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BERLIN/ Staatsoper: LA TRAVIATA – mit der grandiosen Sonya Yoncheva. Premiere

20.12.2015 | Oper

Berlin, Staatsoper: „LA TRAVIATA“ von Giuseppe Verdi, mit der grandiosen Sonya Yoncheva, Premiere 19.12.2015

La Traviata, Sonya Yoncheva (Violetta Valéry), Foto Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva. Copyright: Bernd Uhlig

Solch eine Violetta Valéry, wie jetzt an der Staatoper im Schillertheater, ist ein absoluter Glücksfall. Sonya Yoncheva, die die Kurtisane verkörpert, singt diese Rolle nicht nur superb und mit allen Gefühlsschwankungen zwischen Glanz und Glitter, zwischen Verzweiflung, Melancholie und dem sich Aufbäumen gegen ihre unheilbare Krankheit.

Die Bulgarin mit ihrem elektrisierenden Sopran verwirklicht hundertprozentig und ermüdungsfrei all’ das, was Giuseppe Verdi in diese Partie hineinkomponiert hat: den lustig tändelnden Gesang, die glitzernden Koloraturen und die Piani der Wehmut. Faszinierend! Dass diese Sopranisten, die als Einspringerin für Anna Netrebko international bekannt wurde, nun weltweit gebucht ist, kann niemanden überraschen. Wunderbar, dass sie nun dreimal in dieser neu inszenierten „La Traviata“ zu erleben ist.

Überdies bietet die attraktive 34-Jährige optisch alles, was ein angehimmeltes Edel-Freudenmädchen figürlich mitbringen sollte und heutzutage von einer modernen Sängerin erwartet wird. Und sie wird in der Regie von Dieter Dorn, der nach langer Abwesenheit ans Haus zurückgekehrt ist, keine Umschwärmte aus vergangenen Zeiten. Barfuß und zumeist im knappen schwarzen Unterkleid (Kostüme: Moidele Bickel) ist sie eher ein Mädchen von heute, das auf gehobenem Niveau „anschaffen“ geht, aber eine, die trotz der zur Schau gestellten Feier- und Sexlust anfällig für die wahre Liebe ist.

Dass ihr nicht mehr viel Zeit dafür bleiben wird, verkündet schon das Vorspiel mit dem traurig schwebenden Todesthema in h-Moll, das im Liebesrausch den heiteren E-Dur-Klängen Platz macht. Daniel Barenboim, der „La Traviata erstmals seit 2003 wieder dirigiert, und die Staatskapelle Berlin bringen das anfangs schön schwebend, werden jedoch im Verlauf manchmal recht derb.

Während dieser Einleitung kauert Sonya Yoncheva vorne am Bühnenrand. Im Hintergrund ein gläsernes Gebilde, bevölkert von einer Personen-Skulptur in engen weißen Ganzkörpertrikots. Die löst sich dann auf, so dass sich die weißen Menschen, wahrscheinlich die Todesboten, über die Bühne verteilen, und auch später immer mal wieder auftauchen. (Choreographie: Martin Gruber).

Denn Dieter Dorn nimmt Verdis Musik beim Wort und lässt Violettas Leben in ihren Todessekunden noch einmal vor ihren inneren Augen und vor den unsrigen ablaufen. Logischerweise läuft dieser Lebensfilm, den angeblich viele Sterbenden sehen, pausenlos ab, und so geht auch diese neue „La Traviata“ in rd. 2 Stunden ohne Unterbrechung vonstatten. Statt zwischendurch Sektschlückchen, Smartphongucken und Telefonieren reißt so der Spannungsfaden auch fürs Publikum nicht ab.

Oben neben dem erwähnten Glascontainer, der sich auch mal in einen Spiegel verwandelt, in dem Violetta erschreckt ihre Blässe erkennt, hängt auf zwei Rohren ein schwarzer Sack, aus dem unaufhörlich ein feiner Sandstrahl rieselt. Eine überdimensionale Eieruhr, die das Ablaufen der Lebenszeit anzeigt. Dieses Bühnenbild (von Joanna Piestrzyńska) bleibt bestehen, wird dann nur durch Decken und Kissen am Boden – das Liebeslager – ergänzt. Eine offenbar gewollt unaufdringliche Inszenierung, die nicht vom eigentlichen Geschehen und den Gesangsleistungen ablenkt.

La Traviata, Sonya Yoncheva (Violetta Valéry), Abdellah Lasri (Alfredo Germont), Foto Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva, Abdellah Lasri. Copyright: Bernd Uhlig

Die Partnerrollen der Yoncheva sind ebenfalls gut besetzt und werden auch recht gut gespielt, ohne an ihre überragenden Qualitäten heranzureichen. Erfreulicherweise ist es ein weitgehend junges Team. Den Alfredo Germont, in den sich die Schöne auf einem Ball – nun im Silberoutfit – wider Willen verliebt, singt der 35jährige marokkanische Tenor Abdellah Lasri. Als Mann aus der Provinz muss er hier simpel gekleidet (weißes Hemd, Hose mit Hosenträgern) den Lover geben, scheint anfangs stimmlich etwas gehemmt, wird aber im Verlauf immer besser. Die vereinzelten Buhs, die ihm zuteil werden, hat er nicht verdient. Dagegen wird der erst 30jährige (älter hergerichtete) Simone Piazzola in der Rolle des Vaters Giorgio Germont zuletzt sehr gefeiert.
La Traviata, Sonya  Yoncheva (Violetta Valéry), Simone Piazzola (Gorgio Germont), Foto Bernd Uhlig
Sonya Yoncheva, Simone Piazzola. Copyright: Bernd Uhlig

Richtig – der Diskurs zwischen Violetta und ihm ist der zweifellos dramatischste Teil der Oper, und deshalb gilt ihm viel Aufmerksamkeit. Mir ist jedoch sein durchaus beweglicher Bariton eine Spur zu hart im Klang, passt allerdings stellenweise zu dem trickreichen Patriarchen, der sich anmaßt, zwecks Familienehre mit der Stimme Gottes zu sprechen („È Dio che ispira, o giovine“). Vor allem der Hit „Di Provenza il mar, il suol chi dal cor ti cancellò?“, früher übersetzt mit „Hat dein heimatliches Land…“ lässt den Schmelz des den Sohn um Rückkehr bittenden Vaters vermissen.

Angenehm in den kleineren Partien Katharina Kammerloher als treu sorgende Annina, Florian Hoffmann als Gastone, Dominic Barberí als schicker Barone Douphol, Grigory Shkarupa als Marchese D’Obigny und Jan Martinik als Dottor Grenvil.

Eine gute Figur in jeder Hinsicht macht Cristina Damian als Edelhure Flora Bervoix, die Lust und Feiern dezidiert auf ihre Fahnen geschrieben hat. Beim Ballgeschehen, dem Auftritt der wahrsagenden „Zigeunerinnen“ sowie als Stierkampfpublikum imponieren die Chöre, einstudiert von Martin Wright, mit spritzig-sattem Wohlklang.

Zuletzt – nach einigen schüchternen Buhs – heftiger Beifall und verdiente Ovationen für die sympathische Sonya Yoncheva.   

Ursula Wiegand

Weitere Termine mit ihr am 22.  und 31. Dezember. Am 25. und 27. 12. übernimmt Nadine Koutcher die Titelpartie. Alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

 

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