BERLIN / Staatsoper Symphoniekonzert IV: Johannes Brahms: EIN DEUTSCHES REQUIEM, Op. 45; 26.1.
Christian Thielemann in seinem Element!
‚Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten‘.

Schlussapplaus. Foto: Dr. Ingobert Waltenberger
Zum Winterwahnsinn titelte gestern die Berliner Zeitung „Fressen oder gefressen werden“: In Berlin reichen null Grad für ein Großchaos. Und wirklich legte gefrierender Eisregen den öffentlichen Verkehr in der deutschen Hauptstadt weitgehend lahm. Keine Straßenbahnen wegen stromunterbrechender Eisschichten auf den Oberleitungen, wenig U-Bahnen – die U2 etwa war auf oberirdischen Teilstrecken gesperrt; und genau die brauche ich, um in die Staatsoper Unter den Linden zu kommen. Zum Glück gibt es Busse….
Also draußen ungemütlich kalt und rutschige Gehsteige, in der Staatsoper die in jeder Hinsicht herzerwärmende erste Aufführung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann. Am 27.1. ist eine Wiederholung in der Berliner Philharmonie angesetzt.
Dass Christian Thielemann einem romantischen, formal klar durchstrukturierten Brahms Klangbild à la Karajan verpflichtet ist, ist evident. Mit der Staatskapelle Berlin, die ihm ein idealer Partner zu sein scheint, weiß er dynamische Kontraste zu schürzen, Crescendi langsam sich entwickeln zu lassen, die Fugen rasch und klar abzuspulen und vor allem die mannigfaltigen Botschaften – Trost, Gedanken um Endlichkeit und ewiges Leben, Trauer, Erlösung, elysische Seligpreisung, Todes-Hohn – der biblischen Poesie in balsamisch zarte bis wütend orkanfegende Klangrede zu übersetzen.
Das siebensätzige, in der finalen Fassung symmetrisch Chor, Solisten und Orchester geschickt verzahnende Requiem bedient sich in einer harmonisch romantisierenden Klangsprache vorbarocker Elemente genauso wie ausgefeilter kontrapunktischer Chorsätze. Brahms: „Ich habe meine Trauermusik vollendet als Seligpreisung der Leidtragenden. Ich habe nun Trost gefunden.“
Im marschartig strengen „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume“ lässt Thielemann in den Wiederholungen Chor und Orchester monumental aufrauschen, bevor sich die Stimmung mit „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen.“ ins Jubeln steigert
Samuel Hasselhorn beschwört als Bariton-Solist ausdrucksstark die Vanitas und Vergänglichkeit alles (materiellen) Strebens, die aber Gerechte nicht fürchten müssen, weil sie in Gottes Hand sind und keine Qual sie anrühren kann.
Nach dem lichten paradiesischen chorischen Ruhepol „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen. Die loben dich immerdar!“ berührt Nikola Hillebrand mit ihrem instrumental präzisen und wundervoll lyrisch blühenden Sopran ungemein. Ihr „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ bildet an diesem Abend den ergreifenden Höhepunkt der Trostesbotschaft.
Thielemann setzt in den Mittelteil des sechsten Satz alle Hochdramatik des mit instrumentalen wie chorischen Posaunenfanfaren evozierten Jüngsten Gerichts, kulminierend in den gegen jegliche Angst aufbegehrenden Aufschrei „Der Tod ist verschlungen in den Sieg.Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“
Mit der Seligpreisung der Toten und der Beschwörung ihrer Ruhe nach getaner Arbeit klingt das Deutsche Requiem in meditativer Verinnerlichung aus.
Der von Dani Juris einstudierte Staatsopernchor bot eine gute bis zufriedenstellende Leistung. Allerdings gab es – auf die Akustik zurückzuführen? – in den Fortissimo Passagen manchen Klirrfaktor in den hohen Frauenstimmen. Auch war die Intonation des Soprans im siebten Satz nicht lupenrein. Generell ist anzumerken, dass ein exzellenter Opernchor im Konzertfach nicht unbedingt genauso reüssiert als die besten in diesem Repertoire geeichten professionellen Kammerchöre.
Foto Schlussapplaus: Ingo Waltenberger
Dr. Ingobert Waltenberger

