Stirb langsam. Don Giovanni im Wald.
Klaus Guths Inszenierung von Mozarts Don Giovanni an der Staatsoper Unter den Linden gehört zu jenen modernen Lesarten, die eine radikale Neuinterpretation wagen, ohne den Kern des Werks zu verraten. Gemeinsam mit Bühnenbildner Christian Schmidt verlegt Guth die Handlung aus Sevilla in einen düsteren Wald – ein unwegsamer Bühnenraum der Träume, Ängste und Begierden, der ebenso real wie poetisch und symbolisch wirkt. Statt einer barocken urbanen Verführerwelt entfaltet sich hier ein existenzielles, psychologisch-naturalistisches Kammerspiel über Schuld, Tod und Begehren.
Schon während der Ouvertüre wird deutlich, dass Don Giovanni nicht als triumphaler Libertin auftritt, sondern als Gejagter und Verletzter. Er trägt eine lebensgefährliche Schussverletzung, die er sich im tödlichen Duell mit Donna Annas Vater, dem Komtur, zugezogen hat.
Dieser körperliche Makel verändert die gesamte Dynamik des Stücks: Don Giovanni erscheint als gehetztes, angeschossenes Tier, von Schmerz und Todesahnungen getrieben. Diese Prämisse verschiebt die Beziehungen – namentlich zu den Frauen – auf eindrucksvolle Weise.
Besonders stark wirkt das bei Donna Elvira, die sonst häufig als unterwürfige, emotional abhängige Figur angelegt ist. Hier speist sich ihr Handeln eher aus Mitleid als aus törichter Liebe; sie erkennt die Verletzlichkeit des Mannes, dem sie nicht entkommen und den sie dennoch nicht verlassen kann, auch wenn die Koffer gepackt sind.
Auch Donna Anna gewinnt an Eigenständigkeit: nicht mehr bloß Opfer, sondern Mitspielerin einer leidenschaftlichen, ambivalenten Beziehung, hin- und hergerissen, fast zerrissen zwischen dem treuen, etwas langweiligen Don Ottavio und der magnetischen Erinnerung an den leidenschaftlichen, lebenshungrigen Don Giovanni. Diese Perspektive wertet die Frauenfiguren sichtlich auf – sie handeln bewusster, selbstbestimmter und mit größerer innerer Logik.
Guth versteht seinen Don Giovanni nicht als Mythos und schon gar nicht als dionysisches Prinzip, sondern als zutiefst menschliche Figur. Er ist kein Übermensch, der seine Triebe zelebriert, sondern ein Sterblicher, der um die Endlichkeit seiner Existenz und seiner Lust weiß. Carpe diem und memento mori zugleich: Gerade dieses Bewusstsein treibt ihn dazu, die ihm verbleibende Zeit, seine körperliche Kraft und seine Leidenschaft bis zum Äußersten auszukosten. Man muss sich Don Giovanni von Anfang an als einen sterbenden Mann vorstellen.
Weil er von Anfang an tödlich verwundet ist, steht die gesamte Handlung unter dem Zeichen des Überlebenskampfs. Don Giovanni ist hier keiner, der bestraft wird, sondern einer, der in seinem Kampf ums Leben langsam vergeht. Konsequent hat Guth daher das Schlussensemble gestrichen – der Tod Don Giovannis markiert das unumkehrbare Ende, nicht den Beginn moralischer Läuterung. Was mit der Schussverletzung beginnt, endet konsequenterweise mit seinem Tod.
Das szenische Konzept passt sich in seiner Ästhetik kongenial an: Die ersten Handymodelle, schlichte Alltagskleidung, der kalte, eisige, unheimliche Wald schaffen einen Gegenwartsbezug ohne aufgesetzte Aktualisierung. Der einsetzende Schneefall in den Schlussszenen formt Bilder von großer Poetik, Intensität und stiller Schönheit – Tod und Erlösung in poetischer Balance.
Musikalisch überzeugte mich vor allem Evelin Novak als Donna Anna mit ihrem hell leuchtenden, lyrisch-dramatischen Sopran und einer klaren darstellerischen Linie. Gyula Orendt gestaltete einen stark psychologisierten, körperlich präsenten Don Giovanni, während Siyabonga Maqungo als Don Ottavio mit feinem, lyrischem Tenor und eleganter Phrasierung beeindruckte. Friedrich Hamel als Leporello, Sandra Laagus als Donna Elvira und Jingjing Xu als Zerlina komplettierten das Ensemble auf hohem Niveau.
Unter der sensiblen, transparenten Leitung von Dirigent Finnegan Downey Dear entfaltet das Orchester ein Klangbild, das die intimen Nuancen der Inszenierung perfekt unterstreicht – präzise, atmosphärisch und mit feinem Mozartsinn.
Guths Don Giovanni zeigt den Mythos als Leben an und hinter der Grenze – ein Mann, der sein Leben gelebt und voll ausgekostet hat, der seine Sterblichkeit erkennt und ihr in wilder
Intensität begegnet. Kein Dämon, kein Verführer, sondern ein Mensch, der das Ende kommen sieht und sich ihm ohne Reue entgegenstellt. Eine Vorstellung, die unter die Haut geht und lange nachhallt.
Dr. Eric Alexander Hoffmann

