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BERLIN/ Staatsballett in der Staatsoper: ONEGIN in Vollendung

27.02.2015 | Ballett/Tanz

Berlin/Staatsballett in der Staatsoper:ONEGINin Vollendung, 26.02.2015

Polina Semionova als Tatjana, Wieslaw Dudek als Onegin, Foto Enrico Nawrath
Polina Semionova als Tatjana, Wieslaw Dudek als Onegin, Foto Enrico Nawrath

Onegin“, dieses ereignisreiche Handlungsballett, und Polina Semionova als Tatjana – das muss großartig werden, haben sicherlich viele Tanzfans vermutet und füllen die Staatsoper im Schillertheater bis auf den letzten Platz. Doch die Erwartungen werden noch übertroffen, es wird ein Ausnahme-Abend.

Wir erleben klassischen Balletts in seltener Vollendung, denn sämtliche Hauptrollen sind high class und 100prozentig passend besetzt. Doch das ist nicht alles. Die Protagonisten leben das, was sie hoch artifiziell darbieten. Ihre Gesichter und Gesten legen alle Gefühlsschwankungen offen. Es ist halt eine Choreographie von John Cranko.

Wie spritzig und gelöst wirbelt nun Iana Salenko übers Parkett (Bühne und Kostüme: Elisabeth Dalton), verkörpert vom Zeh bis zur Haarspitze die süße, lebenslustig-leichtsinnige Olga. Wie weggeblasen ist ihre gewisse Verspanntheit, erlebt bei der Dornröschen-Premiere am 13. Februar, bei der sie offenkundig zu sehr auf den „sauberen russischen Tanzstil“ (den sie ohnehin besitzt) fixiert worden war.

Darüber hinaus hat sie mit dem fabelhaften Dinu Tamazlacaru einen total überzeugenden Lenski, der seine Gedanken und Gefühle ebenfalls mit dem ganzen Körper auszudrücken versteht. Seine Verliebtheit gepaart mit jugendlichem Überschwang glaubt man/frau ihm sofort. Danach seine abgrundtiefe Enttäuschung und seinen Zorn über Olgas zu heftigen Flirt mit dem als Gast mitgebrachten Onegin. Wie Tamazlacaru vor dem Duell seine Ahnung um den für ihn tödlichen Ausgang heraustanzt, jedoch stolz jede Versöhnung ablehnt – das geht zu Herzen. Hat Puschkin sein eigenes Ende geahnt, als er diese Novelle, die Vorlage für das Libretto, schrieb?

Dank Tschaikowskys schöner, tanzgerechter Musik, von der Staatskapelle Berlin unter Wolfgang Heinz animierend gespielt, werden hier auch die „Massenszenen“ nicht zu Langweilern. Knackig-lustig wirkt anfangs der Bauerntanz, elegant schwingend der Ball im Haus von Fürst Gremin. Der Zwischenapplaus lässt nicht auf sich warten.

Nun „unsere“ Polina, die sich klugerweise ihre Freiheit bewahrt und sich bisher nur als Gast wieder ins Staatsballett Berlin integriert. Die Liebe und verdiente Bewunderung, die sie hier (und allenthalben) genießt, hat rein gar nichts mit Lokalpatriotismus zu tun. Alle sind überzeugend, doch sie ist der Star, einer (eine) ohne Allüren.

Gleich anfangs, als sich diese schüchterne Leseratte Hals über Kopf in den Dandy aus der Stadt verliebt und eigentlich nicht viel zu tanzen hat, zieht sie alle Blicke auf sich. Ihr nächtliches Briefschreiben, ihre mühsam beherrschte Spannung bei der Übergabe des Briefes, das ängstliche Warten auf ein positives Zeichen und schließlich ihre abgrundtiefe Enttäuschung über Onegins provozierenden Tanz mit ihrer Schwester Olga – dieses Wechselbad der Gefühle gestaltet sie mit jeder Körperfaser.

In Wieslaw Dudek, dem Principal Guest aus Polen, hat auch sie den idealen Partner, einen, der Hochmut und virile Eleganz nicht nur mit perfekter Technik beglaubigt. Die Spannung wächst – wie werden diese beiden den alles entscheidenden Schluss gestalten?

Jahre sind nach diesem Jugend-Desaster vergangen, und Tatjana zeigt sich als ungemein zärtliche und dankbare Gattin des deutlich älteren Fürsten Gremin (Martin Szymanski). Zwei reife Menschen, die einander achten und lieben. In der Oper Onegin singt er an dieser Stelle: „Ein jeder kennt die Lieb’ auf Erden“ und vertraut ausgerechnet dem wieder aufgetauchten Onegin an: „unsagbar liebe ich Tatjana“.

Bekanntlich entdeckt Onegin nach Jahren des sinnentleerten Herumtreibens plötzlich seine Liebe zu der einst verschmähten Tatjana, wirft sich ihr zu Füßen, greift sie. Vergeblich versucht sie, sich ihm zu entwinden, bis auch sie von ihren einstigen Gefühlen erneut überwältigt wird. Ein verzweifelter Rausch, faszinierend, ergreifend und atemberaubend anzuschauen.

Gänsehautgefühl allein schon wegen der fast artistischen Sprünge, mit denen sich Polina in Dudeks Arme wirft und sich um seinen Körper schlingt. Ein verantwortungsvoller, sicherlich Kraft kostender Part, von Dudek mit Verve gemeistert.

Wie fordernd dieser tänzerische und emotionale Aufruhr war, ist den beiden beim tosenden Schlussbeifall zunächst noch anzumerken. Wie aus der Trance tauchen sie auf, erst danach das entspannte Lächeln. Großer, anhaltender Jubel für alle, für Polina und Wieslaw mündend in „standing ovations“. Die Zuschauer spüren es deutlich – sie haben eine Sternstunde erlebt. Ursula Wiegand

Weitere Termine, jedoch in teils anderer Besetzung am 22. März und 10. April

 

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