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BERLIN/ Staatsballett: Van Dijk | Eyal mit „DISTANT MATTER“ und „HALF LIFE“,

11.03.2019 | Ballett/Tanz

„DISTANT MATTER“. Foto: Jubal Battisti

Berlin / Staatsballett Berlin: Van Dijk | Eyal mit „DISTANT MATTER“ und „HALF LIFE“, 10.03.2019

Würde es in den Opernhäusern Phonmessgeräte für Beifalls- oder Missfallenskundgebungen geben und die nicht nur bei Premieren, sondern auch bei den Folge-Vorstellungen, wüssten die Intendanten genauer, was das Publikum begeistert und was nicht. Nicht das „gesunde Volksempfinden“ ist damit gemeint. Doch ob Top oder Flop ist letztendlich für die Gesamtauslastung entscheidend und auch ein Hinweis darauf, ob sich beispielsweise das Staatsballett Berlin unter der neuen Intendanz auf dem richtigen Weg befindet.

Diese 2. Vorstellung des Doppelabends Van Dijk | Eyal mit „DISTANT MATTER“ und „HALF LIFE“ legt solche Gedanken nahe. Schon der Applaus nach dem ersten Stück war weit stärker als bei vielen klassischen Balletten. Und ob die Rekonstruktionen, das „back to the roots“, die Lösung welche ist, bleibt nach teils mäßigem Applaus die Frage.

Viele Tanzfans wollen nicht nur die überzuckerte Märchenwelt der Vergangenheit, sondern echt Neues, das dem heutigen Leben entspricht. Nach „HALF LIFE“ ist die Komische Oper auch diesmal fast explodiert, wie bei der Premiere.  

Immerhin ist dieses Stück von Sharon Eyal und Gai Behar seither zum 14. Mal überaus erfolgreich gelaufen, und nicht wenige sind schon mehrmals hingegangen. Jetzt hilft es, „DISTANT MATTER“, das zum 2. Mal zu sehen ist, zu unterfüttern. Was am 15. Februar als Premiere und Uraufführung angekündigt wurde, galt nur für die Choreographie von Anouk van Dijk!

Jedenfalls hat „HALF LIFE“ diese halbe Premiere gerettet und tut es weiterhin. Zuletzt Jubel, begeistertes Gekreische, standing ovations – und das nicht nur von den zahlreichen jungen Leuten, die sich nun wieder für das Staatsballett Berlin interessieren, seit endlich überzeugende und lange vermisste zeitgenössische Choreografien zu sehen sind, Werke von zwei Frauen, die in der Gegenwart zu Hause sind.  

„DISTANT MATTER“ entwickelt sich allmählich. Bei stampfendem Beat vom Tonträger (Musik von Jethro Woodward) erscheint zunächst nur eine Frau auf der Bühne, nach und nach kommen weitere Tänzerinnen und Tänzer hinzu. Aus ihrem Stehen und Schreiten entwickeln sich allmählich Rennen, Hüpfen und Körperbiegungen.  

Alle sind schwarz gekleidet, die eine Protagonistin trägt ein Hütchen mit Ohren, eine andere einen Motorradhelm, der auch das Gesicht verdeckt (Kostüme:  Jessica Helbach). Ein Mann hat ein schwarzes Netz vorm Gesicht.

Schließlich füllen 7 Personen die Bühne, machen plötzliche Drehungen, huschen aneinander vorbei, sind alle irgendwie in Bewegung, stoppen sie plötzlich ab, meiden aber jeden Kontakt miteinander. Ein einziger Pas de deux ist zu sehen und beeindruckt mit außergewöhnlicher Körpersprache.

Das Ganze ist die von Anouk van Dijk entwickelte „Countertechnique“, die  – so heißt es im Programmheft – über das Körperliche hinausgeht. Kurz gefasst sollen sich die Tanzenden selbst und den sie umgebenden Raum bewusst wahrnehmen und hochkonzentriert auf Veränderungen reagieren. Sie sollen „sowohl physisch als auch mental voll und ganz in den Moment der Performance“ hineingeben.

Das klingt sehr prätentiös. Müssen sich nicht alle Tänzerinnen und Tänzer, wenn sie als Gruppe agieren, hochkonzentriert bewegen? Siehe die fast artistischen Nummern beim Nederlands Dans Theater, dessen Gastspiele die Berliner jedes Mal stürmen. Dann ist absolute Wachheit und Reaktionsschnelligkeit auf die Bewegungen der anderen in Vollendung zu erleben. Verglichen damit ist van Dijks „Countertechnique“ beinahe ein Kinderspiel, erntet aber dankbaren Applaus.

„HALF TIME“. Foto: Jubal Battisti

„Half Life“ von Sharon Eyal und Gai Behar aus dem Jahr 2017 ist demgegenüber wirklich keine halbe Sache. Diese eigentlich ganz „einfach gestrickte“ Choreografie ist ein Knaller und packt das Publikum sofort. Schon der Technobeat von Ori Lichtik hämmert sich in Herz und Hirn genauso machen es die sich ständig wiederholenden Bewegungen.

Eine Frau und ein Mann beginnen. Sie – Danielle Muir – trippelt auf halber Spitze und bewegt nur die Arme mit den zu Fäusten geballten Händen auf und ab vor der Brust. Und das fast während des gesamten Stückes, so als wolle sie sich schützen vor der anbrandenden Begierde der Männer und ihre eigenen Gefühle nicht herauslassen. Der Mann neben ihr mit auffällig vorgeneigtem Unterkörper schwingt derweil minutenlang das rechte Bein schräg über das linke.

Dann aber rückt langsam eine Elfergruppe an, auch Frauen sind mit dabei. Sie alle schließen zu den Solisten auf, werden nicht aggressiv, wirken aber in ihrer stampfenden Gesamtheit bedrohlich. Die Damen tragen zumeist helle Ganzkörperanzüge, die Herren bauchfreie Leibchen, oft zu knappen Slips, die das Gesäß weitgehend frei lassen (Kostüme und Maske: Rebecca Hytting).

Sex liegt in der Luft, wenn sie nun alle im immer gleichen Rhythmus auf der Stelle treten. Das ist Trance trächtig, ergreift auch die Zuschauerinnen und Zuschauer. Plötzlich geraten die Tänzer/innen außer sich. Nun fliegen die Arme, drehen sich die Köpfe, die Körper zucken, und die Hüften schieben sich nach vorne, während die ganze Gruppe zur Seite und wieder zurück schwingt. Heftig und mitreißend ist das. Ein großer Tänzer sucht mehrfach die Annäherung an die „Front-Frau“, die begehrlich den Kopf nach hinten wirft, doch ihre Fäuste bewegen sich weiter schützend vor der Brust.

Zuletzt kommen alle wieder mittig zusammen und stampfen erneut wie am Anfang, aber deutlich stärker. Das erinnert an Ravels Bolero. Abrupt geht dann das Licht aus. Schluss, Ende, gefolgt von einem fast endlosen phonstarken Jubel mit – wie schon erwähnt – „standing ovations“.  Genau  das begeistert das Publikum. Hingehen! 

Ursula Wiegand 

Weitere Termine dieses Doppelabends: 15. und 25. März, 01., 11. und 14. April, 30. Mai und 1. Juni

 

 

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