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BERLIN/ Staatsoper/ Staatsballett: LA BAYADÈRE. Premiere

Mit Polina Semionova

05.11.2018 | Ballett/Tanz


Pomp und Prunk bei La Bayadère. Copyright: Yan Revazov

 

Berlin / Staatsballett: „LA BAYADÈRE“ mit Polina Semionova, Premiere in der Staatsoper, 04.11.2018

Einen Neuanfang haben die beiden neuen Intendanten Johannes Öhman und Sasha Waltz versprochen, und Öhman, der zunächst Alleinverantwortliche, hat dieses Versprechen mit zwei zeitgenössischen Stücken von Celis / Eyal zum Saisonbeginn sogleich eingelöst. Heftig war der Jubel, er klang wie eine Erlösung nach Jahren des Stillstands.

Aber Abwechslung muss sein und wurde ebenfalls angekündigt. Die eher konservativ eingestellten Ballett-Fans sollen ebenfalls zu ihrem Recht kommen. Richtig so, doch der Beifall hält sich nach der rekonstruierten, äußerst pompösen Darbietung der Ur-La Bayadère von 1877 in der Staatsoper Unter den Linden trotz einiger Bravi hörbar in Grenzen.

Das liegt wohl vor allem an der vom Choreographen Alexei  Ratmansky penibel restaurierten Fassung von Großmeister Marius Petipa, auf deren Wiederbelebung er sichtlich stolz ist, wenn er formuliert: „Ich sehe, dass die Choreographie Petipas, so wie sie aufgeschrieben ist, viel besser ist als jede so genannte traditionell überlieferte Version. Sie ist logischer, musikalischer, schöner, fein ausgearbeitet in den Details — ja in ihrer gesamten Komposition viel raffinierter, und sie macht vollkommen Sinn. Zuschauer, die Versionen von La Bayadère kennen, werden überrascht sein.“

Das sind sie tatsächlich und per saldo keineswegs in positiver Hinsicht, stammt diese Choreographie doch deutlich aus einer vergangenen Zeit mit vergangenen Ansprüchen und Sehgewohnheiten. Dem damaligen, nicht vom Fernsehen verwöhnten Publikum wollte Petipa, der Vater des klassischen Balletts im 19. Jahrhundert, Außergewöhnliches bieten. Petipas Ideen, nach seinen Notationen (Aufzeichnungen) von Ratmansky akribisch aus der Versenkung geholt und mit den Tänzerinnen und Tänzern entsprechend eingeübt, wirken jedoch auffallend musealisch.


Polina Semionova, Alejandro Virelles. Copyright: Yan Revazov.

Da das Stück (angeblich) in Indien angesiedelt ist, spielt der Beginn vor einem hohen, grauen Tempel (Bühne/ Kostüme: Jérôme Kaplan). Hier tut die schöne Tempeltänzerin Nikia (Polina Semionova) ihren Dienst. Eigentlich hat sie ihr Leben den Göttern geweiht, wird aber von zwei Männern umschwärmt: dem Großbrahmanen (Vahé Marirosyan) und dem berühmten Krieger Solor (Alejandro Virelles), in den sie sich selbst verliebt hat. Großes Lob verdient nicht nur in dieser Szene der wendige, temperamentvolle Vladislav Marinov als springlebendiger Fakir.

Kurios zu sehen, wie nun die beiden Herren eher mit Gesten und Mimik als tanzend ihr Begehren ausdrücken (müssen). Dank der geschmeidigen Tanz- und Schauspielkunst von Polina, gelingen diese Szenen dennoch. Solar schwört ihr ewige Treue, der von ihr streng abgewiesene Priester sinnt auf Rache.

Doch leider muss das Persönliche oft dem exotischen Protz und Prunk weichen. Solors geharnischte Mannen schleppen einen erlegten (Stoff-)Tiger über die Bühne, ein riesiger Elefant wird übers Parkett gerollt. Im Übrigen droht Solor eine andere Laufbahn: er soll Gamsatti (Yolanda Correa), die Tochter des mächtigen Radscha heiraten, zeigt sich aber sehr abweisend.

Um den dürren Inhalt der tragischen Love-Story zu kaschieren, läuft ansonsten fast ungebremst eine Kostüm-Show der Superlative nach dem Geschmack des 18. Jahrhunderts, ein fast endlos wirkendes Nummernballett, das schon immer dazu diente, die fleißige Compagnie zu beschäftigen und die Darbietung gehörig zu strecken.

Schöne Kostüme und wehende Schleier in leuchtenden Farben sollen nun auch das heutige Publikum berauschen. Weder Kosten noch Mühe wurden gescheut, um dieses Märchen aus lang vergangenen Zeiten wiederzubeleben, und die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Victorien Vanoosten legt sich für diese unindische Gebrauchsmusik von Ludwig Minkus tüchtig ins Zeug, um das Ihre dazu beizutragen.


Polina Semionova. Copyright: Yan Revazov

Selbstverständlich tut die auf über 90 Damen und Herren aufgestockte Compagnie des Staatsballetts Berlin ebenfalls alles, um das Publikum mit schwungvoll dargebotenen Tänzen diverser Art zu unterhalten. Dennoch bleibt der Beifall nach den einzelnen Nummern matt. Erst beim Showdown der beiden Damen, die denselben Mann (Solor) lieben, wächst die Aufmerksamkeit. Polina Semionova als verzweifelte Nikia und Yolanda Correa als nur mit Mühe triumphierende Gamsatti tanzen ein ausdrucksstarkes Eifersuchtsdrama, das mit einem tödlichen Schlangenbiss für Nikia endet.

Nach der Pause kommt zumindest für die Compagnie der eigentliche Höhepunkt: Die Aufreihung von 32 weiß gekleideten Tänzerinnen. Dieses Totenbild fasziniert die Choreographen nach wie vor und ist für sie und die von ihnen trainierten Damen eine große Herausforderung. Kongruent müssen alle tanzen, kein Bein und kein Arm darf die totale Symmetrie stören. Das gelingt auch hier, und erstmals ist der Beifall intensiver.

Doch dann geht es im gewohnten und von Pepita vorgegebenen Schema weiter. Zumeist Paarweise tanzen nun einige der munteren weißen Untoten, und bald rollt wieder das Nummernballett ab, diesmal zur Vorbereitung der Hochzeitsfeier von Solor und Gamsatti. Erneut diverse Tänze zur Auffüllung, ähnlich den bereits in der ersten Halbzeit dargebotenen. Das wird – wie auch in meinem Umfeld zu bemerken – allmählich langweilig.

Allgemein sind es ja die persönlichen Schicksale, die die Zuschauer/innen interessieren, über die jedoch Petipas museale Nummernwelle zumeist hinwegrollt. Erst gegen Schluss dominieren die menschlichen Schicksale. Mit viel Charme versucht Gamsatti, Solors Zuneigung zu erringen, doch vergeblich. Der aber, geplagt vom schlechten Gewissen, hat Wahnsinnsträume.

Dafür sorgt die von ihm verratene Nikia. Als weißer, schnell fliehender Schatten huscht Polina Semionova nun durch die Kulissen, tanzt mit Solor einige innige Pas de deux und treibt mit raffinierter Eleganz das Hochzeitspaar immer wieder auseinander. Jetzt endlich können auch Alejandro Virelles und noch mehr Yolanda Correa, zwei Neue im Staatsballett Berlin, ihr ganzes Können zeigen, überzeugen in ihren Soli und werden danach zu Recht mit Applaus bedacht.

Bei der Hochzeitszeremonie stürzt bekanntlich der Tempel krachend ein. Das dermaßen wieder erweckte Publikum applaudiert intensiv, teils auch stehend, und würdigt so das Engagement der gesamten Compagnie einschließlich der Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin.

Die drei Hauptpersonen werden noch intensiver gefeiert, doch der ganz große Jubel kommt nicht auf. Offenkundig erreicht diese rein museale Choreographie trotz des Einsatzes aller Beteiligten nicht die Herzen der Zuschauer und Zuschauerinnen. Zu Wiederholungen sollte dieses Experiment bitte keinen Anlass geben. Auch klassische Ballette brauchen das Heute.

Ursula Wiegand

Weitere Termine: Das Premieren-Dreigestirn tanzt erneut am 9. November und am 18. Januar 2019. Als Gast-Solistin folgt Anna Ol vom Dutch National Ballet als Nikia neben Daniil Simkin als Solor und Evelina Godunova als Gamsatti am 10., 26. und 28. Dezember sowie am 9. Februar 2019. Am 15. Dezember und am 2. Februar 2019 sind Ksenia Ovsyanick als Nikia, Marian Walter als Solor und Aurora Dickie als Gamsatti zu erleben. (U.W.)

 

 

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