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BERLIN/ Staatsoper Unter den Linden: DON CARLO; 51. Aufführung seit der Premiere (2004) am 1. Juli 2023

02.07.2023 | Oper international

BERLIN /Staatsoper Unter den Linden DON CARLO; 51. Aufführung seit der Premiere am 13.6.2004; 1.7.

Verbotene Leidenschaften und Träume im Clanmilieu – Pape, Pop, Petean, Kurzak und Hubeaux bringen Verdis Musik zum Kochen

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Copyright: Bernd Uhlig

Die Staatsoper Unter den Linden reüssiert zum Saisonschluss mit einer grosso modo exzellent besetzten und von Daniele Rustioni kontrastvoll packend, enorm musikantisch und klangedel dirigierten Serie von Giuseppe Verdis „Don Carlo“. Ich habe die zweite Aufführung der Wiederaufnahme der nach wie vor gut anspringenden Inszenierung des Philipp Himmelmann aus dem Jahr 2004 besucht. Weitere Gelegenheit, das Werk in dieser Konstellation zu sehen, gibt es am 5., 8., 11. und 14.7., am 8. Juli mit einer Live-Übertragung auf dem Bebelplatz im Rahmen von „Staatsoper für alle“.

Horror am Mittagstisch: Philipp Himmelmann entkleidete in seiner nach wie vor sehenswerten Inszenierung „Don Carlo“ (mit ein paar unnötigen Faxen alias ständigem Pistolengefuchtle) vom Großteil der historischen und religiösen Konnexe und verfrachtet die Geschichte um Macht, Aufständlertum, Freundschaft, Loyalität, Liebe und Ehebruch in ein abstrakt stilisiertes Machtgefüge im Heute. Ein Tisch auf einem belichteten Podium in der Mitte und einige Stühle genügen als Bühnenbild für ein Kammerspiel der verzehrenden Lüste im Familienverband. Der mörderische Reigen um perverse Macht- und Eifersuchtsintrigen in gesellschaftlich ehernen Strukturen, bewegende Freundschaften, fatal endende Freiheitsbestrebungen und fürchterliche Einsamkeit an der Spitze solcher autokratischen Systeme hat Verdi zu seinen schönsten musikalischen Eingebungen inspiriert.

Eine einzelne Szene, anlässlich der Premiere heftigst diskutiert, möge die zeitlose Schärfe und Härte der Regiearbeit belegen. Im Autodafé sitzt der Familienkern mit Philipp, Elisabeth, Eboli und Don Carlo festlich gekleidet am Tisch, während die „Ketzer“ nackt vor ihnen am Boden liegen, mit Benzin übergossen, an Seilen wie Fackeln hochgezogen werden, um am Ende der Szene mit Feuerzeugen angezündet zu werden. Der beißende Zynismus von Machtwahn und sadistischem -missbrauch, krimineller Lust und elitärer Selbstgefälligkeit kann kaum ein trefflicheres Bild finden.

Zur Musik: Die Palme gebührt ein ums andere Mal der Staatskapelle Berlin, dem mit Abstand besten Opernorchester der Stadt, das unter der Leitung von Daniele Rustioni wahre Wunder an Verdischer Raffinesse in den chormächtigen Welttheater-Tableaus der Grand Opera wie in den intimen Monologen und Duetten zelebrierte. Welch aufrüttelnde Bläser- und Holzfanfaren, seidige von Sehnsüchten aller Art erzählende Streicher, melancholische Cellosoli. Schneidender emotionaler Schmerz in wiederum fast schon schmerzende Schönheit gegossen. Der 40-jährige Rustioni ist ob seiner immensen Musikalität, schlafwandlerischen Phrasierungsarbeit, Detailgenauigkeit, strukturellen Partitur-Durchdringung und mediterran glühenden Klangvision ein großer Verdi-Dirigent. Er verzichtet auf allzu knallige Effekte zugunsten eines differenzierten Einsatzes der Instrumentengruppen, atmosphärisch bleibt während der fast vier Stunden Spielzeit kein Wunsch offen. Die kleinen rhythmischen Ungenauigkeiten im Autodafé seien (auch dem insgesamt tapferen Chor) verziehen. Humorvoll ist der Italienische Maestro auch: Beim Verbeugen beim Eintritt in den Orchestergraben winkt er kurzerhand dem Publikum lachend zu, reicht der tiefe Graben doch nur dazu, dass gerade einmal sein Kopf sichtbar ist. 

Stefan Pop, technisch sicherer rumänischer Tenor mit viel Temperament und hundertprozentigem Bühneneinsatz, verkörpert den verhaltensauffälligen Titelhelden mit der gebührenden Leidenschaft und Metall in der Stimme. Zu innigen Piani findet er erst im Duett mit Elisabeth im vierten Akt. In den extremen Höhen neigt er zu angestrengten Verengungen und vokalen Verflachungen.  

Philipp II. wird vom Ensemblemitglied der Staatsoper René Pape mit aller Autorität eines Herrschers und der zwillingshaft dazu gehörenden seelischen Gebrochenheit dargestellt. Sein mächtiger und modulierbar ausdruckskräftiger Bass ist erfreulicherweise wieder auf der Höhe. Der bestürzend sein Innerstes sezierender Monolog ‚Ella giammai m’amò !‘ wird darstellerisch und stimmlich zum Höhepunkt der Aufführung.

George Petean als Rodrigo, Marquis von Posa, ist ein Verdi-Stilist vom Feinsten. Der rumänische Bariton vermag in allen Lagen die luxuriös timbrierte Stimme bruchlos und frei ausschwingend zu führen. Im Einsatz kunstvoller dynamischer Abschattierungen kennt er keine Grenzen. Beeindruckende Ausbrüche, zarteste Piani, ein erlesenes Messa di voce und Noblesse in Phrasierung exzellieren seine stimmliche Rollengestaltung. Wenn er schauspielerisch auch auf diesem Niveau agierte…

Die Französin Eve-Maud Hubeaux ist eine faszinierende Bühnenerscheinung. Sie singt eine der psychologisch und stimmlich interessantesten Ebolis, die ich je erlebt habe. Bei Hubeaux gehen Gestaltung und Gesang eine untrennbare Verbindung ein. Ihr lauerndes Duett mit Don Carlo nach der anonymen Einladung in den Garten, das Geständnis des Diebstahls der Schatulle der Elisabeth und des Verhältnisses mit dem König, das selbstzerfleischende ‚O don fatale, o don crudel‘ sind Momente intensivsten und wahrhaftigsten Musiktheaters.

Auch von Aleksandra Kurzaks reflektierter und jegliche Etikette achtender Elisabeth von Valois ist nur Positives zu berichten. Kühler im Timbre als einige ihrer prominenten Vorgängerinnen, begeistern ihre Gesangstechnik, ihr Legato, ihre exquisiten Piani in der Kuppel als auch die durchdachte und jederzeit glaubwürdige Rollengestaltung.

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Foto: Bernd Uhlig

Rafal Siwek bleibt gegenüber dem stimmlich vergleichsweise übergroßen Philipp des René Pape ein blasser Großinquisitor. Die flachen Höhen imponieren nicht. In der Herbstserie von Don Carlo (10., 16., 30.9., 8.10.) wird Falk Struckmann diese Partie übernehmen.

Grigory Shkarupa enttäuscht mit übermäßigem Vibrato und Flackern in der kleinen, nichtsdestotrotz wichtigen Rolle des Mönch. Anna Malesza-Kutny ist eine nicht himmlische Stimme von oben. Regina Koncz als Tebaldo muss sich bizarre sexuelle Übergriffe der Eboli gefallen lassen. Dafür lässt der junge Tenor Magnus Dietrich als Graf Lerna mehr als aufhorchen. Zu einem Edeltimbre gesellen sich eine präzise Diktion und eine verblüffende Bühnenpräsenz.

Fazit: Ein gehobener, gut besuchter Repertoireabend mit einem tendenziell undisziplinierten Publikum, der dank der Leistung des Dirigenten /Orchesters und fünf sehr guten Solisten in den Hauptrollen nachhaltig und -hallend in Erinnerung bleibt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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