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BERLIN/ Staatsoper: DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR von Otto Nicolai

Eine lohnende Wiederentdeckung

04.10.2019 | Oper


Pavol Breslik, Anna Prohaska. Foto: Monika Rittershaus.

Berlin/ Staatsoper:DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR“ von Otto Nicolai, eine lohnende Wiederentdeckung, 03.10.2019

Ausgerechnet René Pape als Sir John Falstaff, das kann doch nicht funktionieren, so die Bedenken vorab. Doch das klappt, hier nicht bei Verdis „Falstaff“, aber beim Dreiakter, den der Berliner Otto Nicolai nach Shakespeares „The Merry Wives of Windsor“ komponierte und sein Werk als komisch-phantastische Oper bezeichnete.

Schon sehr lange hat sich das Publikum in der Staatsoper Unter den Linden, die eher das Ernste und Erhabene pflegt, nicht so amüsiert, die Autorin inklusive. Das Staunen und Gekichere beginnen, als René Pape im Fatsuit und Sandalen auf die Bühne schlurft. Als reichlich vergammelter alter Kerl mit fettigen Haarstränen. Das befleckte weiße T-Shirt ist zu kurz und lässt einen ständig vorgestülpten Bauchnabel über der hängenden Dreiviertelhose sehen (Kostüme: Falko Herold).  


Rene Pape und Chor. Foto: Monika Rittershaus.

Der junge Regisseur David Bösch, der nach erfolgreichen Inszenierungen an anderen großen Häusern erstmals an der Staatsoper Berlin tätig ist (und auch das Libretto von Salomon Hermann Mosenthal etwas modernisierte), bringt Pape, der in seinen Wagner- und anderen Edel-Partien oft etwas steif wirkt, nun zum Spielen.  Aber wie!

Der Star hat offensichtlich Spaß an diesem Rollenwechsel und wirft bzw. schlurft sich komplett ins Geschehen. Der Kontrast zwischen diesen schäbigen Klamotten und seinem edlen Bass könnte größer kaum sein. Dieser Falstaff wirkt nicht wie ein Ritter, sondern eher wie ein schon länger Obdachloser. In der Tat ist der gealterte, einsame Falstaff eine tragische Figur, den nur noch der Suff – am liebsten zusammen mit anderen – über Wasser hält.

Später singt Pape auch mal schmunzelnd Grönemeyers: „Männer sind so verletzlich. Männer sind einfach unersetzlich.“ So scheint er sich immer noch zu fühlen, vertraut auch auf sein Ritter-Renommee aus längst vergangenen Zeiten und sendet bekanntlich an zwei verheiratete Frauen einen identischen Liebesbrief.

Die beiden „Weiber“, Frau Fluth und Frau Reich, sitzen in Morgenmänteln und Pantöffelchen Sekt trinkend auf der Terrasse ihrer benachbarten Schlicht-Bungalows im Look der 1970’er Jahre, ausgestattet mit Pool, Grill, Grünzeug und Wäschespinne. Eigentlich alles da, was damals einen bürgerlichen Haushalt ausmachte, doch die Langeweile der beiden scheint groß zu sein.

Daher regen sie sich – Mandy Fredrich als Frau Fluth mit Glitzersopran, und Michaela Schuster mit saftigem Mezzo als Frau Reich – gerne über diese identische Anmache von Sir John auf. So etwas schafft Beschäftigung, sogleich sinnen sie auf Rache und spielen das mit Humor und manch gewollter Übertreibung.

Auch die beiden Ehemänner sollen ihr Fett abkriegen, vor allem der dauereifersüchtige Herr Fluth, eine Partie, die dem stets spielfreudigen Michael Volle auf den Leib geschneidert zu sein scheint und durch seinen klangvollen, variantenfähigen Bariton wesentlich bereichert wird. Der traut seiner aparten Frau Seitensprünge mit allen zu, selbst – mit Blick Richtung Daniel Barenboim am Pult – dem Generalmusikdirektor.

Selbst wenn er später voller Wut über den in der Wohnung nicht entdeckten Sir John die Möbel zertrümmert und beim zweiten Versuch vergeblich im nicht mehr als Versteck dienendem Wäschekorb mit der Motor-Gartenschere herumstochert, entgleist ihm bei allem Furor dennoch kein Ton.

Als weitere Luxusbesetzung in der Männerriege ist unbedingt Pavol Breslik als Fenton zu nennen. Wie jung sieht er als mittelloser Student in seinem grünlichen Anorak aus, und wie jung und überzeugend klingt auch sein weltweit zu Recht gefeierter Tenor. Doch kein Wunder, wenn solch ein „Supergirl“ wie die Sopranistin Anna Prohaska in allerkürzesten Hotpants als Partnerin singt und agiert. Mal lyrisch-melancholisch, mal mit perlenden Koloraturen. Da wird – trotz „Me-too“ – von beiden Seiten gestreichelt und geknutscht, wie das zwei Liebende halt tun.

Vater Reich (Wilhelm Schwinghammer mit profundem Bass) will seine Anna jedoch keinesfalls dem armen Fenton zur Frau geben, sondern dem Junker Spärlich – Linard Vrielink, der stets klimagerecht mit dem Radl daherkommt und immer wieder mit hörenswertem jugendlichem Tenor die Begehrte mit „Du schöne Anna“ anschmachtet. Ein weiterer Konkurrent für Fenton ist der hoch gewachsene Anzugträger David Oṧtrek als Dr. Cajus mit seinem kräftigen Bariton. Auch die beiden beweisen ihr Schauspieltalent.   

Eine Pool-Party mit Falstaff  und dem munteren Chor, einstudiert von Martin Wright, bleibt auch nicht aus. Noch trinkt Sir John die Mitfeiernden unter den Tisch, hockt zuletzt aber allein am Beckenrand.

Im Schlussakt wird die durchaus gewagte Rache der beiden Frauen perfekt. Die als der spukende Ritter Herne und sein Gefolge verkleideten Nachbarn bedrängen Falstaff. Der fürchtet um sein Leben, rutscht verzweifelt auf den Knien den gesamten Beckenrand entlang. Welch eine Demütigung!

Doch beim Ende gut – alles gut streichelt Herr Fluth reuig und liebevoll den Bauch seiner offensichtlich schwangeren Frau. Ob das Baby wohl von ihm ist oder vielleicht vom schicken Dr. Cajus? Dem aber springt nun der zierliche Junker Spärlich in die Arme. Anstelle von Anna haben sich die zwei Männer – beide nun im Ballett-Kostüm und auf High Heels – als Partner gefunden, und das Publikum lacht. 

Die meisten Anwesenden verlassen mit einem Lächeln im Gesicht den ausverkauften Saal. Sie freuen sich, dass Daniel Barenboim in diesem Jahr zum Tag der Deutschen Einheit – zusammen mit der mal duftig, mal energisch aufspielenden Staatskapelle Berlin – etwas Lustiges mit Hintersinn gewählt hat.

Mit dieser Wahl erinnert er auch daran, dass „Die Lustigen Weiber von Windsor“ am Hause im Jahr 1849, also vor 170 Jahren, uraufgeführt wurden. Ihre Wiederbelebung ist gelungen. Der mehrfache Zwischenbeifall – u.a. für Pape, Volle und Breslik sowie der kräftige Schlussapplaus auch fürs Regieteam sprechen eine deutliche Sprache.  

Ursula Wiegand

Weitere Termine: am 05., 10., 11., 13. und 19. Oktober   

 

 

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