BERLIN /Staatsoper Unter den Linden: ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL; 5.7.2026
Musikalisch sehr erfreulich – Comedy und Singspiel? Ein nur fast netter Versuch

Credit: Stephan Rabold
Mozarts Die „Entführung aus dem Serail“ ins Heute verlegt. Raimund Bauer schuf ein spektakuläres Bühnenbild in Form einer protzig güldenen Superyacht, Marke nouveau riche. Deren gelüftete Fassaden fallweise den Blick auf einen eleganten Salon mit Flügel, und gesellschaftlich hierarchisch darunter auf eine Bordküche in Chrom geben.
Oben versucht Bassa Selim, Konstanze mit allerlei Versprechen für sich zu gewinnen. Unten kabbeln sich der Prolo Osmin, Pedrillo und die aufmüpfige Blonde als Instagram Tussi. Bis der spanische Edle Belmonte auftaucht und als Baumeister in diese Sphäre eindringt, um Konstanze zu befreien. Dann werden alle bei der Flucht erwischt. Nur dank eines trotzigen Gnadenakts des Bassa Selim, der mit zusammengebissenen Zähnen alle raushaut, endet das Stück aufklärerisch versöhnlich. Natürlich zum Missfallen des Machos Osmin, der auf Blonde steht.
In Mozarts Singspiel in drei Akten aus dem Jahr 1782 darf Bülent Ceylan in der von Andrea Moses inszenierten und von Thomas Guggeis dirigierten Neuproduktion den Bassa Selim mimen. Die Staatsoper Unter den Linden kommentiert das Engagement so: „Mit Bülent Ceylan konnte ein prominenter Comedian gewonnen werden, sowohl die Sprechrolle des Bassa Selim zu übernehmen als auch das Bühnengeschehen, den Text und die Musik aus wechselnden Perspektiven zu kommentieren – und das alles mit Elementen und Stilmitteln, die aus seinen bundesweit erfolgreichen Comedy-Shows bekannt sind. Mozarts Entführung erscheint auf diese Weise in einem neuen Licht, aus heutiger Zeit bewusst reflektiert und zugleich humorvoll und unterhaltsam.“
Das wäre sehr nett ausgefallen und startete auch durchaus amüsant, hätte das Leading Team nicht einfach zu viel des Guten gewollt. Die Neufassung samt Moderationen von Bülent Ceylan, Andrea Moses und Michael Höppner unter Verwendung des Originaltextes von Johann Gottlieb Stephanie d. J. will nämlich nicht nur Oper und Comedy sein, sondern auch ein Lehr- und Lernstück sowie eine moralische Anstalt der political correctness. Da wird über kulturelle Aneignung gequatscht – ich habe kein Wort davon kapiert – und natürlich auch darüber, welche Textteile heute gar nicht mehr gehen. Als ob das nicht alle längst selbst wüssten. Auch konnte man sich offenbar nicht entscheiden, ob ein satirischer Ton angemessen ist (das Beste an den Texten) oder ob nicht zwischendurch das Wacheln mit dem Zeigefinger pädagogisch genauso opportun wäre. So irgendwie peinlich nach Volkshochschulenart.
Das ist aber noch immer nicht alles. Im Programmheft ist von einem Pilotprojekt die Rede. Der Rest ist auf BildOnline zu erfahren. Demnach plant Bülent Ceylan nichts weniger als eine „Klassik Revolution.“ Fakt ist, dass BILD Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ für ihre BILDplus Kunden am 8. Juli als Live-Stream mit dem Hinweis „Hier anmelden und Oper mit Bülent Ceylan live schauen“ anbietet. Und dazu gleich auch noch praktisches Wissen offeriert, nach der Art von „Darf ich wie Bülent Ceylan in Jeans in die Oper?“
Den deutschen Komiker, der offensichtlich mit seinen „Comedy Programmen die größten Hallen füllt“, kannte ich als Nicht-Comedy Mensch vorher nicht. Er ist nach dem gestrigen Erlebnis auf jeden Fall ein Bühnenprofi, ein charismatischer Kerl, der selbst aus abgedroschenen Kalauern noch Funken zu schlagen vermag.
Was jedenfalls auch zu funktionieren scheint, ist die Attraktivität des Comedians für eine breitere, vielleicht andere Öffentlichkeit als sonst. Das zeigt sich auch daran, dass oft mitten in Arien dazwischen geklatscht wird. Denn wenn der Comedian überall und an jeder Stelle der Musik seinen mehr oder weniger scharfen Senf über Privates, Politisches oder Schnurren eines Komikers dazugeben darf, wird das wohl auch dem werten Publikum erlaubt sein.
Das Publikum stürmt jedenfalls die Aufführungen des in Wien als „Deutsches Nationalsingspiel“ uraufgeführten Stücks. Ob allerdings Ceylans Ziel, „Menschen, die bisher wenig Berührung mit Klassik hatten, zu zeigen, wie geil Oper ist“, in aller Nachhaltigkeit erreicht werden kann, daran will ich doch meine Zweifel haben dürfen. Ob dieselben Ceylan-Anhänger, durch ihren Liebling für die Oper mit ihm ‚erweckt‘, Klassik-Festivals weltweit stürmen oder im Herbst zumindest in Repertoireaufführungen welcher Oper auch immer gehen, hmmm?
Wie schmal der Grat ist, auf dem das Konzept baut, zeigte sich zu Beginn des dritten Akts. Da drohte das ganze Unterfangen fast zu kippen. Siyabonga Maqungo, offenbar indisponiert und extrem kurzatmig, kassierte nach seiner wirklich nicht gut gesungenen Arie „Ich baue ganz auf deine Stärke“ ein kräftiges Buh. Bülent Ceylan spielte sofort den Benimmapostel und mahnte das Publikum oberlehrerhaft, sich anständig aufzuführen, sonst könne es ja abgeschoben werden. Dafür kassierte der übereifrige Stand-up Comedian wiederum noch mehr kräftige Buhs. Mit ein paar Witzen lotste der erfahrene Showman das Ganze wieder halbwegs in ruhigere Bahnen. Aber ein Kratzer an diesem Clash der an sich unvereinbaren Kunstformen blieb doch haften.
Zurück zum Ursprung. Wie war denn die musikalische Qualität der Aufführung? Sensationell war in erster Linie, wie sehr es Dirigent Thomas Guggeis vom Hammerklavier aus mit diversen Einlagen verstand, die fantastische Staatskapelle Berlin auf einen forschen und janitscharenexotischen Klang einzuschwören. Für mich war da bislang noch immer die Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden unter Karl Böhm das Maß aller Dinge. Guggeis hat mich gestern noch mehr überzeugt und mitgerissen. Die umwerfende Modernität dieser Partitur von Mozart, die ihre ganze Stärke nicht zuletzt aus der emotionalen Zerrissenheit ihrer Figuren, insbesondere der Zweifel der wieder vereinten Liebespaare zieht (Quartett „Ach, Belmonte! Ach, mein Leben!“), habe ich nie überzeugender artikuliert erlebt als gestern.
Auch gesungen wurde mehrheitlich ganz hervorragend bis grundsolide. Die rumänische Sopranistin Adela Zaharia, Mitglied des Ensembles der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, sang die Konstanze comme il faut. Eine unheimlich schwere Partie, weil sie neben hochdramatischen Koloraturen der berühmtem, mit Oboe, Flöte, Violine und Cello konzertierenden „Martern aller Arten“ Arie auch die sanften, durchwegs in Piano gehaltenen weiten Legatobögen der „Welcher Wechsel der Gefühle! … Traurigkeit ward mir zum Lose“ Arie im zweiten Akt und etliche Ensembleszenen meistern können muss. Schließlich hält sie trotz aller sanften bis brutalen Versuche des Bassa Selim, die ihrige zu werden, standhaft an ihrer Liebe zu Belmonte fest. Zaharia kann dramatische Koloratur, verfügt zudem über eine prächtige Mittellage und volltönende Tiefe (wie einst Edda Moser), was die wenigsten Interpretinnen dieser Partie aufweisen können. Zum Niederknien gut!
Die junge Serafina Starke, Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, imponierte mit leichtgängigen Höhen bis zum dreigestrichenen E und mit quirliger Bühnenpräsenz. In der extremen Tiefe mangelt es allerdings noch an Volumen und Stimmsitz.
Von den Männern boten Michael Laurenz als Pedrillo mit heldischer Attacke seines Charaktertenors sowie David Steffens als weniger polternder, sondern als wirklich gefährlicher Osmin mit tollem schwarz timbriertem Bass, absolute Spitzenleistungen. Siyabonga Maqungo, der mich mit seinem perfekten Stammsitz und einer probaten Technik als lyrischer Tenor stets überzeugte, enttäuschte gestern auf voller Linie. Er schien kurzatmig und phrasierte dementsprechend eigentümlich. Mehrere der lang gehaltenen Pianotöne rissen ab, außerdem schien mir seine Stimme insgesamt zu schwer und dramatisch für diese Partie.
Fazit: Ein aufregend dirigierter und musizierter Opernabend mit originellem Bühnenbild und einem Regiekonzept, das vielleicht auf der richtigen Spur, sich in einem Allzuviel an Anspruch verhedderte. Über all den Witzen und Belehrungen litt die Personenregie, die das Beziehungsgeflecht nicht schlüssig in Aktion übersetzte. Da hat man wohl allzu sehr der Strahlkraft des Fernseh- und Comedystars vertraut.
A propos TV: Gestern wurde die Vorstellung audiovisuell aufgezeichnet. Laut Bülent Ceylan für RTL.
Dr. Ingobert Waltenberger

