“Lets make lots of money.” Calixto Bieito inszeniert an der Staatsooer Unter den Linden
Verdis Aida als bitterböses Archiv/Museum/Kollage der Unterdrückung und Ausbeutung im kulturellen Spannungsfeld zwischen Krieg und Kapitalismus, Kolonialismus und Wohlstand,
Repression und Depression.
Für mich in der Besetzung mit Marina Prudenskaya als Amneris, Marina Rebeka als Aida, Yusif Eyvazov als Radames, Dominic Barberi als König, René Pape als Ramphis und Gabriele Viviani als Amonasro stimmlich, darstellerisch und politisch herausragend und eine absolute Referenzbesetzung und -inszenierung. Zu recht standing ovations.
Long read: Diese „Aida“ in der Inszenierung von Calixto Bieito ist weit besser als ihr Ruf. Bieito nimmt Verdis Oper ernst – auch in ihren historischen und politischen Tiefenschichten – und entwickelt daraus ein bitterböses, postkoloniales und kapitalismuskritisches Panoptikum, das die von Krieg, Ausbeutung und kultureller Aneignung geprägte Geschichte dieser Region vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart fortschreibt.
Das Setting ist ein weißer, nüchterner Raum, der gleichermaßen Museum, Archiv und Versuchsanordnung sein könnte. Gerade dadurch geraten Ägypten und Äthiopien nicht als exotistische Dekoration in den Blick, sondern jenseits von Elefanten und Pyramiden als kulturelle Räume, deren Schönheit, Verwundbarkeit und gewaltsame Ausbeutung gleichermaßen ausgestellt und sichtbar gemacht werden.
Ein Quilt aus bunten Baumwollshirts, zu einem Teppich zusammengenäht, daneben Tierpelze als Jagdtrophäen – Zeichen ökonomischer wie symbolischer Aneignung.
Besonders hart trifft der Moment im Triumphzug, wenn Kinder Elektroschrott sortieren. Ein unmissverständlicher Verweis auf die Kehrseite westlichen Wohlstands, der bis heute auf der Ausbeutung anderer Weltregionen basiert. Das ist schwer erträglich, aber genau darin so treffend: Das Thema von Unterdrückung, Versklavung und Kriegsbeute, das Verdis Oper zentral durchzieht, wird hier kompromisslos und konsequent in die Gegenwart übersetzt.
Rebecca Ringsts weiße Bühne ist dabei von großer Intelligenz und Flexibilität. Sie kann ins Monumentale ausgreifen und im nächsten Moment den Raum auf eine kleine, fast kammermusikalische Box verengen, in der die familiären und emotionalen Konflikte mit schmerzhafter Präzision hervortreten. So entsteht eine Inszenierung, die das Werk weder illustriert noch gegen den Strich bürstet, sondern es mit unerbittlicher Konsequenz ins 21. Jahrhundert holt.
Musikalisch wurde der Abend unter John Fiore zur Sternstunde. Fiore leitet nach nur zwei Orchesterproben die Aufführung mit einer Energie, Elastizität und Präzision, die der Staatskapelle Berlin spürbar Leben, Zug und dramatische Spannung verleiht. Vieles war fein ausgehört, manches kühn zugespitzt, die schnellen Tempi wirkten nie äußerlich, sondern entwickelten einen Sog, der den Abend durchgehend trug.
Auf der Bühne stand ein Ensemble, das in dieser Geschlossenheit und Qualität tatsächlich Referenzrang beanspruchen darf. Marina Rebeka erwies sich einmal mehr als eine Aida von Rang: vokal souverän, expressiv, technisch beeindruckend und mit jener inneren Noblesse gestaltet, die diese Partie erst wirklich groß macht. Dass sie an der Staatsoper Unter den Linden zuletzt in einer weiteren Sternstunde an der Seite von Stefan Pop auch als Violetta Valéry in La traviata zu erleben war, unterstreicht nur, wie stark sie derzeit dieses Haus prägt.
René Pape war als Ramphis erneut in bestechender Form zu erleben, mit jener Autorität und Ruhe, die seine Bühnenpräsenz seit Jahrzehnten so außergewöhnlich machen. Yusif Eyvazov gestaltete den durch Kriegserfahrung gezeichneten Radamès kraftvoll und präsent, Dominic Barberi gab dem König markantes Profil, und Gabriele Viviani zeichnete Amonasro mit Nachdruck und dramatischer Kontur. Auch Sonja Herranen als Priesterin und Álvaro Diana als Bote fügten sich präzise und überzeugend in dieses starke Ensemble ein.
Die eigentliche Sensation des Abends aber war für mich Marina Prudenskaya als Amneris. Die Rolle hat sie international vielfach gesungen, seit ihrem Debüt 2017 in Stuttgart zählt sie neben ihrer Ortrud zu einer ihrer absoluten Paraderollen. Umso erstaunlicher, dass sie meines Wissens nach diese Partie bislang nicht an der Staatsoper Unter den Linden gesungen hatte. Schon dass sie it dieser Partie nun ihr Hausdebüt an der Staatsoper Unter den Linden gab, hatte besonderes Gewicht; vor allem aber war die Art, wie sie diese Rolle ausfüllte, schlicht überwältigend, mit enormer vokaler Kraft, aber vor allem mit einer darstellerischen Konsequenz, die die Zerrissenheit und Verzweiflung dieser liebenden Frau unmittelbar erfahrbar macht. Das ist intensiv, berührend und von großer Wahrhaftigkeit.
Diese Amneris war nicht bloß stark gesungen, sie war existenziell gestaltet: voller Wut, Kränkung, Begehren, Stolz und Schmerz. Wer diese Partie so auf die Bühne wirft, riskiert alles – und genau dieses Risiko machte Prudenskayas Darstellung so aufregend und so berührend. Für mich ein absoluter Höhepunkt des Abends und eine jener Interpretationen, an die ich mich noch lange erinnern werde. Ich habe hier vor zwei Jahren Elīna Garanča in dieser Rolle erlebt – und Prudenskaja muss sich in keiner Weise dahinter verstecken. Ein großer Glücksfall und für mich eines der eindrücklichsten Erlebnisse dieses Abends.
„O terra, addio; addio, valli di pianti.“
Von hier aus gewinnt auch der Schluss dieser Aufführung seine besondere Wucht. Das letzte Wort in Verdis Aida gehört eben nicht den Liebenden im Grab, sondern Amneris, deren flehentliches „Pace“ den eigentlichen emotionalen und politischen Endpunkt der Oper markiert. Dieser dreimalige, fast verzweifelte Ruf nach Frieden ist in dieser Inszenierung kein Moment der Erlösung, sondern ein Abgrund: Während Aida und Radamès den physischen Tod wählen, bleibt Amneris allein in der Welt zurück, konfrontiert mit Schuld, Ohnmacht und der Leere von Macht, Religion, Waffengewalt und Willkürherrschaft.
In der Inszenierung von Bieito entfaltet dieses Wort jenseits des persönlichen Schicksals eine beklemmende politische und gesellschaftliche Aktualität. Wenn Amneris um Frieden fleht, während im Hintergrund das bittere Ende einer verblendeten, kriegerischen Gesellschaft besiegelt wird, erscheint dieser Friedensruf nicht als abstrakte Formel, sondern als schneidendes Echo einer Welt, die den Frieden verlernt hat. Gerade darin erweist sich Bieitos Deutung als Kommentar zur Gegenwart von bedrückender Schärfe. In der orliegenden Inszenierung öffnet sich dieser Begriff unweigerlich ins Politische. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Konflikte – ob im Nahen Osten, zwischen Israel und Gaza, im Libanon oder mit Blick auf Iran und die Straße von Hormus – erhält dieses „Pace“ eine beklemmende Gegenwärtigkeit. Der Friedenswunsch am Ende wirkt dadurch nicht persönlich und versöhnlich, sondern erschütternd dringlich und politisch. Er trifft einen unvermittelt und mit voller Wucht.
Calixto Bieitos Deutung wird wohl leider auch zukünftig kaum an Aktualität verlieren. Sie behauptet sich nicht nur als herausragende musiktheatrale Interpretation, sondern auch als bitterböser, klug reflektierter Kommentar zum Weltgeschehen.
Es bleibt dieser Inszenierung zu wünschen, dass sie die Anerkennung und Wertschätzung erfährt, die sie als so eindringliches Zeugnis unserer Zeit verdient. Die Standing Ovations am Ende waren dafür ein starkes, vollkommen berechtigtes Zeichen.
Dr. Eric Alexander Hoffmann

