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BERLIN/ Staatsoper: TURANDOT – Puccinis letzte, unvollendete Oper, die plötzlich ganz aktuell ist

01.07.2022 | Oper international

Berlin/ Staatsoper:TURANDOT“,  Puccinis letzte, unvollendete Oper, die plötzlich ganz aktuell ist. 29.06.2022

turandot, yusif eyvazov (calaf) und der staatsopernchor. foto matthias baus
Yusif Eyvazov und der Staatsopernchor. Foto: Matthias Baus

Es ist die vierte „Turandot“-Vorstellung seit der Premiere, und die wird noch von Zubin Mehta kenntnisreich dirigiert. Schon wenn er erscheint, brandet der Beifall auf. Sogleich rauschen die Klangwogen der Staatskapelle Berlin und des Chores, einstudiert von Martin Wright, fast überwältigend durch den fast ausverkauften Saal. Das Resultat ist ganz große Oper

Dass zahlreiche Chormitglieder, wie vorher angesagt wurde, wegen Erkrankung ausgefallen sind, fällt kaum auf. Die anwesenden Damen und Herren tun erfolgreich ihr Bestes, um die fehlenden Stimmen auszugleichen, wird doch Puccinis „Turandot“ oft als Choroper bezeichnet, wozu auch der Kinderchor sein Teil beiträgt.

Doch bei diesem Werk gelten ohnehin andere Regeln. Die oft den Ohren schmeichelnden Melodien der Opern „La Bohème“, Tosca“ oder „Madame Butterfly“ sind in „Turandot“ rar. Um Liebe geht es in „Turandot“ nach all’ den Gewaltexzessen eigentlich auch nicht, eher um Herrschsucht und Unterwerfung. Es sind Entwicklungen von Menschen und Situationen, die Puccinis Musik deutlich schildert.

Giacomo Puccini (1858-1924) hatte noch den Ersten Weltkrieg erlebt. Die damals als krass empfundenen Werke von Strawinsky und Schönberg waren ihm auch bekannt. Vielleicht wollte er auf seine Weise an die Moderne anschließen, was ihm nicht mehr gelungen ist. Bekanntlich hat Franco Alfano den Schluss komponiert nach Puccinis Notizen angefügt.

Es ist aber gerade Puccinis oft schon brutale und zukunftsweisende Turandot-Musik, die den Auch-Filmemacher Philipp Stölzl nach eigenen Worten veranlasst hat, diese Oper zu inszenieren und das entsprechende Bühnenbild plus Beleuchtung zu entwerfen.

Als übergroße Puppe thront Turandot über allen Anwesenden, über ihrem Hofstaat ebenso wie über den zahlreichen Prinzen, die sich zutrauen, ihre drei Rätsel zu lösen, es nicht schaffen und dann auf ihren Befehl hin zu Tode gefoltert werden. Grausamkeiten, die hier drastisch gezeigt werden und plötzlich sehr gegenwärtig wirken.-

Stölzl sieht Turandot überdies nicht als traumatisch belastet vom grausamen Tod ihrer Ahnin, den sie nachträglich rächen will. Sie selbst will niemals einem Mann gehören.

Stölzl bezeichnet das Geschehen „als expressionistischen Herrschaftskult“, so seine Äußerung in einem im Programmbuch abgedruckten Interview“. Als sich später mal ihre Kleidung öffnet, ist Turandot eine Frau ohne Unterleib.

Auch macht Stölzl auf manche Ungereimtheiten des Librettos aufmerksam und fragt, warum sich Calaf schon von ferne in eine Frau verliebt, die er nie gesehen hat? Jedenfalls eilt er zum Kaiserhof und schlägt alle Warnungen in den Wind. Er ignoriert auch die Leichenberge, die Turandot durch ihre Befehle gnadenlos verursacht hat.

Allerdings hat diese große Marionette, die von Experten bewegt wird, anfangs ein sehr schönes Gesicht. Calaf erglüht also vor Liebe und will diese geheimnisvolle Frau unbedingt besitzen. Der weiß gekleidete Yusif Eyvazov singt dieses Verlangen mit kraftvollem und klangreichem Tenor. Seine Stimme passt genau zu dieser Geschichte und hat auch viel an Rundung gewonnen. Ermüdungsfrei beherrscht er das ganze Geschehen. Dass dem späteren „Nessun dorma“ sofortige Jubelschreie des Publikums folgen, verwundert nicht.

Ein Blick auf die kommenden Termine zeigt mir, dass ich mit dem 29.06. fast genau die Premierenbesetzung erlebt habe, die nun wie Yusif Eyvazov weitgehend Berlin wieder verlässt. Am 29. Juni imponierten auch Siegfried Jerusalem als Kaiser Altoum, René Pape mit schönem Bass als alter blinder Timur und vor allem die schöne Aida Garifullina als Sklavin LIÙ, die den blinden Timur führt und schließlich aus Liebe zu Calaf ihr Leben opfert, um seinen Namen nicht zu verraten.

Das ist quasi „Le Sacre du Printemps“ in Puccinis Version. Vorab wurde sie wegen Erkältungsbeschwerden angesagt, doch makellos leuchtete ihr Sopran durch den Saal. Doch Calaf, Timurs Sohn, interessiert sich nicht für eine aparte warmherzige Sklavin, sondern für eine eiskalte Prinzessin.

Allgemeines Gefallen finden auch die Minister Ping, Pang und Pong (Gyula Orendt, Andrés Moreno García und Siyabonga Maqungo), die auf Totenschädeln stehend von ihrer friedvollen Heimat schwärmen.

Erhalten bleibt dem Publikum weiterhin die Russin Elena Pankratova, die die Russin Anna Netrebko ersetzt, die eigentlich die Turandot singen sollte. Wo bleibt bei solch einer politisch bedingten Umbesetzung die Logik?

Auf Stölzls weitere Ausführungen möchte ich nicht eingehen. Was ein Regisseur vermitteln will, muss seine Inszenierung erkennen lassen. Es ist nicht die Aufgabe des Publikums, vorher lange Texte zu lesen, um zu begreifen, was er ausdrücken will. Bei Stölzl wird das jedoch ziemlich klar. Die Holzpuppe trägt plötzlich einen Totenschädel. Vielleicht soll es die vor langer Zeit missbrauchte Ahnin der Turandot sein.

Die Frau jedoch, die nun als Mensch dieser Riesen-Marionette in einem steifen Reifrock und brauner Oberbekleidung entsteigt (Kostüme: Ursula Kudrna), gibt sich als personifizierte Reizlosigkeit. Anstatt der anfänglich schwarz wallenden Puppenhaare trägt sie eine eng anliegende Kappe, die ihr eine Glatze verpasst.

Solch eine Frau kann unmöglich die Leidenschaft eines Mannes entfachen oder sie sofort enden lassen. Hier steht optisch eine Person, der die jahrelange Anhäufung von Leichen deutlich anzusehen ist. Per saldo geht es bei Stölzls Turandot nicht um Liebe, sondern um Unterwerfung.

Tollkühn gibt Calaf der Turandot sogar seinen vom bedrohten Volk gesuchten Namen preis und weiß, das wird ihm nicht schaden. Er ist jetzt der Macher, was er aber nur mit seiner Stimme ausdrücken kann. Die hölzerne Puppe, nun mit sechs Spinnenbeinen, liegt schon in Trümmern.

Elena Pankratova singt diese Rolle jedoch grandios, ihr kräftiger Sopran hat zahlreiche Facetten. Bei den raumfüllenden Spitzentönen möchte sich frau fast ducken. Dem fremden Lover verleiht sie, vom Volk befragt, den Namen „Liebe“. Die aber und der erste Kuss scheinen ihr nach Jahren der selbst gewählten Abschottung nicht zu bekommen.

Das Publikum ist jedoch zu Recht begeistert und feiert dieses surreale Musik- und Gesangsfest mit „Standing Ovations“. 

Ursula Wiegand

Weitere Termine:

1., 3. 8., 10. und 24. Juli 2022. Wiederaufnahme am 24. Februar 2023, gefolgt von Vorstellungen im März nächsten Jahres.

 

 

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