Berlin / Staatsoper: „SAMSON ET DALILA“
Besuchte Aufführung am 15.02.2023
Auf meinem persönlichen olympischen obersten Treppchen der Vokal-Künstlerinnen thront seit über zwei Jahrzehnten unangefochten, die Gold-Medaille fest im Griff Elina Garanca, währenddessen die Soprane in buntem Wechsel jeweils um Silber und Bronze „buhlen“. Besuchte ich bereits während der Premieren-Serie 2019 (Merker 01/2020) meiner absoluten Favoritin wegen „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saens an der Staatsoper zog es mich erneut zur Reprise der französischen Oper. Bekundete dereinst Elina Garanca, dass ihr vokaler Mount Everest die Amneris sei, sang sie nun diese Partie mit überwältigendem Erfolg kürzlich an der Wiener Staatsoper und begeisterte Publikum und Kritiker gleichwohl. Nun wollte ich´s erneut wissen, unternahm die Reise nach Berlin zum privaten Besuch und das Event geriet zum umwerfenden Garanca-Erlebnis.
Es ist schon überwältigend zu erleben mit welcher Bühnenpräsenz diese Künstlerin Besucher*innen in ihren Bann zog, mit ihrem hohen qualitativen Vokal-Level gleichermaßen faszinierte, dass selbst mich alten Opern-Hasen im Kalt-Heiß-Wechsel Wonneschauer überfielen, regelrecht Gänsehaut-Effekte hinterließen. Die Ausnahme-Sängerin beherrscht unverwechselbar die hehre Kunst mit stimmlichen Couleurs zu jonglieren, warm timbriert erklangen das Entrée – Printemps qui commence gefolgt ohne Pause der Übergang zum zweiten Aufzug mit atemberaubend dramatischen Nuancierungen, glanzvollen Höhenattacken und Oktavkapriolen Samson, recherchant ma présence, sodann ohne jegliche Einbußen der Stimmschönheit mit Aplomb das Duett J´ai gravi la montagne sowie betörend sensuell, erotisch-knisternd Mon coeur s´ouvre á ta voix ausufernd im finalen Mais..non! Que dis-je, helas! Brachte triumphal den Widerstrebenden zu Fall und ab war der Zopf. Welcher Mann hätte dieser hinreißenden Dalila nicht ohne Zögern sein Haupthaar geopfert? Exzellent mit welcher Platitüde und Noblesse die grandiose Sängerin den Vokal-Marathon absolvierte, das kurze Final-Ensemble sowie Gloire á Dragon vainqueur dagegen muteten wie ein jeu d´enfants. Bravo Madame!
Der phänomenalen Dalila stand ein neuer Samson zur Seite und zwar der amerikanische Tenor Brian Jagde. Vom Erscheinungsbild der ideale Rächer der Hebräer, groß, attraktiv mit dunklem Langhaar, später im Zopf gebändigt bot er seiner verführerischen Dalila vokale Paroli. Temperamentvoll manövrierte der Sänger sein kerniges dunkel gefärbtes Timbre in tenoral-dynamische Steigerungen, metallischen Höhenstrahl, geizte nicht mit Piani und schenkte seinen Arien Arrétez, ó mes fréres – En ces lieux, malgré moi sowie im dritten Aufzug Seigneur, inspire-moi, dem expressiven Souviens-toi de ton serviteur glaubwürdige Aura.
Auf diesem hohen sanglichen Niveau konnte George Gagnidze mit seinem zuweilen weniger klangvollen Bariton nicht mithalten und blieb zudem darstellerisch dem gefährlichen Oberrpriester jegliche Autorität schuldig.
Mit sonor-präsenter Bassfülle warnte dagegen Paul Gay als würdevoller alter Hebräer vergeblich vor der nahenden Versuchung. Mit prachtvollem Bariton punktete Grigory Shkarupa (Abimelech), schönstimmig fügten sich Magnus Dietrich, Friedrich Hamel, Michael Kim (Philister) ins naturrealistische authentische Geschehen (Damián Szifron), wobei man sich hätte die Gewalt-Exzesse, das peinliche Ballett ersparen können, zur felsigen Bühnenausstattung (Ètienne Pluss) sowie den weniger prunkvollen Kostüme (Cesine Völlm). Alles in allem gefiel mir erneut die Optik dieser konventionellen Produktion jenseits jeglicher Werkverfremdung. In bester Diktion, Virtuosität sang der Staatsopernchor klangschön die gewaltigen Passagen.
Mit Esprit leitete Thomas Guggeis die bestens disponierte und prächtig musizierende Staatskapelle Berlin, verlieh der Partitur die schillernd-exotische Note, das typisch französische Flair und unterstrich mit gemäßigten Tempi die oratorischen Charakterzüge des ersten Aufzugs. In bester Manier fügte der junge vitale Dirigent (die Oper Frankfurt darf sich auf ihren neuen GMD freuen) das in allen Gruppierungen famos aufspielende Instrumentarium zum prächtigen Klangkosmos und erwies sich zudem als versierter sensibler Sängerbegleiter.
Das größtenteils jugendliche Publikum der vollbesetzten Staatsoper feierte alle Mitwirkenden mit lautstarken begeisterten Ovationen, vermittelte so die Atmosphäre eines Pop-Konzerts.
Gerhard Hoffmann

