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BERLIN/ Staatsoper: GEBURTSTAGSKONZERT 275 JAHRE STAATSOPER UNTER DEN LINDEN

07.12.2017 | Konzert/Liederabende

Berlin/ Staatsoper: „Geburtstagskonzert 275 Jahre Staatsoper Unter den Linden“, 07.12.2017

Daniel Barenboim dirigiert das Konzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper Unter den Linden, Foto Holger Kettner
Daniel Barenboim dirigiert das Festkonzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper. Copyright: Holger Kettner

Auf den Tag genau ist es an diesem Abend 275 Jahre her, dass die Königliche Hofoper, Deutschlands erster freistehender Opernbau, eröffnet wurde. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit hatte Friedrich II (später Friedrich der Große) im Mai 1740 dem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff den Auftrag erteilt, ein Opernhaus zu planen und für dessen Bau zu sorgen.

Aber so schnell, wie Friedrich es wollte, ging es selbst im absolutistisch regierten Preußen nicht. Der Grundstein wurde zwar im September 1741 gelegt, doch der Bau kam nicht recht voran. Friedrich machte Druck, wollte er doch den  Musentempel 1742 einweihen.

Das Gebäude war noch weitgehend eine Baustelle, als der König mit dem Hof am 7. Dezember 1742 zur Eröffnung anrückte. Auf harten Holzbänken sitzend genossen sie (hoffentlich) die Festoper „Cesare e Cleopatra“, komponiert vom Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun. Erst viele Monate später wurde das Haus endgültig fertig.

Das kommt den Berlinern bekannt vor, wurden doch auch die Portale der Lindenoper nach der feierlichen Eröffnung am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – wieder geschlossen. Ab dem 08.10. hat man weiter gebaut, gehämmert und gepinselt. Sicherlich eine Belastung bei den Proben für die Premieren von „Hänsel und Gretel“ und „L’incoronazione di Poppea“, die gleich am 8. und 9. Dezember folgen. Nun wird Tempo gemacht.

Dennoch war zur Geburtstagsfeier noch nicht alles erledigt. Die Tickets mussten erneut draußen am Container abgeholt werden. „Wir sind glücklich – das Haus ist fast fertig“, drückte es GMD Daniel Barenboim aus mit Betonung auf „fast“, äußerte sich aber „sehr glücklich“ über den nun wunderbaren Klang.

So unbequem wie einst für Friedrich mit Gefolge ist es für die heutigen Besucherinnen und Besucher im Großen Saal keineswegs. Im Gegenteil. Erwartungsfroh nehmen sie auf den neuen, rot bezogenen Sesseln Platz. Vor allem diejenigen, die beim mehrtägigen „Präludium“ nicht im Haus waren.

Der Große Saal ist komplett ausverkauft, auch der dritte Rang, der seit der Anhebung der Decke um rd. 5 Meter deutlich mehr Luft hat. Zwar haben die dort Sitzenden etwas weniger Beinfreiheit, als Ausgleich jedoch ein noch besseres Klangerlebnis als im Parkett.

Die Erhöhung der Nachhallzeit von 1,1 auf 1,6 Sekunden – entstanden durch die Deckenanhebung um 5 Meter und den Einbau einer Nachhallgalerie – kommt jedoch allen zugute. Dieser in siebenjähriger Bauzeit mühsam errungene Qualitätsschub ist entscheidend für ein Opernhaus, das international in der ersten Liga mitspielen will.

Nun spitzen alle die Ohren, und die schon im Oktober hier Musik gehört haben, erhalten weitere Eindrücke. Auch Barenboim und die Staatskapelle sind nach seinen Worten beim Testen. Und tatsächlich liefern die Stücke unterschiedliche Hörergebnisse. Ausgewählt wurden Werke von drei Komponisten, die auch als Dirigenten an der Staatsoper tätig waren. Dabei spannt sich der Bogen von der Spätromantik bis in die jüngste Vergangenheit.

Den Anfang macht Felix Mendelssohn Bartholdy, der 1841 von Friedrich Wilhelm IV. als Kapellmeister nach Berlin berufen wurde. Von 1842 bis 1846 war er fester Dirigent der Sinfoniekonzerte der Hofkapelle. 1843 komponierte er in Berlin die Musik zu Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Daraus wurde das „Scherzo“ als Geburtstagsständchen gewählt.

Zart, leicht federnd und elfengleich schwebt es in kammermusikalischer Besetzung unter Barenboims Leitung durch den  Saal, doch so ganz scheint das fragile Stücklein von der verbesserten Akustik nicht zu profitieren. Die Töne (gehört im Parkett, 11. Reihe) glitzern nicht wie erwartet, ein Eindruck, den andere im nachhinein bestätigen.

Viel besser eigenen sich die „Notations” I-IV, VII von Pierre Boulez für den Saal, ursprünglich 12 superkurze „Klavierübungen“ des zwanzigjährigen Boulez, die er erst Jahrzehnte später in umfängliche Orchesterstücke verwandelte. Barenboim und Boulez wurden Freunde. 1980 hat er in Paris die Uraufführung der ersten vier Notations dirigiert, die Nr. VII dann 1999 in Chicago.

Für diese „Notizen“ ist der neue klare Klang in der Staatsoper wie gemacht. Auch sind die einzelnen Instrumente oder ihre Gruppen des Riesenapparats selbst beim Fortissimo noch herauszuhören. Die Bläser, insbesondere das Blech, setzen sich besonders in Szene, Posaunen und Basstuba beeindrucken, das vom Komponisten geforderte „sehr groß besetzte Schlagwerk“ kommt klar und knallig, und selbst die drei Harfen gehen im Klanggetümmel nicht unter.

Barenboim und die Staatskapelle bieten das großartig dar. Eine Reverenz an Boulez, der zwar 1967 in einem Spiegel-Interview gefordert hatte: „sprengt die Opernhäuser in die Luft!“, dann aber in Bayreuth den „Jahrhundert-Ring“ dirigierte und seit 1993 regelmäßig bei der Staatskapelle gastierte, die ihn 2005 zu ihrem Ehrendirigenten ernannte. Die sanierte Staatsoper würde er garantiert nicht in die Luft sprengen.
Höhepunkt des Abends wird jedoch „Ein Heldenleben“, op.40 von Richard Strauss, der diese sinfonische Dichtung in Berlin komponierte und 1899 hier uraufführte. Ein Jahr zuvor war er zum ersten königlich-preußischen Hofkapellmeister berufen worden, 1908 wurde er zum Generalmusikdirektor ernannt.

Sein Nachfolger Barenboim dirigiert das aufwändig instrumentierte Werk auswendig, gewinnt jedem der sechs Sätze die speziellen Farben ab, von der anfänglichen Kraftprotzerei bis zum friedlich-entsagungsvollen Ende. Hinreißend spielt die 25jährige, schon mit vielen Preisen bedachte Koreanerin Jiyoon Lee die Solo-Geige der Gefährtin im 3. Satz. In Berlin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ hat sie sich den letzten Schliff geholt und bringt das Superzarte genau so tonschön wie die kraftvollen Passagen.

Insgesamt gelingt Barenboim und den Seinen diese Dichtung exemplarisch, offenbart in dem akustisch aufgerüsteten Saal ihre ganze Schönheit und Raffinesse. Die Partitur strahlt und glitzert. Entsprechend groß ist der Jubel nach dieser heldischen Darbietung, auch für die fabelhafte Violinistin.

Ursula Wiegand

 

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