Berlin / Staatsoper unter den Linden: „AIDA“
Besuchte Aufführung am 12.10.2023

Elina Garanca, MarinaRebeka. Foto: Herwig Prammer
Nach dem grundsoliden Vorabendbesuch in der Staatsoper wurde mir heute Abend eine elitäre Aufführung von Giuseppe Verdis Meisterwerk „Aida“ zuteil. Es fällt mir schwer meine Eindrücke in Worte zu fassen ohne evtl. als Skeptiker zu erscheinen. Gleichwohl, wie denn auch sei ich erlebte heute, nach Dutzenden ereignisreichen zuvor, eine Aida-Aufführung der besonderen Art. In letzter Zeit fragte ich mich öfters nimmt man Events dieser Qualität bei zunehmendem Alter intensiver gewahr oder liegt es nur an meinen inzwischen elektronischen Ohrverstärkern? Wie denn auch sei, ein schöneres Geburtstags-Präsent konnten wir uns nicht wünschen.
Seit meiner ersten Begegnung mit Elina Garanca in Frankfurt und ihrer Adalgisa in Baden-Baden war es um mich geschehen, seitdem blieb sie bis dato meine Mezzosopran-Favoritin, mir wurde das große Glück zuteil die phantastische Künstlerin sehr oft in Opernpartien sowie gleichwohl in unvergesslichen Lied-Interpretationen genießen zu dürfen. Nach ihrer Dalila letzten Herbst krönte nun Garanca ihre bisherige Karriere mit ihrem persönlichen „Mount Everest“ der Amneris und übertraf alle meine Erwartungen.
Zu hinreißender Optik, gestaltete Garanca den Intentionen der Regie folgend eine ausdrucksstarke Pharaonentochter von profunder Aura, ob nun erotisch schmeichelnd oder despotisch fordernd, verzweifelt schier dem Wahnsinn nahe, die großartige Darstellerin vermochte überzeugend alle Charaktere-Facetten dieser verwöhnten, dennoch unglücklichen Frau zu präsentieren.
Gewiss erinnere ich mich an ausgezeichnete Interpretinnen der Vergangenheit, doch heute glaubte ich der absoluten Vokal-Krönung zugegen zu sein. Weichströmend floss das herrliche Goldtimbre dahin, zeichnete erregte Gefühlsnuancierungen, wallende Leidenschaften aufregend voll intensiviertem Ausdruck brachen sich Bahn, freudig oder traurig aufgewühlte Psyche in prächtigen Stimmfärbungen zu offenbaren verstand die grandiose Künstlerin brillant darzubieten. Melancholie, die schmerzvolle Erkenntnis des finalen Scheiterns, der Verzicht voll tiefer Trauer sehr bewegend vokal über die Rampe zu bringen, das nenne ich die hohe unvergleichliche Kunst des Gesangs und dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.
Eine weitere großartige Sängerin sorgte für Furore Marina Rebeka sang Aida zum Niederknien. Zur bewegend-darstellerischen Mimik gesellte sich eine Sopranstimme der Sonderklasse welche in jeder Phrase keine Wünsche offen ließ. Aus der wohltimbrierten Mittellage erhoben sich klare Höhenaufschwünge in purem Edelmetall. Überwältigend, innig vollendet erblühten Töne aus Piani ganz auf Atem gestützt ins Silberglanz-Forte. Souverän in umwerfender Stimmschönheit erklang die Nil-Arie, exemplarisch feinsinnig zu betörenden Piani, in horizontaler Lage erklang mit ihrem ausgezeichneten Partner das Finalduett, rührte zu Tränen, produzierte unbeschreiblich-nachdrückliche Erlebnistiefen.
Soviel Frauen-Power gerecht zu werden bedarf einer starken Physis, jedoch Yusif Eyvazov wurde dem auf bewundernswerte Weise gerecht. Technisch einwandfrei manövrierte der Sänger seine wandlungsfähige Stimme über diese tenoralen Parcours. Gewiss schmeichelte das Timbre des Tenors nicht in jeder Phase meinem Gehör, schmälerte jedoch dieser Einwand keineswegs die beachtliche erfolgreiche Gesamtleistung des Vokalisten.
Metallisch erhoben sich die dramatischen Höhenausbrüche aus markanten Mittelbereichen in glanzvolle makellose Acuti. Ebenso punktete sein männlich-herbes Profil dem darstellerisch überzeugend intensiven Radames. Das eruptive Stimmpotenzial zu zügeln, auf dem (elektrischen?) Stuhl arretiert sich seiner Partnerin im finalen Duett sensibel in feinen Piani anzupassen fordert höchsten Respekt.
Autoritär, in stets ansprechender Individualität gestaltete Gabriele Viviani den äthiopischen König Amonasro und verlieh ebenso mit schönstimmigem, dunkeltönendem Edelbariton feines wie kernig-kraftvolles Changeant. Weiche Töne voll Wärme gelangen dem italienischen Sänger im Duett mit Aida ebenso vortrefflich.
Zu morbider Erscheinung adelte Grigory Shkarupa mit hohem herrlichem Basstimbre den Pharao.
Anfänglich etwas blass wandelte René Pape in sonorer Bassfülle den Ramphis vokal zu gefährlicher Autorität. Gonzalo Quinchahual kündete als Bote tenoral-markant vom nahenden Unheil, sphärisch erhob sich der Sopran der Priesterin (Victoria Randem).
Wunderbar differenziert, schwebend erklangen die Frauenstimmen vereint mit den Herren des Staatsopernchores unter Dani Juris individueller Einstudierung zum kraftvollen, prächtigen Triumph-Jubel.
Jedoch was wäre eine exzellente Opern-Aufführung ohne ein vortrefflich disponiertes, akkurat in Vollendung musizierendes Orchester? Nicola Luisotti war der fabelhafte Garant für das außergewöhnliches Qualitätslevel, bot mit der prächtig aufspielenden Staatskapelle Berlin instrumentale „Italiana“ allererster Güte. Unglaublich mit welcher Fülle orchestraler Couleurs der subtile Klangmagier das Auditorium in seinen Bann zog. Innige Piani, sensible Anklänge voll Wärme, umschmeichelnd-tiefgründiger Bedeutung verzauberte Maestro Luisotti, begleitete umsichtig Solistinnen/Solisten und verlieh ohne eruptiven Überschall den dramatischen Szenerien imposanten Aplomb. Bravissimo!
Diente unsere Privat-Reise lediglich dem Frönen unserer musikalischen Begierden, sahen wir nach bisherigen Erfahrungen mit Calixto Bieito dieser neuen Produktion recht skeptisch entgegen, doch hielten sich unsere Befürchtungen in Grenzen, denn klar war in Voraussicht, dass diese Aida nicht im Alten Ägypten stattfindet. Wider Erwarten gelangen dem Regisseur imposante personelle Konstellationen zur amour fou, ebenso auch widersprüchliche Szenen, unnötige Videos etc. übersahen wir geflissentlich wie die gewöhnungsbedürftigen Bühnendekos (Rebecca Ringst), besondere die eleganten Kostüm-Créationen (Ingo Krügler) von Amneris/Aida erfreuten das Auge. Im Grunde ließen wir uns von Nichts beim musikalischen Genuss stören.
Mit Beifallsstürmen wurden alle Beteiligten gefeiert, welche allerdings beim Erscheinen von Rebeka und Garanca zum Orkan anschwoll. In ehrvoller Verbeugung würdigte Elina Garanca beim Solo-Vorhang die Kollegin, einer berührend-humanen freundschaftlichen Geste!
Gerhard Hoffmann

