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BERLIN/ Staatsballett in der Staatsoper: SYM-PHONIE MMXX von Sasha Waltz & Guests

14.03.2022 | Ballett/Tanz

Das Staatsballett Berlin und Sasha Waltz & Guests zeigen in der Staatsoper die Welturaufführung SYM-PHONIE MMXX.  13.03.2022

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SYM-PHONIE MMXX von Sasha Waltz. Foto: Bernd Uhlig

Das Staatsballett Berlin und Sasha Waltz & Guests zeigen in der Staatsoper die Welturaufführung SYM-PHONIE MMXX.  13.03.2022

Aktueller als diese Kreation von Sasha Waltz könnte eine Uraufführung nicht sein. Die römischen Zahlen MMXX = 2022 deuten auf die Gegenwart, doch schon 2020 hatte sie diese Choreographie entwickelt, die jedoch aus Pandemiegründen verschoben werden musste.  

Damals hatte Sasha Waltz die Unterdrückungen in Hongkong im Sinn, doch jetzt passiert noch Schlimmeres und fast schon hautnah. Diese plötzliche bestürzende Realität spüren sofort alle im großen Saal der Staatsoper Berlin und  denken an den Krieg in der Ukraine und das Leid, das die Kampfhandlungen und Bombardierungen heraufbeschwören.

Dazu passt unerwarteterweise die Musik des renommierten Komponisten Georg Friedrich Haas, ein Auftragswerk von Sasha Waltz. Nach zahlreichen Opern ist „SYM-PHONIE MMXX“ sein erstes offizielles Bühnenwerk für den Tanz, engagiert dargeboten von der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Ilan Volkov. Mitunter klingt es aus dem Graben, als würden Bomben fallen und Geschosse durch die Luft zischen.

Gleich zu Beginn liegen einige der 21 Tänzerinnen und Tänzer wie gestrandete Flüchtlinge in einer Ecke der dunklen Bühne (konzipiert von Pia Maria Schriever) auf dem nackten Boden, ehe sie langsam aufstehen. Während der folgenden, pausenlos abrollenden 90 Minuten bleibt ihr Umfeld weitgehend dunkel.  

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SYM-PHONIE MMXX von Sasha Waltz. Foto: Bernd Uhlig

Kein tröstendes Licht, keine Hoffnung bei dieser Düsternis. Diesen Eindruck vermitteln auch die von Bernd Skodzig kreierten, zumeist schwarzen Kostüme. Sasha Waltz hat dieses Stück mal als „Tanz auf dem Vulkan“ bezeichnet, doch der neue Hintergrund ist viel dramatischer.

Zu Gruppen-Skulpturen finden sich einige zunächst zusammen, doch Trost scheinen sie selbst nahe beieinander nicht zu erfahren. Ihre bestens einstudierten und variantenreichen Gesten zeigen stets Hilflosigkeit, Schmerz und Verzweiflung. Hin- und her fluten sie schließlich alle, doch die Frage „wohin“ steckt allen sichtlich in den Gliedern. Das so verlebendigte Gruppengeschehen verstärkt sogar den Eindruck der Ratlosigkeit. Gewaltattacken von Männern gegen Frauen gibt es ebenfalls. Die wenigen, rasant getanzten Pas de deux verdienen  diesen Namen eigentlich nicht.

Eine Tänzerin, offenbar eine Flüchtende, hat keine Kraft mehr. Sie taumelt, wird von Männern mehrfach aufgefangen, stirbt aber vor Entkräftung. Etwa in der Mitte des Stücks schweigt die Musik 20 Minuten lang, währenddessen weitere Erschöpfte oder auch Tote vorsichtig von den Kräftigeren auf den Boden gebettet werden.

Das Mitleid der Stärkeren gegenüber den völlig Erschöpften oder Gestorbenen gehört zu den berührendsten Szenen dieser Choreographie. Die Musik wird nun ebenfalls sanfter. Beides passt zur heutigen krassen Realität, jedoch auch zur allgemeinen Hilfsbereitschaft. Täglich kommen tausende Flüchtlinge in polnischen Städten, in Berlin und anderswo an, wo sie versorgt werden. Auch diesbezüglich ist das vor zwei Jahren geschaffene Stück indirekt sehr aktuell.

Doch dann stehen fast alle Tanzenden wieder auf und bewegen sich mit Tempo und neuem Mut in diversen Formationen. Die Musik vermittelt nun ebenso etwas Hoffnung wie  die hellen langen Kleider einiger Tänzerinnen. Ein kleiner Lichtblick zum Schluss? Leider nicht.

Denn nun flüchten alle Tanzenden von der Bühne, weil sich drohend eine große Holzdecke auf sie herabsenkt. Der letzte Tänzer entgeht nur eilig und geduckt dem Erdrücktwerden. Es hilft also leider nur die Flucht. Ein prophetischer Schluss. Leider.

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SYM-PHONIE MMXX von Sasha Waltz. Foto: Bernd Uhlig

Das spürbar aufmerksame und beeindruckte Publikum spendet schließlich anhaltenden Beifall für alle Mitwirkenden, auch für Sasha Waltz, die wegen der Verschiebung das richtige Stück zum genau richtigen Zeitpunkt geliefert hat. Kein parfümiertes Märchen aus angeblich besseren Zeiten, sondern die krasse Gegenwart, gestaltet mit Können und Engagement von einer internationalen Tänzerschar.  

 Ursula Wiegand

Nur noch zwei weitere Termine gibt es, am 18.03. und 19.03.2022. Die sollte niemand versäumen.

 

 

 

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