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BERLIN/ Staatsballett: NEUJAHRSGALA 2021 gestreamt. From Berlin with love

03.01.2021 | Ballett/Tanz

Berlin/ Staatsballett, gestreamte NEUJAHRSGALA 2021 „From Berlin with love“, 01. Jan. 2020

Staatsballett Berlin, Zero, Von Und Mit Ross Martinson, Foto Yan Revazov
Staatsballett Berlin: ZERO von und mit Ross Martinson. Foto: Yan Revazov

Die gute Nachricht zuerst: Sie können noch tanzen, die Damen und Herren vom Staatsballett Berlin. Doch zum zweiten Mal sind sie durch einen verschärften Shutdown gezwungen, ihre Fitness und Eleganz den Zuschauern/innen per Stream zu beweisen.

Da alle Opernhäuser und Säle mindestens bis zu 10. Januar geschlossen sind, musste auch die zum Jahreswechsel geplante Ballett-Gala auf der großen Bühne der Deutschen Oper Berlin abgesagt werden.

Voraussehbar war dieser striktere Lockdown durchaus, doch sehr spät scheint sich das Staatsballett Berlin entschlossen zu haben, ein schlichteres streambares Ersatzprogramm zu erstellen. Erst am 29.12.2020 kam eine entsprechende Pressemeldung. „Das Staatsballett Berlin…. tanzt auf der großen Bühne einige der schönsten Programmpunkte seines Repertoires, klassisch und zeitgenössisch, leidenschaftlich und virtuos.“

Irgendetwas Neues war also nicht zu erwarten, doch einiges habe ich gerne wiedergesehen. So die Choreografien aus dem Projekt LAB_WORKS COVID_19, die die Tänzer Arshak Ghalumyan und Ross Martinson während des langen Lockdowns im vergangenen Frühjahr entwickelt hatten.

Mit Ghalumyans „MARE CRISIUM“, einer modernen Arbeit, getanzt von Filipa Cavaco, Weronika Frodyma, Sarah Hees-Hochster, Eloïse Sacilotto und Pauline Voisard beginnt der Stream. Nach den sich ständig wiederholenden Techno-Takten von Karl Jenkins bewegen sich die Fünf temperamentvoll, schwingen die Arme, Beine und ihrer Körper. Disco-Tanz der feineren Art, der sich anders als im Saal vor dem Fernseher oder dem Bildschirm mittanzen ließe.

Das aber erst nach der anfänglichen Bühnen-Schwärze, in der die Fünf wie ein verlorenes Häuflein wirkten. Undeutlich für die Zuschauer/innen tanzten sie zunächst in einem dunkelgrauen Nebel. War das so gewollt oder ein Beleuchtungsfehler? Erst als die Kamera näher heranfährt, gewinnen die Figuren die nötige Schärfe.

Generell vermisste ich die Farbkontraste. Die Tänzerinnen trugen weiße Bustiers auf blasser Haut, vier von ihnen dazu schwarze schwingenden Hosenröcke. Nur eine, wohl als Mittelpunkt gedacht, besaß einen weißen. Dagegen trug die Tänzerin auf dem Ankündigungsfoto eine leuchtend blaue Hose.

An Farben fehlte es auch bei den folgenden Stücken. Selbst perlenbestickte Edelkostüme in weiß sind fürs Streamen eher ungünstig, wenn die Szenen nicht gekonnt ausgeleuchtet werden. Kontraste sind die bessere Wahl.

Bei der folgenden Choreografie – „THE ZERO“, ein Solostück von Ross Martinson, ist der bräunlich-rote Anzug okay, zumal die Kamera stets auf Martinson gerichtet ist. Diese Choreografie imponierte mir schon bei der Uraufführung im letzten Sommer, hat doch Martinson ein Gesamtpaket geliefert. Der skurrile Text sowie Soundcollage und Licht – alles hat er selbst entwickelt. Auch tanzt er diese außergewöhnliche Rolle, gelenkig wie eine Gliederpuppe und sich immer wieder sonderbar verrenkend.

Ständig führt er, schon länger ein Patient in einem Sanatorium (einer Nervenheilanstalt), Selbstgespräche auf Englisch oder antwortet auf Fragen von Ärzten, die jedoch nicht zu sehen sind. Schon seit mehr als 900 Jahren sei er im Sanatorium, erzählt er ihnen.

Völlig gesund sei er auch und sitze immer so, wie er halt seit mehr als 900 Jahren sitze. Offenbar fühlt er sich als Hund. Dieses nicht nur amüsante Superstück, dargeboten von einem Bewegungskünstler, ist mein absolutes Highlight, wurde aber gekürzt. Dass der Menschenhund oder Hundemensch zuletzt tot zusammenbricht, fehlt bei dieser Gala.

Was aber garantiert nicht fehlt, ist „SCHWANENSEE“, genauer gesagt der Pas de deux im vierten Akt. Der wird nach Tschaikowsky-Musik in den schon erwähnten weißen Edelkostümen höchst perfekt von Yolanda Correa und Dinu Tamazlacaru getanzt.

Nach meiner Einschätzung ist Tamazlacaru, ein bescheidener Star, der beste und ausdrucksstärkste der Solisten. Bei diesem traditionellen Pas de deux punktet er durch Charme, makellose Technik und die für ihn typische Serie von weiten, elastischen Sprüngen, die in normalen Zeiten sofort bejubelt werden.

Überzeugend ist auch Elisa Carrillo Cabrera in „FÜR ELISE“, einer relativ neuen Choreografie, die Arshak Ghalumyan für sie kreiert hat. Die überaus bekannte Etüde, die Alina Pronina auf dem Flügel spielt, übersetzt Cabrera mit schön schwingenden Bewegungen in Beethovens Sehnsucht nach dieser Elise.

Mit Tschaikowskys „NUSSKNACKER“ gilt es nun, die zu dieser Jahreszeit üblichen Nüsse zu knacken. Mit Verve tun es die Tokioterin Aya Okumura und der Kubaner Alejandro Virelles beim Pas de deux aus dem zweiten Akt.

Okumuras Beinarbeit ist Sonderklasse, und bei den sich häufenden Pirouetten gibt es nicht den kleinsten Wackler. Virelles, in roter Hose und hellblauem Oberteil (!) unterstützt sie mustergültig und überrascht bei seinem Solo ebenfalls mit weiten Sprüngen. Hoffentlich halten das seine Knie noch eine Weile aus. Der Stream lässt sich noch unter www.staatsballett-berlin.de über Youtube anschauen.

Vladimir Malakhov, vor Jahren (nicht nur) für seine Sprünge weltberühmt, musste dieser Belastung später Tribut zollen. Daran denkend fragen sich wohl viele, wann das Staatsballett Berlin nach den schlechten Erfahrungen mit seinen Nachfolgern (Nacho Duato und der nicht funktionierenden Doppelspitze Öhman-Waltz) endlich eine neue tatkräftige Leitung erhält, die das Staatsballett Berlin wieder in eine internationale Spitzenposition bringt. Ursula Wiegand

 

 

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