkeit und manchem Schleifer im Ungefähren bringt der belarussische Bariton alles an vokalen Tugenden für einen dramatischen Verdi Bariton mit. Die mit imposanter Tiefe gut geerdete Stimme kann der Sänger breit geführt und bruchlos in sichere Höhen katapultieren. Als Vollblut Bühnenerscheinung glänzte Sulimsky vor allem in den Ensembles, wo er außer der beeindruckenden vokalen Präsenz das Drama auch in der Aktion am Kochen hielt.

Die russische Mezzosopranistin Elena Maximova enttäuschte im ersten Bild noch mit unruhig geführter allzu vibratogeladener Stimme, verschliffenen Verzierungen und mancher Intonationstrübung, konnte sich aber auch in der letzten Stunde enorm steigern und als Figur wie auch mit überragenden Spitzentönen überzeugen.

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Foto: Dr. Ingobert Waltenberger

Grigory Shkarupa als Ferrando konnte im Niveau nicht ganz mithalten, zu unterschiedlich getönt durchmisst er die Register, zu metallisch hell und zu wenig abgedunkelt grellt die hohe Lage. Insgesamt war seine Leistung dennoch als respektabel zu qualifizieren.

Die kleinen Rollen waren allesamt erstklassig besetzt (Ekaterina Chayka-Rubinstein als Inez, Florian Hoffmann als Ruiz, Wolfgang Biebuyck als alter Zigeuner und Michael Kim als Bote).

Der Staatsopernchor agierte homogen und wie es sich für das Stück gehört, dynamisch vom leisen Flüstern bist lautstark knallig.

Axel Kober dirigierte die luxuriös aufspielende Staatskapelle Berlin (was für ein traumhaft schöner Holzbläsersound!). In den ersten beiden Teilen zwar umsichtig präzise, aber vielleicht ein wenig zu zurückhaltend in der Temporegie, konnte Kober in den letzten beiden Teilen genau jenen zündenden Drive entwickeln, der dann unter Beteiligung aller zu der finalen Opern-Sternstunde führte.

Die nächsten Aufführungen von „Il Trovatore“ an der Staatsoper Unter den Linden finden am 27.10., 2.11. und 12.,11. statt. Wer dazu Zeit und die Möglichkeit hat, gehe hin.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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