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BERLIN/ Staatsoper: DAS RHEINGOLD via Arte – Räume mit monumentalem Anspruch

30.10.2022 | Oper international

Richard Wagners „Rheingold“ via Arte am  29.10. 2002 in der Staatsoper Unter den Linden/BERLIN

Räume mit monumentalem Anspruch

  Die Inszenierung und das Bühnenbild von Dmitri Tcherniakov (Kostüme: Elena Zaytseva; Video: Alexey Poluboyarinov) zeigen elf wuchtige Räume eines Forschungszentrums, in denen sich auch Aufzüge und eine riesige Esche befinden. Vor allem der große Rundsaal besitzt einen monumentalen Anspruch, der sich bei Wotans Gang nach Nibelheim noch in gewaltiger Weise verstärkt. Da werden die einzelnen Stockwerke dann hinauf- und hinuntergefahren, in gleißendem Licht sieht man Kaninchenställe zwischen statischen Eisenformaten. Deutlich wird immer wieder, dass Götter und Riesen aus diesem großen Gefängnis auszubrechen versuchen. Sie können ihrem Schicksal aber nicht entrinnen. Das geschieht gleich zu Beginn, wenn Alberich sich als Versuchsperson im Forschungszentrum die Kabel und Schnüre vom Leib reisst und gegen sein Schicksal und die ihn umgebenden „Krankenschwestern“ in heftiger Weise aufbegehrt. Die Rheintöchter sind hier Gehilfinnen einer imaginären Macht, die nie ihr wahres Gesicht zeigt. Johannes Martin Kränzle gelingt es als Alberich  die ungeheure Zwiespältigkeit dieser Figur deutlich werden zu lassen. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn er das Gold im ersten Bild in Form eines Forschungsinstrumentariums an sich reisst und später dann den von den Göttern geraubten Ring verflucht. Da scheint die Zeit still zu stehen.  ist ein grandioser Wotan mit fulminantem Bass, der vor allem im Schlussbild einsam an der Esche lehnt und über sein Dasein Michael Volle nachsinnt. Der Gang der Götter über die Brücke wird dabei fast auf eine Ein-Personen-Sequenz reduziert. Zuvor hat man farbige Bänder entrollt, um die Vielgestaltigkeit dieser Schluss-Szene zu unterstreichen. Lauri Vasar entfesselt als Donner tatsächlich mythologische Kräfte, wenn er vor der Esche Nebel und Feuer beschwört. Die Riesen Fasolt und Fafner agieren mit Mika Kares und Peteer Rose  mit des Basses famoser Grundgewalt, wobei der verzweifelte Kampf um die Göttin Freia ( mit beweglichem hohen Sopran: Anett Fritsch) bei Pistolenschüssen eskaliert. Fasolt wird von Fafner kurzerhand erschossen. Nachdem Freia den Göttern von den Riesen zuvor geraubt wurde, hätte man sich noch eine stärkere Akzentuierung der alternden und sich allmählich verwandelnden Götter gewünscht.

Überhaupt würde Dmitri Tcherniakovs Inszenierung noch an Qualität gewinnen, wenn er die mythologischen Aspekte mehr berücksichtigen würde. Das hat er mit der überdimensionalen Esche ja schon angedeutet – daraus ergibt sich dann auch das stärkste Bild dieser Inszenierung. Auf der anderen Seite kann man sich mit der ersten Szene mit den Rheintöchtern und Alberich nur schwer anfreunden. Hier bleibt die Personenführung zu statisch. In weiteren Gesangsrollen überzeugen ferner Claudia Mahnke als Fricka mit eindringlichen Kantilenen ihres tiefen Soprans, Anna Kissjudit als das Magische unterstreichende Erda sowie der wandlungsfähige Froh von Siyabonga Maqungo. Rolando Villazon scheint sich in die Rolle des Loge erst noch hineinfinden zu müssen, hier gab es auch Widerspruch im Publikum. Beklemmend werden in der Inszenierung die Szenen zwischen Alberich und seinem Bruder Mime gestaltet, wobei hier auch die Personenführung beweglicher zu werden scheint. Stephan Rügamer vermag als Mime immer wieder differenzierte Klangfarben zu beschwören, die den Ausdrucksreichtum seiner Stimme vergrößern. Feine dynamische und gesangliche Steigerungen bieten Evelin Novak als Woglinde, Natalia Skrycka als Wellgunde sowie Anna Lapkovskaja als Flosshilde.

Was Christian Thielemann als Dirigent mit der Staatskapelle Berlin leistet, kann man als Offenbarung der Wagner-Interpretation bezeichnen. Das Musikalische tritt hier keineswegs hinter dem Dramatischen zurück, sondern beide Elemente ergänzen sich gegenseitig. Gleichzeitig wird hier mit einer unglaublichen Durchsichtigkeit musiziert, zuweilen scheint man jedes Instrument heraushören zu können. So blitzt beispielsweise das Rheingold-Motiv mit einer starken Präzision auf. Auch das Speer- und Vertrags-Motiv zeigen mit ihrer abwärts schreitenden Tonleiter bei dieser Wiedergabe ein überaus markantes Profil. Singstimmen und Orchester scheinen sich gerade bei der Schlüsselszene zwischen Fricka und Wotan in idealer Weise zu ergänzen. Der Konversationston zwischen den Protagonisten wirkt aber nicht aufdringlich. Insgesamt besitzt die musikalische Gestaltung eine großartige, elektrisierende Spannungskraft. Die erschütternde Gewissheit des Welt-Endes wird hervorragend herausgearbeitet. Sie zeigt sich vor allem im letzten Bild mit Michael Volle als Wotan. Den robusten rhythmischen Gegensatz der täppischen Riesen zur lyrischen Intensität Freias beim Schönheits-Motiv hebt Thielemann mit der Staatskapelle Berlin ebenfalls ausdrucksstark hervor. Claudia Mahnke kann als Fricka die Zärtlichkeit der zögernden Hausfrau beim Minne-Motiv ebenfalls ausgezeichnet betonen. So wachsen die einzelnen Themen und Motive bei dieser ausgefeilten Interpretation gut zusammen. Dies gilt ebenso für das Hereinbrechen des Unheils über die Lichtalben durch die Schwarzalben, was starke Lichteffekte unterstreichen.

Am Schluss gab es kaum Widerspruch im Publikum, begeisterten Schlussapplaus, viele „Bravo“-Rufe und Ovationen für Christian Thielemann und die Staatskapelle Berlin.

Alexander Walther

 

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