BERLIN / Staatsoper Unter den Linden: FALSTAFF – 2. Aufführung der Serie; 22.11.2025
Volle, Schuen, Scherer und Kissjudit in einer umjubelten, allseits gelungenen Repertoireaufführung

Foto: Matthias Baus
Es kommt ja nicht allzu oft vor, dass alte Opernhasen wie ich (immerhin seit 1974 dabei) in eine Aufführung eines sehr geliebten Stücks gehen und ihren langjährigen Erfahrungsschatz übertroffen sehen. Gestern war so ein Abend zu erleben.
Michael Volle als Falstaff ist eine darstellerisch wie sängerisch schlicht und einfach gigantische Nummer. Er könnte diesen Shakespearschen, genussvoll das Leben als Restlessen ausschöpfenden, abgetakelten Phäaken sicher auch an jedem Sprechtheater Kontur und pralles Leben abgewinnen. Aber nun einmal mit einem Heldenbariton der Spitzenklasse gesegnet, mit dieser ausladenden, zu großer Raffinesse fähigen Wotansstimme und einem zwingenden Bühnencharisma schöpft Volle wahrhaftig aus dem Vollen, erwartet den Zuschauer ein unvergessliches Gesamtkunstwerk. Mit einem Wort: Mein bester Falstaffinterpret seit und künstlerisch gleichauf mit Giuseppe Taddei.
Wenngleich doch ein ganz anderer Falstaff-Typ, mit dem Volle anlässlich der Premiere dieser optisch so italienisch stimmungsgeladenen Produktion von Mario Martone (Bühnenbild Margherita Palli) am 25.3.2018 debütierte. Da ist Falstaff als ein weinseliger Alt-68-er in prolligem Lederoutfit gedeutet. In der ironisch „feschen“ Aufreißer-Version stakst er in grellrot-lila gemustertem Lurexhemd und Westernhut als anlehnungsbedürftiger Frauenheld und noch immer selbstgewiss potenter Macho über die Bühne. Zumindest auf Quickly scheint er noch einen gewissen Eindruck zu machen. Für seine nichtsnutzige Entourage, die Saufnase Bardolfo und den schlaksig opportunistischen Pistola ist ihr Chef freilich bereits ein hoffnungsloser Fall. Aber vielleicht kann er ja doch noch Geld für die elementaren Bedürfnisse ihres kleinen Lebens wie Tschechern und Kiffen beschaffen?
Freilich funktioniert diese Inszenierung eines heutigen, herabgekommenen Vorstadtitalien samt der neureichen Villa mit Pool der Familie Ford auch deshalb so gut, weil sie Oben und Unten der Gesellschaft in ihrer Gemeinsamkeit einer heimlich herbeigesehnten zügellosen Libertinage im letzten Bild als einen brodelnden Haufen brünstiger Leiber entlarvt. Denn diese Schlüsselszene hat Martone als libidinösen Fetischtraum auf die Bühne gesetzt. Eigentlich soll Falstaff noch einmal für seine Begehrlichkeiten und seine unverschämten Betrügereien bestraft werden, aber in einer diffusen SM-Konstellation ist ja nicht klar, wer „Gewinner und Verlierer“ oder wahrhaftig oben und unten sein darf.
Also setzt das Ensemble nach der ernüchternden Demaskierung Bardolfos und der auch von Ford tolerierten Heirat seiner Tochter Nannetta und Fenton zur berühmten Schlussfuge „Tutto nel mondo è burla, L’uom è nato burlone, nel suo cervello ciurla sempre la sua ragione“ an. Eine sich selbst genügende, ein wenig peinlich berührte Gemeinschaft von lauter Genarrten (tutti gabbàti) lacht am Ende über die eigenen Spaßettln und Unzulänglichkeiten. Welch kathartische Befreiung in unserer sich selbst zerfleischenden, unversöhnlichen, auf Negatives bis Apokalyptisches getrimmten Gesellschaft.
Rein musikalisch agieren das gesamte Stückpersonal und der Staatsopernchor selten homogen und stimmlich kompatibel. Kein übermäßiges Vibrato stört den reibungslosen dahinflitzenden Ablauf der Fuge und der vielen kleinen, rhythmisch oft vertrackten Ensembleszenen.
Als weiblicher Fokus für Falstaffs erotische und Abzockerfantasien ist diesmal dessen wirkliche Ehefrau, die Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer, einst Meg Page, als attraktive Alice Ford besetzt. Sie gibt mit wehend blonder Mähne eine gar köstliche italienische Diva mit einem Schuss glamourösem Cinecittàglanz. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch macht sie in jeder Hinsicht bella figura, ihren schmalen Spielraum zwischen der niederträchtigen Eifersucht ihres Mannes und der so cleveren Frauenintrige gegen Falstaff als auch für die Durchsetzung der Liebesheirat Nannettas mit Fenton elegant und formvollendet nutzend. Eine große, filmreife Leistung.
Nicht minder profiliert erweist sich Anna Kissjudit kontraaltmächtig und darstellerisch überaus präsent, schlicht und einfach als Mrs. Quickly Idealbesetzung. Kaum je hat man in dieser so komischen wie heiklen Rolle eine pastosere und differenzierter eingesetzte Stimme gehört. Seit der Spielzeit 2022/23 ziert die bayreutherprobte ungarische Mezzosopranistin das Ensemble der Staatsoper Unter den Linden. Sie wird sicher sehr rasch zu einer der führenden Vertreterinnen ihres Fachs weltweit reifen.
Ganz herzerfrischend entzückend, stimmlich taufrisch und darstellerisch unbeschwert nutzen das junge Liebespaar Nannetta und Fenton jede Gelegenheit, zu turteln und der Geschichte ein klein wenig romantisches Flair zu verpassen. Die zu schwebenden Piani und unendlichen Legatophrasen befähigte lyrische spanische Sopranistin Rosalia Cid ist seit der Spielzeit 2024/25 Ensemblemitglied der Semperoper Dresden und hat die Nannetta bereits an der Mailänder Scala und in Florenz gesungen. Der wunderbar sonnenhell timbrierte Tenor des Jonah Hoskins ist schlichtweg ein Traum. Er ist in Hamburg hauptengagiert und wird dort diese Spielzeit in Rollen wie Ferrando (Mozarts „Così fan tutte“) oder Graf Almaviva in Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ seine Marke noch einmal stärken können.
Der Südtiroler Bariton André Schuen, der in der Rolle des Ford in dieser Serie am 20.11. sein Rollendebüt feierte, imponierte mit seinem Monolog „È sogno? O realtà“ mit vielen Farben und Abschattierungen seines luxuriösen Kavaliersbaritons. Darstellerisch wirkt er noch nicht ganz mit der Figur verschmolzen, weil er noch zu wenig dämonisch dunkel und einfach zu sympathisch wirkt. Im Endeffekt hat er es in dieser Konstellation neben dem vokal und von der Präsenz her raumfüllenden Volle auch nicht allzu einfach, sofort den giftigen Kontraspieler auf Augenhöhe zu verkörpern.
Als Mrs. Meg Page bleibt die vokal untadelige Rebecka Wallroth blass.
In den so wichtigen kleineren Rollen reüssierten Jürgen Sacher als steifer Dr. Cajus, Karl-Michael Ebner als Bardolfo und Friedrich Hamel als Pistola.
Giuseppe Mentuccia dirigierte Chor und Orchester der Staatsoper Unter den Linden flüssig, locker und mit der gehörigen instrumentalen Bravour (Streicher, Blech!) – angenehmerweise, ohne die komplexen Rhythmen allzu zackig und uhrwerkartig zu exekutieren. Außerdem sorgte er für ein friktionsfreies und beschwingtes Miteinander von Orchester und Bühne.

Schlussapplaus. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Am Ende einhelliger Jubel und Dank des Publikums im beinahe voll besetzten Saal. Repertoirevergnüglich comme il faut!
Dr. Ingobert Waltenberger

