Berlin/ Staatsoper: WA „Dido & Aeneas“ an der Staatsoper Berlin, 18. Oktober 2025!
Mit Sasha Waltz’ Dido & Aeneas kehrt ein moderner Klassiker des Musiktheaters an die Staatsoper Unter den Linden zurück. Die 2005 erstmals präsentierte „choreografische Oper“ gilt längst als Markenzeichen der Berliner Regisseurin – und zeigt, wie radikal Körper und Klang miteinander verschmelzen können. Zwischen barocker Melancholie und zeitgenössischer Bewegungssprache entfaltet sich ein Abend von suggestiver Kraft und klarer Handschrift.
Waltz lässt die Bühne nicht nur Erzählraum, sondern auch Bewegungsraum werden. Klassische Kulisse tritt zurück, stattdessen dominieren choreografische Körper in Rhythmen und Formen – mal wie Wellen, mal wie Gruppenströme, mal wie zerfallende Ensembles. Bühnenbild und die Choreografie arbeiten eng zusammen: Raum wird nicht als Tiefenfläche genutzt, sondern als Bühne für dynamisches Werden und Vergehen – die Figuren bewegen sich nicht nur im Drama, sie sind Teil des Dramas. Dadurch entsteht ein visueller Puls, der Purcells Musik nicht nur begleitet, sondern sie körperlich erfahrbar macht.
Die Aufführung koppelt sich an die Originalmusik von Purcell, doch unter Waltz’ Hand wird Musik nicht einfach inszeniert, sondern visuell interpretiert. Sänger und Chorszenen sind gelegentlich eingebettet in Tanzformationen, Bewegung übernimmt semisprachliche Funktion. Die musikalische Linie bleibt, aber der dramaturgische Rhythmus bekommt eine neue Dimension – Pausen dehnen sich, Bewegungen kommentieren, statt nur zu illustrieren. Der Chor, das Orchester und das Tanzensemble treten gleichberechtigt auf.
Sängerisch wird die Aufführung weitestgehend vom hauseigenen Ensemble getragen. Natalia Skrycka ist diese Königin von Karthago. Gyula Orendt als Aeneas ist eine sichere Bank. Der stets charismatische Bariton bewältigt die hohe Partie ausgesprochen gut, wenngleich man über einige fragwürdige Vokalverfärbungen in Tiefe und Mittellage hinweg sehen muss. Doch auch darstellerisch ist man von ihm eingenommen und überzeugt. Mit leicht-luftigem Sopran ist Aphrodite Pataoulidou eine bezaubernde Belinda mit großer Ausstrahlung. Auch die übrigen Partien sind mit Jingjing Xu, Hanseong Yun, Junho Hwang und Álvaro Diana ordentlich besetzt.
Das musikalische Fundament wird getragen von zwei Ensembles, die in der Barock-Szene hohes Ansehen genießen: dem Chor Vocalconsort Berlin und dem Periodeninstrument-Orchester Akademie für Alte Musik Berlin (Akamus). Zusammen entfalten sie unter Christopher Moulds einen transparenten, atmenden Purcell-Klang, der barocke Strenge mit tänzerischem Puls verbindet. Das Ensemble phrasiert mit klarer Artikulation und feiner Farbigkeit; gerade in den leisen Momenten entsteht eine berührende Spannung zwischen Präzision und Emotionalität. Der Vocalconsort Berlin fügt sich dabei als gleichwertiger Partner in das choreografische Geflecht ein. Der Klang bleibt homogen, flexibel und von einer bemerkenswerten inneren Ruhe, die gerade in den Klagemomenten von fast sakraler Intensität ist.
Karsten Meyer

