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BERLIN/ Staatsoper: DER ROSENKAVALIER in der Heller-Inszenierung

02.04.2026 | Oper international

Der Rosenkavalier. Berlin 31.3.2026

os

Dass Christian Thielemann nicht auf Neuinszenierungen besteht, sondern auch am Pult seiner Staatskapelle steht, wenn ältere Produktionen wieder aufgenommen werden, ist nicht so selbstverständlich. Andererseits: Wenn man so die Risken von szenischen Neudeutungen in Erwägung zieht, ist das eine adäquate Reaktion (und ein treffender Kommentar zu heutigen Regieleistungen, bei denen die Regisseure immer öfter weniger leisten, als sich etwas leisten). Bisher hat er das beim Wozzeck (Andrea Breth) praktiziert, nächste Saison kommt Tristan und Isolde statt in der Tscherniakow-Regie als Harry Kupfer-Klassiker.

Und diesmal? Für diesen Rosenkavalier stammt die Regie zwar von einer Legende, aber keiner Regielegende. André Heller hat einen Rosenkavalier auf die Bühne gestellt, der viel an Bewährtem festhält, ein paar hübsche neue Ideen entwickelt hat und keine Scheu vor mangelnder (besser: vor der Vermeidung gewollter) Originalität und ein bisserl Kitsch zeigt. Wenn das dem Feuilleton nicht gefällt – so what! Unterstützt wird die Szenik von Xenia Hausners Sets (ein bisschen Japonismus bei der Marschallin, abgeklatscher Jugendstil auf Koste es, was es wolle, ein Palmenhaus mit afrikanischem Zelt statt dem gemeinen Beisl [Heller verstand nie, warum das junge Ding vom Land nicht in etwas exotischere Ambience eingeladen wird als in ein Vorstadtbeisl) und leganten Kostümen (Arthur Arbesser). Nicht immer sind die Ideen absolut geschmackssicher: Der Notar ist invalid, der Arzt hält sich für eine Hauptrolle, Faninal ist völlig in Gold gekleidet. An gewisse Brüche in den Kostümen (einzig Octavian im 2. Akt ist reinstes Rokoko) ist man ja schon fast gewohnt, aber zeitlos Elegantes für die Marschallin und Tracht für Ochs passen allemal und tragen sogar die postmodernen Brüche, die die Anachronismen in Libretto und Partitur widerspiegeln, ins Szenische.

Gesungen und gespielt wird in den Hauptrollen exzellent. Julia Kleiter hat sich zu einer idealen Marschallin entwickelt: schlank, attraktiv und jung genug wirkend, dass der Abschied vom Rofrano keiner von Jugend und Eros ist, sehr textdeutlich und frei von stimmlichen Schärfen. Peter Rose kann zumindest in der nicht übergroßen Lindenoper mit seinem kultivierten Bass alle Anforderungen der Partei immer noch erfüllen (naja, so voll tönen „beschämt“ und „zu lang“ nicht, aber sie sind da) und ist darstellerisch in der Lage, die schwierige Gratwanderung zwischen Baron und Landcasanova auf den Punkt zu bringen. Sein Dialekt ist nicht schlecht („impeccable“ wäre allerdings übertrieben). Dafür kriegt man authentischen niederösterreichischen Bauerntrampelton in Überfülle, wenn Patricia Nolz als Mariandl aufdreht. Sonst ist sie ein besonders fescher, temperamentvoller Graf Octavian. Welcher noch so begabte Mezzo könnte schon bei den ersten Aufführungen die bekannt schwierige Rolle so gestalten, dass gar kein Wunsch übrigbleibt (insb hohe Töne, denen man gar keine Anstrengung anmerkt)? Schon jetzt erfüllt sie die allermeisten Wünsche, ganz besonders in den Duetten mit Nikola Hillebrands hinreißender Sophie: So abgerundete Höhen, so klare Diktion sind rare Sopherl-Gaben, die nicht bloß Octavian bezaubern. Die beiden Stimmen harmonieren ganz hervorrangend. Wie wäre es demnächst mit Hänsel und Gretel?

Die Nebenrollen zeigen die Ensemblekultur der Berliner Staatsoper. Zumindest der Sänger (Andrés Moreno García) ist außerordentlich, Faninal (Roman Trekel) sehr ordentlich, wenn auch nicht allzu expressiv, beim Intrigantenpaar gibt es Besuch vom Währinger Gürtel („Charlie“ Ebner) und aus Dresden (Christa Mayer), der Wirt (Stephan Rügamer) ist ein spätherbstlicher Charaktertenor (sonst Mime, Herodes, Narr im Wozzeck uva), erwartungsgemäß ohne Meidlinger L (das hört man vermutlich nicht einmal von der Intendantin) und spielt sich zusätzlich im zweiten Akt als Faninals Haushofmeister fast zu viel in den Vordergrund. Dafür ist die Leitmetzerin (Daniela Köhler) unscheinbar und unhörbar (obwohl in deutschen Landen auch schon als Sieglinde und Kaiserin erfolgreich). Eher blass geraten der Notar (Jaka Mihelač) und besonders Friedrich Hamels Polizeikommissar (aber in dieser Partie ist der Wiener mit Wotans, Bartolos und Leporellos verwöhnt).

Setzt man sich wegen dieser Sänger acht Stunden in den Zug oder gibt es einen noch wichtigeren Grund? Gar so viele Könner, die alle süffigen, subtilen und drastischen Facetten der Partitur gleichermaßen austarieren und für eine grundsätzlich zügige Realisierung mit ausreichend Räumen für die besinnlicheren Momente sorgen können, gibt es auch wieder nicht. Und da der eine davon den Rosenkavalier nun mal noch nie in Wien dirigiert hat, muss man eben vor 6.13 am Hauptbahnhof sein. Christian Thielemann, der Wagner-, Strauss- und Brucknertraumdirigent hat es wieder mal bewiesen, in seiner besonders ausdifferenzierten Dynamik und Agogik (mit spannungsberstender Generalpause vor dem Schlussterzett). Es ist auch schön, wie sehr er und das Orchester einander inzwischen verstehen und miteinander zaubern. Selbst wenn der Lokalpatriotismus bei manchen Klarinetten-, Oboen- und Konzertmeistersoli durchschlägt, weil man die noch souveräner, seelenvoller und – sagen wir es halt – wienerischer im Ohr hat, nötigt die Orchesterleistung insgesamt größten Respekt ab. Vielleicht kommt er ja doch noch mal mit dem Rosenkavalier auch an den Ring. Bis dahin muss eben der Berg zum Propheten. Dass man da nicht allein war, zeigte sich schon daran, dass man in den Pausen öfter „Octávian“ statt „Octavián“ hören konnte.

Robert Fucik

 

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