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BERLIN/ Staatsoper Unter den Linden: DIE SCHWEIGSAME FRAU von Richard Strauss

12.05.2026 | Oper international

Berlin, 11.5.2026, Lindenoper

Die Schweigsame Frau

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ZUM  KURZVIDEO

Noch eine Serie der ersten Première Christian Thielemanns als Musikdirektor der Lindenoper. Für die Strauss-Stadt Berlin verwunderlich, war dies in der vorigen Saison die Erstaufführung in der Lindenoper. Vorweg: Gut ausgelastet war die Aufführung nicht, dafür recht gut wattiert mit sehr vielen jungen Menschen und auch sonst mit so manchem Neuling in Bezug auf die „Schweigsame“. Das führte einerseits zu Pausengesprächen wie „eine typische Operette von Strauss eben“ (?) aus der nicht so ganz jungen Besuchergruppe, andererseits zu sehr spontanen Reaktionen auf so manche der vielen Pointen im Libretto. Nun kann man ja das Publikum nie zu seinem Glück zwingen – jedenfalls nicht das fernbleibende. Aber die da waren, die fanden zwingend ihr Glück. Denn geradeheraus gesagt: Das war vielleicht die beste Aufführung, die ich mit Thielemann erleben konnte – und das heißt natürlich schon etwas, auch für einen nicht vollkommen unkritisch Adorierenden.

Die Schweigsame Frau lebt davon, dass man den Text versteht. Dazu helfen heute Übertitelanlagen schon ganz gut, aber dennoch merkt man, wessen Textbehandlung grandios ist und wer sich damit weniger leicht tut. Das um und auf dazu ist freilich ein Kapellmeister, der die Feinheiten der Instrumentierung, die Freiräume für die Interpreten, die Balance der Dynamik vollkommen beherrscht. So schön und kompakt Vorstellungen, in die ich mich noch erinnere, unter Horst Stein oder Peter Schneider auch waren, Thielemann toppt sie. Dreht gewaltig auf, wo der arme Morosus mit Krach konfrontiert wird, nimmt mit Acht und Macht zurück, wo leise, abgeklärte Schönheit des reiferen Strauss erblühen soll. Da weiß einer wirklich ganz genau, was nötig ist und hat die entsprechenden Mitstreiter im Graben.

Gibt es Regie? Natürlich gibt es die und sie ist neu und modern. Jan Philipp Gloger, der erste Volkstheaterdirektor mit Fortune seit langer, langer Zeit und in der Volksoper mit einer brillant ins Heute übertragenen Produktion des Weißen Rössel (und einer nicht ganz so großartigen, aber respektablen Dubarry) aufgefallen, verlegt das Geschehen in eine geräumige, klasse Berliner Wohnung (Bühne: Ben Baur), mit bürgerlichem Geschmack ausgestattet, sehr groß – wohl zu groß für den vereinsamenden alten Morosus, über den die schräge Operntruppe Vanuzzi hereinbricht, was auch der Kostümbildnerin Justina Klimczyk die Gelegenheit gibt, die Bandbreite vom muffigen Pyjamaoberteil Morosus über die schicken weißen Outfits des eher als Ergotherapeuten auftretenden Barbiers bis zu den lässigen bis schrillen Komödiantenkostümen zu spannen. Ähnlichkeiten mit Irina Brooks Don Pasquale drängen sich auf, aber Gloger arbeitet sogar näher am Text und sein durchaus angebrachter Klamauk endet stets zur rechten Zeit, um die nötigen Ruheräume für die liebenswerteren Züge der Protagonisten zu gewähren. Auffallend virtuos, wie Gloger die Truppe zeichnet, individuell charakterisiert, mit einem Tanzensemble/Bewegungschor (den Choreographen Florian Hurler kenn der auch am Währinger Gürtel gern einkehrende Gast gut), das einmal natürlich und nicht aufgesetzt wirkt und gar nicht nervt (eine für mich nicht allzu häufige Erfahrung). Auch wenn eines der – ebenso wenig übertrieben eingesetzten – Plakate mit „Vorsicht; Regietheater“ warnt: diese Art Regietheater zeigt wieder einmal, dass es nicht um moderne oder traditionelle Regie geht, sondern ausschließlich um gute oder schlechte.

Ach, die Sänger, auf die es ja doch wesentlich ankommt. Sie machen ihre Sache gut, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Wie es sich gehört, ist der Morosus von Peter Rose das Zentrum der Aufführung. In der relativ kleinen Lindenoper kann sich sein sehr reifer Bass immer noch großartig entfalten und donnernderes Poltern oder fülligere Tiefen kann man sich wünschen, ohne dass das Dargebotene unzureichend wäre. Wohl gab es schon furchtgebietendere Admirale, aber als verbitterter, müder Grantler mit goldenem Herzen ist Rose eine liebenswerte Hauptfigur, wie man sie sich wünscht. Als sein Neffe Henry klingt Siyabonga Maqungo hervorragend. Einer der bemerkenswertesten jungen, frischen (und alles andere als anorektischen) Tenorhoffnungen aus Südafrika; stimmlich souverän, darstellerisch agil und überaus sympathisch. Samuel Hasselhorn, inzwischen als Liedsänger noch etablierter als auf der Opernbühne, glänzt als Barbier mit agilem Spiel und überragender Diktion. Und Brenda Rae tut alles, um die wahrlich fordernden Aufgaben der Aminta zu erfüllen, spielt und singt mit so viel Einsatz, dass man es unfair findet, von anderen Interpretinnen zu träumen (zuvörderst von Nikola Hillebrand).

Bei den kleineren Rollen bleibt Evelyn Herlitzius als Haushälterin etwas hinter den – vielleicht zu hoch gegriffenen – Erwartungen zurück, während Manuel Winckhler als Vanuzzi mit einer vorzüglichen Leistung erfreut und die restlichen vier Komödianten (Isotta: Serafina Starke, Carlotta: Rebecka Wallroth, Morbio: Dionysos Avgerinos, Farfallo: Friedrich Hamel) ihre Sache ebenfalls sehr gut machen, wenn auch das künstliche Bäurisch-Bairisch der Schwedin Wallroth (die immerhin auch in Wien studiert hat) allzu aufgesetzt wirkte – aber Carlotta spielt das eben nur.

Ein paar Meter entfernt von der Lindenoper ist der Platz, an dem die Nazis vor 93 Jahren unter vielen anderen auch Stefan Zweigs Bücher verbrannt haben. Nun hat Stefen Zweig mit seinem überragenden Libretto den ihm gebührenden Platz in der Lindenoper gefunden.

Ein paar Vorstellungen noch. Karten sind noch zu haben. Man versäumt sonst etwas Großes.

Robert Fucik

 

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