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Berlin/ Staatsoper: „DIE SACHE MAKROPULOS“ von Leoš Janáček, Premiere

16.02.2022 | Oper international

Berlin/ Staatsoper: „DIE SACHE MAKROPULOS“ von Leoš Janáček, Premiere, 13.02.2022

makropulos mit marlis petersen (emilia marty) und ludovit ludha (albert gregor), foto monika rittershaus
Marlis Petersen (Emilia Marty) und Ludovit Ludha (Albert Gregor). Foto: Monika Rittershaus

„Die Sache Makropulos“ an der Staatsoper Berlin ist eine echt tolle Sache geworden, die großes Lob verdient. Bei diesem Dreiakter von Leoš Janáček, der nur knapp zwei Stunden braucht, um in Ton und Text eine geheimnisvoll spannende Story zu erzählen, stimmt hier wirklich alles.

Die Oper, die auf einem Text  von Carel Ĉapek basiert, wird hier auf Tschechisch gesungen. Bei einer Oper von Janáček ist das wichtig, da er alle nach der heimatlichen Sprachmelodie komponiert hat.

Für die Sängerinnen und Sänger, die diese schwierige Sprache erst lernen mussten, war das sicherlich eine harte Arbeit. Doch niemand von ihnen kommt bei der Premiere – auch dank der Souffleuse – in Nöte. Das Publikum liest den Text auf Übertiteln in Deutsch und Englisch.

Ob dieses auf verschiedenen Ebenen angesiedelte Musiktheater gelingt und auch anfangs Grübelnde in seinen Bann zieht, hängt von der Besetzung der Hauptrolle Emilia Marty ab. Diese Partie sang im Juni 2004 die damals 64jährigen Anja Silja, ein Star seit ihren Jugendjahren. Ihre Bühnenpräsenz überzeugte nach wie vor, ihr Sopran nicht mehr hundertprozentig.   

makropulos, makropulos mit marlis petersen (emilia marty) und lara mohns als kleine emilia, foto monika rittershaus
Marlis Petersen (Emilia Marty) und Lara Mohns als kleine Emilia. Foto: Monika Rittershaus

Nun singt und spielt die wesentlich jüngere Marlis Petersen diese fordernde Partie, und beides macht sie sensationell. Auch figürlich ist sie genau die Richtige. Zwar muss sie sich in dieser Rolle eiskalt geben, legt aber doch eine gewisse Wärme in Janáčeks Musik und findet für alle Passagen eine besondere Gestaltung.

Zusammen mit dem Janáček erfahrenen Dirigenten Simon Rattle und der Staatskapelle Berlin bringt sie diese nicht leicht in die Ohren gehende Musik den Zuhörenden nahe. Gemeinsam vermitteln sie das Suchtpotential, das gerade diese Oper besitzt. Auch sämtliche Nebenrollen sind durch Adriane Queiroz, Anna Kissjudit,  Žilvinas Miškinis und Jan Ježek auffallend gut besetzt.  

An der Inszenierung von Claus Guth gibt es diesmal ebenfalls nichts zu mäkeln. Die Personenverdoppelung, die zu seinen Eigenarten zählt, macht hier durchaus Sinn. Wenn sich der Vorhang hebt, sind zunächst wallende Nebel zu sehen und heftiges, angestrengtes Atmen zu hören, so als ringe eine Person um ihr Leben.

Wenn es lichter wird, erblicken wir ein kleines Mädchen in barocker Kleidung, das alsbald ein Fläschchen leert. Das ist Emilia Marti als Kind, gespielt von Lara Mohns. Ihr Vater, Leibarzt von König Rudolf II, hat auf dessen Wunsch ein Trünklein gebraut, das sein Leben zumindest deutlich verlängern soll. Des Arztes Tochter dient als Testperson. Sie fällt in Ohmacht, überlebt jedoch diesen Versuch.

Die dritte Person, eine alte Frau mit Stock im weißen langen Hemd (Inge von Krottnaurer), schlurft auch mitunter über die Bühne und zeigt Emilia als alte Frau, was diese erschreckt. Emilia, nun 337 Jahre alt und nach wie vor schön, spürt allerdings eine zunehmende Kraftlosigkeit. Unbedingt braucht sie Vaters Zaubertrank, um weitere 300 Jahre zu leben.

In dieser Situation wirkt die Kanzlei von Dr. Kolenatý mit ihren braunen Wänden und unzähligen Schubfächern beinahe gemütlich, alle anderen Räumlichkeiten dagegen eisig. Das Bühnenbild von Étienne Pluss passt insofern zur seelischen Erkaltung dieser Frau.

In der Kanzlei geht es schon seit hundert Jahren um den Erbschaftsstreit Gregor gegen Prus und um ein Landgut des letzteren. Wer aus welcher Familie ist der wahre Erbe? Noch immer fehlt das Testament. Albert Gregor (Ludovit Ludha) wartet schon ungeduldig auf den Ausgang dieses erneuten Prozesses.

Zusammen mit dem Anwalt erscheint auch Emilia Marty in der Kanzlei als selbstbewusste schicke Frau von 37 im hellen Mantel (Kostüme: Ursula Kudrna), eine Operndiva, für die Albert Gregor schwärmt. Aufgrund ihres Alters weiß sie genau, wo dieses Testament zu finden ist.

Der Anwalt, überzeugend verkörpert vom Bass Jan Martiník, glaubt ihr kein Wort und bleibt cool, doch alle anderen Männer verlieben sich sofort in sie, auch der Kanzleivorsteher Vítek (Peter Hoare), der ihr folgt und gleichermaßen Liebeswahn und Mordgelüste empfindet. Auch seine Tochter Krista (Natalia Skrycka), ebenfalls Opernsängerin, himmelt Emilia an, erkennt aber, dass sie gegenüber dieser Konkurrentin keine Chance mehr hat.

Ansonsten sind es die Männer, die sie umschwärmen „wie die Motten das Licht“ und mitunter richtig zudringlich werden. Dass sie infolge des Zaubertranks ihres Vaters 337 Jahre alt ist, kann niemand erkennen. Doch alle Avancen widern sie eher an, ihre Gefühle sind schon lange erloschen.

Die betörende Stimme ist ihr ebenfalls erhalten geblieben, und so reist sie von Opernhaus zu Opernhaus und wird überall gefeiert. Selbst das berührt sie nicht mehr. Alles in ihr und um sie herum ist nur noch eiskalt.

Dazu passt auch der klinisch weiße Garderoben-Kubus, in dem sie sich beim Szenenwechsel stets eine neue Perücke aufsetzt, um so tapfer und freudlos weiterzuleben. Auf der Bühne, deren drei Teile sich auf einer Schiene verschieben lassen, erscheint Emilia Marty auch mal als Madame Butterfly. Nach dem Schlussapplaus sitzt sie in einer tristen Operngarderobe, wo ihr die anstürmenden Verehrer auf die Nerven gehen.  

Doch Selbstmord wie die verlassene Japanerin will Emilia Marty nicht begehen, sondern unbedingt den Brief ihres Vaters mit der Zauberformel erlangen, mit der sie ihr Leben erneut verlängern könnte. Der Baron Jaroslav Prus (Bo Skovhus!), der Marty schon als junger Mann geliebt hat, tut ihr aufgrund einer versprochenen Liebesnacht den unerlaubten Gefallen, möchte sich aber hinterher aufgrund ihrer Gefühllosigkeit selbst vor Scham ins Gesicht spucken.

Außerdem hat sich sein einziger Sohn Janek (Spenzer Britten) gerade ihretwegen erschossen, doch dass berührt sie keineswegs. Welch eine schlimme Geschichte und welch ein armseliges Leben. In dieser Aufführung entsteht jedoch dank Marlis Petersen und Simon Rattle, der die Musik zuletzt aufrauschen lässt, eher Mitleid als Hass und Verachtung für diese hilflos gewordene Emilia Marty, die manchmal außerdem von Tanzer/innen und grotesk agierenden Personen (Komparsen) umzingelt wird.

Schließlich hält sie den heiß begehrten versiegelten Umschlag in Händen, den sie einst dem Baron Prus, dem einzigen Mann, den sie je liebte, anvertraut hatte. Er enthält die Formel ihres Vaters Hieronymus Makropulos. Sie ist also Emilia Makropulos. Alle anderen Namen, die sich ebenfalls als E.M. abkürzen ließen, hat sie sich im Laufe ihres Lebens selbst zugelegt und so die Spuren ihrer Herkunft verwischt.

Wie freudlos und fremd ihr das deutlich verlängerte Dasein geworden ist, wird E.M. erst jetzt bewusst. Den Zettel mit der Zauberformel drückt sie Krista in die Hand, die ihn sofort verbrennt. Aufrecht geht Emilia dem Tod entgegen und erteilt zusammen mit Janáček dem weit verbreiteten Wunsch nach einer herbeigezauberten Lebensverlängerung eine deutliche Absage.

Angesagt sind nun aber der Jubel des Publikums in der voll besetzten Staatsoper und die hoch verdienten Bravi für die großartige Marlis Petersen, die diese schwierige Oper zum Erfolg geführt hat. Auch Simon Rattles Dirigat hat alle begeistert. Selbst dem Regieteam wird kräftig applaudiert. „Die Sache Makropulos“ ist durch den spürbaren Einsatz aller Mitwirkenden zu einer ermpfehlenswerten Sache gediehen.   

 Ursula Wiegand

Weitere Termine:  16., 19., 22. 25. und 27. Februar

 

 

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