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BERLIN/ Staatsoper: ELEKTRA. Premiere

24.10.2016 | Oper

Berlin/Staatsoper: Eine mitreißende „ELEKTRA“ von Richard Strauss, Premiere, 23.10.2016

Evelyn Herlitzius (Elektra), Adrianne Pieczonka (Chrysothemis), Foto Monika Rittershaus
Adrianne Pieczonka, Evelyn Herlitzius. Copyright: Monika Rittershaus

Eine beklemmend-großartige „Elektra“-Aufführung wird diese Premiere in der Staatsoper im Schiller Theater, die letzte Regiearbeit von Patrice Chéreau aus dem Jahr 2013, die in Aix-en-Provence startete und nun – nach der Met und der Oper Helsinki – endlich auch in Berlin zu erleben ist. Insgesamt eine Koproduktion der Staatsoper mit dem Teatro alla Scala di Milano, dem Festival d’Aix-en-Provence, der Metropolitan Opera New York, der Finnish National Opera Helsinki und dem Gran Teatre del Liceu Barcelona.

Hier im Schiller Theater sei geprobt worden, erinnert Intendant Jürgen Flimm vor Beginn der Aufführung in bewegenden Worten. Dem im Herbst 2013 verstorbenen Chéreau soll sie durch eine hochkarätige Besetzung unter der Leitung von Daniel Barenboim gewidmet werden. „All’ unser Können wollen wir dafür aufbringen,“ verspricht Flimm. Das wird exemplarisch umgesetzt und mündet in eine Sternstunde.

Chéreau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi – ein Team seit dem legendären Bayreuther „Jubiläums-Ring“ von 1976 – haben sich auf Hugo von Hofmannsthals Text und dessen Affinität für den Hamlet-Stoff konzentriert. Vincent Huguet ist bei der Einstudierung Chéreaus uneitel-werktreuer Linie und dessen Personenführung gefolgt.

Auch Daniel Barenboim und die blendend aufgelegte Staatskapelle Berlin haben hörbar neu über Richard Strauss’ „Elektra“ nachgedacht. Sie musizieren hell wach und bringen eine ungemein spannende und packende „Elektra“. Alle Stimmungsschwankungen dieser jungen Frau und ihrer Umgebung werden eingehend durchleuchtet und übermittelt.

Evelyn Herlitzius (Elektra), Michael Volle (Orest), Foto Monika Rittershaus
Evelyn Herlitzius, Michael Volle. Copyright: Monika Rittershaus

Spielort ist eine graubraune Bühne. Durch die große Eisentür zur Linken wird später der tot geglaubte Orest eintreten. Stufen führen hinauf zu dem mit einem hohen klassischen Bogen versehenen Königspalast, ohne einen Blick ins düstere Innere freizugeben. Ein Umfeld zum Fürchten. Darunter ein kleiner Kellerraum ohne Mobiliar. Dort und auf den Stufen haust die des Palastes verwiesene Königstochter Elektra, die sich einen Wassereimer der Mägde greift, um ihr Gesicht zu waschen.

Chéreau hat Konzentration eingefordert. Ganz ohne Musik kehrt anfangs eine der Mägde die Treppe, rhythmisch, Stufe für Stufe, gefühlte Minuten lang. Umso wirkungsvoller dann der kraftvolle Einsatz des Orchesters. Evelyn Herlitzius als Elektra ist in ihre „Hundehütte“ gehuscht. Über sie, die alle immer so fürchterlich anstarrt, streiten sich derweil die Bediensteten.

Selbst diese kleinen Rollen sind mit großen Namen besetzt: mit Cheryl Studer als Vertraute und Aufseherin, Bonita Hyman als 1. Magd, Marina Prudenskaya als 2. Magd und Schleppträgerin, Katharina Kammerloher und Anna Samuil als 3. und 4. Magd sowie Roberta Alexander (!) als die fünfte. Den jungen Diener Florian Hoffmann ergänzt der Bayreuther Ex-Wotan Donald McIntyre als alter Diener. Sie alle geben ihr Bestes. Später erleben wir noch den 92jährigen Franz Mazura (einst den Gunther singend), der als Pfleger von Orest über die Bühne tapert.

Franz Mazura (Pfleger des Orest), Foto Monika Rittershaus
Frank Mazura (Pfleger des Orest). Copyright: Monika Rittershaus.

Star und Seele Aufführung ist die fabelhafte Evelyn Herlitzius. Die Partie der Elektra ist ihr in die Kehle und auf den Leib geschrieben. Hier verkörpert sie alles, was Chéreau in diese Rolle hineingedacht hat. Ihr glaubt man/frau alles, was sie singt und spielt, Einsamkeit und Angst, glühenden Hass und überraschende Zärtlichkeit.

Dieser Hass gilt bekanntlich ihrer Mutter Klytämnestra und ihrem Lover Aegisth, die den von der Tochter heiß geliebten Vater Agamemnon nach der Heimkehr aus dem besiegten Troja mit dem Beil im Bade erschlugen. (Die Vorgeschichte nach der griechischen Mythologie wird allerdings nicht thematisiert: die Opferung der gemeinsamen Tochter Iphigenie an die Götter im Tausch gegen günstige Segelwinde für die Fahrt nach Troja. Klytämnestra hat das Agamemnon nie verziehen.)

Elektra weiht ihr ganzes Leben dem Hass und der Rachsucht, singt beides expressiv und Gänsehaut verursachend hinaus. Doch wie anders klagt sie als Alleingelassene, den Vater vermissendes Kind, das täglich Blumen auf sein Grab streut, Zwiesprache mit ihm hält und ihn in vorbeihuschenden Schatten zu erkennen meint. Diese sehnsüchtigen Vater-Agamemnon-Rufe gehen ans Herz.


Waltraud Meier, Evelyn Herlitzius. Copyright: Monika Rittershaus

Ganz anders ihre sanftere Schwester Chrysothemis, die zwar auch auf den fernen Bruder Orest als Rächer hofft, selbst aber weg aus diesem finsteren Palast und hinaus ins Leben will, die gar einen Bauern heiraten würde, um Kinder zu bekommen. Adrianne Pieczonka mit ihrem lyrischen Sopran ist der überzeugende Gegenpol zur furiosen Evelyn Herlitzius. Zusammen mit Waltraud Meier als Klytämnestra bilden sie seit der Uraufführung in Aix-en-Provence ein perfektes Dreigestirn.

Waltraud Meier, die sich im Vorjahr aus ihrer langjährigen Isolde-Rolle zurückzog, zeigt sich hier als schöne, elegant gekleidete Königin im Gegensatz zu Elektra im hässlichen grauen Trägerhemd über zerbeulten braunen Hosen (Kostüme: Caroline de Vivaise). Eine feine Frau, der wohl niemand auf den ersten Blick die Beihilfe zum Gattenmord zutrauen würde. Auch eine Frau ohne Schuldgefühle, spiegeln doch ihre Klagen über schlimme Träume nur die Angst vor Orests Rache wider.

Es ist auch nicht Mutterliebe, dass sie plötzlich mit Elektra redet und sie umarmt. Von ihrer klugen Tochter erhofft sie lediglich ein Mittel gegen ihre Horrornächte, gegen die alle Tieropfer nicht helfen. Wie expressiv klingt jetzt ihr Mezzo, wie raffiniert töchterlich singt nun Frau Herlitzius ihre Rätsel bis zum zynischen Schluss, dass der Königin Blut das erforderliche Opfer sei.

Dann die Nachricht, Orest sei tödlich verunglückt, Klytämnestra fällt ein Stein von der Seele, doch Elektra will zum aufbewahrten Mord-Beil greifen. Wärme legt die Herlitzius in ihre Stimme, um der Schwester zu schmeicheln und zum gemeinsamen Mord an der Mutter und Aegisth zu bewegen. Beide ringen körperlich miteinander. Elektra wirft sich auf die am Boden Liegende, preist die Kraft deren Körpers, lässt gar eine versteckte, mehr als schwesterliche Liebe zu dieser einzigen Bezugsperson ahnen. Als Chrysothemis das Morden dezidiert ablehnt, wird sie von Elektra schneidend verflucht.

Gerade als die nun die Tat alleine wagen will, tritt der als Unglücksbote getarnte Orest auf den Plan. Das anfängliche Nichterkennen mündet in einen Glücksrausch. Kraft und Zärtlichkeit strömen aus Michael Volles Prachtbariton. Er umarmt und streichelt die verwahrloste Schwester. Liebt sie ihn als wieder gefundenen Bruder oder doch hauptsächlich als den sehnlich erwarteten Rächer? Das bleibt offen. Bald dringen die Schreie der ermordeten Mutter nach draußen.

Der heimkehrende Aegisth (Stephan Rügamer), dem sich Elektra als Fackelträgerin in der Dunkelheit andient, gelangt hier gar nicht in den Palast. Er wird draußen vor ihren Augen von Orests Pfleger (Franz Mazura) erdolcht. Das Volk jubelt und will Orest zum König ausrufen, verkündet die strahlende Schwester.

Und Elektra? Chéreau und seine „Testamentsvollstrecker“ lassen sie anders reagieren als gewohnt. Durch Orests Tat hat sie den Hass als Antriebskraft und damit den eigenen Lebensinhalt verloren. Nicht irrsinnig vor Glück wirbelt sie in den Tod. Schwankend vor plötzlicher Erschöpfung tanzt Evelyn Herlitzius, die ins seelische Nichts Gestürzte, nur einige vage Schritte. Dass Orest still vondannen geht, bemerkt sie gar nicht. Auf einer Bank sackt die erneut Alleingelassene tot zusammen.

Kurzes Stutzen des Publikums, doch dann prasselt lang anhaltender Beifall los. Bravorufe für das „Damen-Dreigestirn“ und Michael Volle, bei Evelyn Herlitzius noch mit Trampeln unterstützt, dass die Wände beben. Zwei Besucher applaudieren im ersten Rang intensiv mit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Gatte.

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 26 und 29. Okt., 01. und 4. Nov. , fast alle ausverkauft

 

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