Berlin/ Staatsoper: Verdis „AIDA“. Hinreißende Stimmen führen zum Erfolg. 06.10.2023

Elina Garanca, Marina Rebeca. Foto: Herwig Prammer
Ist es Lernunfähigkeit der Verantwortlichen oder schlicht Bequemlichkeit, dass an einigen Opernhäusern diejenigen Regisseure den Auftrag für eine Neuinszenierung erhalten, die ihr nicht mehr vorhandenes Können bereits mehrfach bewiesen haben?
Oder erwartete man in der Staatsoper Berlin, dass der Name Calixto Bieito trotz seiner vermurksten Lohengrin-Regietat vor rund zwei Jahren nach wie vor zieht? Das wäre ein Irrtum.
Der Katalane, der einst speziell mit Sex & Crime populär wurde, scheint jedoch ausgedient zu haben. Gut Durchdachtes fällt ihm offenbar nicht mehr ein. Konfus wirken außerdem die ständigen Videos von Adrià Reixach, die wohl die ganz in Weiß gehaltene Bühne (Bühnenbild: Rebecca Ringst ) verlebendigen sollen, aber eher stören.
Also müssen die Sängerinnen und Sänger die eklatanten Schwächen dieser neuen AIDA ausgleichen, und darauf hat man wahrscheinlich gesetzt. Doch schon am Anfang ergibt sich die Frage, warum der junge kampfbereite Radamès sogleich mit einer Spielzeugpistole herumfummeln muss.
Will er die heiß geliebte Sklavin Aida erschrecken? Das „celeste Aida“ beweist das Gegenteil und füllt so laut das angebliche Schloss, dass die Wächter geschwind Maßnahmen ergreifen müssten.
Diese Sonderbarkeit ist allerdings Giuseppe Verdi und seinem Librettisten zuzuschreiben und wird sogleich zum Prüfstein für jeden Tenor. Jonas Kaufmann, der vor einiger Zeit in der Pariser Inszenierung bei diesem Soforteinstieg kaum punkten konnte, musste allerdings eine Mumie – wohl die einstige Aida – im Arm halten, was ihn verständlicherweise nicht animierte.
Insofern kann sich der Berliner Radamès – Yusif Eyvazov – glücklich schätzen, dass ihm solches erspart bleibt. Sein kraftvoller Tenor schildert überzeugend und tonrein seine heimliche Liebe zu der Sklavin Aida und wird – anders als bei der Premiere – mit Bravorufen belohnt.
Bekanntlich wird der junge Krieger von zwei wirklich schönen Frauen begehrt, also auch von Amneris, der Tochter des Pharao, klangreich gesungen von Grigory Shkarupa, einem russischen Bassbariton.
Amneris, der Mezzo-Star Elīna Garanča, trägt ein güldenes Kleid und darüber einen üppigen Pelzmantel, vermutlich keinen echten. Auch die sicherlich arme Sklavin im grünen Glitzerkleid (Kostüme: Ingo Krügler) kann sich sehen und hören lassen.
Denn mit Marina Rebeca als Aida ist diese Partie bestens besetzt. Für ihren gelenkigen Sopran ist keine Höhe zu hoch und keine Tiefe zu tief. Feine Phrasierungen und ihre reine Intonation erfreuen die intensiv Lauschenden. Mit Lebendigkeit und Ausdruck singt und spielt sie ihre anspruchsvolle Rolle.
Doch wie eine Löwin kämpft ihre raffinierte Rivalin Amneris ebenfalls um Radamès. Elīna Garanča geht dabei völlig aus sich heraus. Nichts mehr von nordischer Kühle, sondern lodernde Leidenschaft beim Kampf um Radamès, der ihre Gefühle jedoch nicht erwidert.
Die Zuspitzung des Geschehens nimmt derweil weitere Formen an. Unglaublich, wie der äthiopische König Amonasro (Gabriele Viviani mit kraftvollem Bariton) seine verzweifelte Tochter Aida erpresst, um mit ihrer Hilfe den Schleichweg zu erfahren, auf dem Radamès zusammen mit ihr flüchten will.
Ihr Vater zwingt sie also, ihren Geliebten zu Gunsten von Äthiopien und zum Vorteil von ihm selbst zu opfern. Und es braucht schon solche Interpreten, um die Abgründe dieser Oper auszuleuchten. Und es braucht auch die Staatskapelle Berlin, geleitet von Nicola Luisotti und den fabelhaften Chor des Hauses, einstudiert von Dani Juris, um dieses Drama dem Publikum überzeugend darzubieten.
Glaubhaft singt und spielt auch Yusif Eyvazov, als ihm klar wird, dass er leichtsinnig zum Verräter geworden ist. Aidas Liebe kann ihm die verlorene Ehre nicht mehr ersetzen.
Schon vor der Verurteilung durch den Hohen Priester Ramphis – stramm gesungen vom Bass René Pape – den Amneris vergeblich um Milde anfleht, hat sich Radamès von allen Lebensträumen verabschiedet. Verdi gemäß verflucht Amneris den strengen Priester und kauert sich verzweifelt in eine Ecke. Sehr bereut sie ihre Eifersucht, die dieses Unglück verursacht hat. Jetzt ist Radamès nicht mehr zu retten.
Textgemäß wird er in einen tiefen lichtlosen Bau geworfen, in dem er verhungern muss. Da sich zuvor auch Aida hineingeschlichen hat, sterben sie nun freudig gemeinsam.
Bieito zerstört diesen ergreifenden Schluss, gesellt sich doch plötzlich Amneris zu dem sterbenden Liebespaar. Das aber haucht sein Leben nicht in einem Kerker aus, sondern auf der Bühne neben Amneris. Sie ist es, die dem vergeblich Geliebten alsbald eine schwarze Totenkappe aufsetzt.
Dennoch haben letztendlich Verdi und die außergewöhnliche Sängerschar unter Führung von Marika Rebeka und Elīna Garanča allen Regie-Unsinn besiegt. Das wird vom zu Recht begeisterten Publikum mit tosendem Beifall und standing ovations honoriert. Weitere Aufführungen am 12., 15. 19. 22. und 29. Oktober.
Falls es aber doch noch Bieito-Fans geben sollte, können sie sich die Lohengrin-Wiederaufnahme im April 2024 zu Gemüte führen. Dann wird wohl – vermutlich wie vorher Roberto Alagna – auch Klaus Florian Vogt als Lohengrin ein gefaltetes Papierbötchen als Transportmittel in der Hand halten.
Ursula Wiegand

