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BERLIN/ Staatsoper:  „DON GIOVANNI“, bejubelte Premiere. Gesangsfest mit sonderbarem Schluss

03.04.2022 | Oper international

Berlin/ Staatsoper:  „DON GIOVANNI“, bejubelte Premiere, 2.4.2022, Gesangsfest mit sonderbarem Schluss

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Elsa Dreisig, Serena Sáenz, Riccardo Fassi, Bogdan Volkov, David Ostrek , Slávka Zámečníková.Foto: Matthias Baus

 

Don Giovanni“, uraufgeführt mit großem Erfolg 1787 in Prag und bald danach ein internationaler Dauerbrenner, ist laut E.T.A. Hoffmann „die Oper aller Opern“. Nun aber hat sie dieses Alleinstellungsmerkmal eingebüßt und gehört (nicht nur) an der Staatsoper Berlin zur MOZART-DA-PONTE-TRILOGIE, die jedoch keineswegs in dieser Reihenfolge entstanden ist. Doch alles steht und fällt mit der Besetzung. Die ist diesmal bestens gelungen und lässt nach manchem Zwischenbeifall das Publikum jubeln. 

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor und Chef der Staatskapelle Berlin, hat aus diesen drei Werken – erstmals mit nur einem Regisseur – dem Franzosen Vincent Huguet – einen Zyklus entwickelt, der angeblich in die Gegenwart  hineinreicht. Gemeint ist von den 1968ern mit den Studentenprotesten alias „Le Nozze di Figaro“, über die 1980’er Jahre mit „Così fan tutte“ bis in die Gegenwart, wofür „Don Giovanni“, der adlige Lüstling aus dem 18. Jahrhundert, herhalten muss.

Ganz neu ist Barenboims Idee nicht, realisierte er doch schon 1999-2001 einen Mozart-Da-Ponte-Zyklus. Don Giovanni lief dann wieder 2007 und 2012, letztere Version als Übernahme von den Salzburger Festspielen. Selbstverständlich prägt nun diese Trilogie die Festtage der Berliner Staatsoper, die rund ums Osterfest ein internationales Publikum herbeilocken. Allerdings werden die Werke nicht in der „richtigen“ Reihenfolge geboten. „Così fan tutte“ macht am 7.4. den Anfang, gefolgt von „Le Nozze di Figaro“ am 9.4. und „Don Giovanni“ am 10., 17. und 20. April.    

Was ist also das Heutige an diesem neuen „Don Giovanni“, der am 2. April an der Lindenoper Premiere hatte? Mozart hat dieses Stück als Dramma Giocoso bezeichnet und damit sogleich auf den doppelbödigen Inhalt hingewiesen. Wer sich bei der durch diverse Dur-Tonarten „spazierenden“ Musik nur entspannt zurücklehnt, hat Wolfgang Amadeus nur halb verstanden. Schon die schroffen „Moll-Blitze“ in der Ouvertüre weisen auf das verdient bittere Ende hin.

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Elsa Dreisig, Michael Volle, Serena Sáenz. Foto: Matthias Baus

Huguet, der die Trilogie als Porträt einer Generation betrachtet, sieht in „Don Giovanni“ die Reifezeit bis zum Tod. Mit diesem Gedanken plagt sich sein hiesiger Nachfolger – der Starbariton Michael Volle – sicherlich noch nicht ab. Angesichts der schönen, schlanken jungen Damen mit ihren fabelhaften Stimmen müsste jeder Verführer, egal welchen Alters, wieder munter werden.

Auf der von Aurélie Maestre schlicht ausgestatteten Bühne haben sie alle zwischen gestaffelten hohen Wandplatten mit Betonanmutung genügend Platz, darstellerisch ebenfalls zu überzeugen. Das müssen sie auch, betätigt sich doch der jetzige Don Giovanni als Modefotograf und hat immer wieder die Kamera in der Hand. An einer Wand hängt ein wohl vor Jahren gemachtes Foto, auf dem der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy Deutschlands Ex-Kanzlerin Angela Merkel küsst, was einige Besucherinnen und Besucher kichern lässt. Später ist ein Plakat zu sehen, das auf die Ausstellung des Fotografen mit dem Gesicht von Michael Volle hinweist, Dauer vom 2.4. – 20.4. . Es sind die Termine der Aufführung von „Don Giovanni“.  

Derweil machen jedoch andere das Rennen. Als Donna Elvira im schicken Lederanzug (Kostüme: Clémence Pernoud) begeistert die Sopranistin Elsa Dreisig, die ihrem einstigen 3-Tage-Lover immer noch auf den Fersen ist. In dunkler schlichter Eleganz erscheint zuvor Donna Anna, die ihren von einem Eindringling getöteten Vater, den Commendatore (Peter Rose), betrauert. Mit Slávka Zámečníková (aus Bratislava) erleben wir eine großartige Sopranistin, die nach ihrer ersten Arie sofortigen Beifall erhält.

In gleicher Weise bedankt sich das Publikum bei Bogdan Volkov, der seine Liebe zur geschockten Don Anna mit seinem lyrischen Tenor glaubhaft ausdrückt. Als spritzige Zerlina glänzt die junge, bildhübsche Spanierin Serena Sáenz, ein raffiniertes Girl, das auch als Model bella figura macht. „ Là ci darem la mano (reich’ mit die Hand, mein Leben), trällert Don Giovanni und lässt ihren ,  Ihren Mann Masetto, verkörpert der Bass David Oštrek, beiseite schaffen. Ein Adliger darf halt alles.

Er darf „natürlich“ seinen Diener Leporello schlecht behandeln. Der, Ricardo Fassi mit warmem Bass, singt nicht nur die „Registerarie“. Er zeigt Donna Elvira auch die Fotos der von Don Giovanni verführten Frauen per Video (von Robert Pflanz). Schließlich muss er sogar seinen grünen Anorak gegen des Chefs Anzug tauschen, damit der sich an Donna Elviras Zofe heranmachen kann. Statt seiner muss er sogar Elvira beglücken, was ihn aufgrund seiner Verkleidung als Don Giovanni alsbald in größte Gefahr bringt. In eine Mülltonne wird er gestopft. So sieht „giocoso“ (lustig) aus und ist vermutlich Mozarts kaschierte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in seiner Zeit.

Nach manch guten oder spaßigen Regie-Einfällen scheitert Regisseur Huguet jedoch am Schluss dieser Oper. Don Giovanni will sein bisheriges Leben nicht ändern. Der ermordete Commendatore – hier aber als Ankläger in einem Gerichtssaal tätig – verurteilt ihn zum Tode. Betten werden auf die Bühne gerollt, er stirbt an einer Giftspritze.

Während nun die von Don Giovanni benutzten Frauen und Männer in einem Sextett über die an ihm vollzogene gerechte Strafe  jubeln, steht der – Michael Volle – von den Feiernden unbemerkt am rechten Bühnenrand und schaut ihnen grinsend zu. Sie öffnen eine Schachtel mit einem blauen Getränk. Leporello füllt es in die Gläser, doch gleich nach dem ersten Schluck sacken sie zusammen. Waren es KO-Tropfen oder gar ein tödliches Gift?

Erst im 19. Jahrhundert sei Don Giovanni zum Bösewicht ernannt worden, wird im Programmbuch kritisiert. Das will Huguet nun offenbar ändern. Doch Daniel Barenboim mit der Staatskapelle, der Staatsopernchor, einstudiert von Martin Wright, und Mozart mit seinen Forte-Salven in d-Moll stemmen sich mit Wucht dieser Lesart entgegen, die unter persönlicher Freiheit auch Machtmissbrauch versteht. Die Verblüffung des Publikums ist so groß, dass Huguet nur wenige Buhs erhält. Stattdessen prasselt der Applaus, und der ist ansonsten voll verdient.  

Ursula Wiegand

 

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