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Berlin/Staatsballett in der Komischen Oper: LAB_WORKS COVID_19, Choreographien aus der Isolation

06.09.2020 | Ballett/Tanz

Berlin/ Staatsballett in der Komischen Oper: LAB_WORKS COVID_19, Choreographien aus der Isolation, 05.09.2020

Beim ersten Auftreten des Staatsballetts mit dem Stück „From Berlin with Love“ am 28.08. in der Deutschen Oper entstand der Eindruck, dass die monatelang wg. Corona pausierenden Tänzerinnen und Tänzer diesen Lockdown weitgehend überwunden haben, selbst wenn der große Glanz der gesamten Compagnie  noch fehlte.

Doch wie stark sie tatsächlich unter dieser Isolation gelitten und welche Ängste und Depressionen sie heimgesucht haben, wird erst jetzt bei „LAB_WORKS COVID_19“ in der Komischen Oper deutlich.

Daheim auf begrenztem Raum weiter hart zu trainieren, später in den Proberäumen mit entsprechendem Abstand und dabei nur auf ein Ende der Zwangspause hoffen zu können –  das muss für viele eine psychische Belastung gewesen sein. Im Alter um die 40 enden Tänzerkarrieren. Umso nachteiliger ist es, wenn die Zeit ohne Auftritte verrinnt.

Die jungen Damen und Herren sind jedoch nicht in Trübsal und Verzweiflung stecken geblieben. Sie haben daraus eigene, mutige und auch fantasiereiche  Choreographien für sich selbst und/oder die im Haushalt befindlichen Kolleg*innen entwickelt.

In insgesamt neun Uraufführungen zeigen sie, wie wichtig der Partner oder die Partnerin in dieser dunklen Zeit war. Zumindest für einige. Kleine Gedichte und Überlegungen der Tanzenden zu ihren Stücken, die ihre Gefühle zeigen, sind im Programm abgedruckt.

Nur ein Stück aus der Gala DU BIST DIE RUH’ ist auch hier zu sehen. Erneut wirbelt Yolanda Correa im langen schwingenden grauen Gewand zunächst ruhelos über die Bretter, aber diesmal ohne den Cellisten auf der Bühne, wie es in der Deutschen Oper der Fall war.


WAVES OF FLESH mit Dana Pajarillaga und Lukas Malkowski. Foto: Yan Revazov

Dass viele Stücke fast im Dunkeln spielen, fällt gleich bei der ersten Choreographie „WAVES OF FLESH“ auf. Der Titel ist Programm. Mit nackten Oberkörpern bewegen sich Dana Pajarillaga und Lukas Malkowski. Er trägt sie zunächst über die Bühne, bald aber rollen sie einander begehrend auf dem Boden hin- und her.

Optimistischer gerät das 2. Stück: „I’M HERE NOW“, getanzt von Jenna Fakhoury und Paul Vickers. Wie dem hinzugefügten Text zu entnehmen ist, haben die beiden während der Zwangspause auch Gutes erlebt, das ihr inneres Chaos aufgehellt hat. Sie haben ein Licht entdeckt, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass es das gibt. Und sie zeigen es mit Temperament.

Ganz anders „THE ZERO“, komplett entwickelt und getanzt von Ross Martinson, der mich bereits bei einer Mini-Gala, gestreamt vor Beginn der Theaterferien, hat staunen lassen. Einen Text auf Englisch sprechend steht er, stolpert und windet sich wie ein Schlangenmensch. Er erzählt von einem Hunde-Sanatorium, und es geht darum, dass die Hunde seit 900 Jahren so sitzen, wie sie halt sitzen. Vermutlich ist er selbst eher Patient in einer Nervenheilanstalt. Öfter fordert er dazu auf, ihm auf die Nase und in die Augen zu schauen. Dann würde man feststellen, dass er völlig gesund ist. Mehrmals geschieht das, bis er am Boden zusammenbricht.

Zu exotischer Musik folgt „LOve distaNT“ (genau so geschrieben), ein Stück mit Tropen-Ambiente, dargeboten von Marco Arena und Vivian Assol Koohnavard. Trotz aller Annährungsversuche wird nichts aus dem Miteinander. Auch bei der Liebe sei Abstand nötig. Wohl auch eine Lebensweisheit in Coroa-Zeiten.

In „91_DIVOC“ ist erneut Dana Pajarillaga zu sehen, diesmal aber kombiniert mit der Tänzerin Weronika Frodyma. Die dazugehörigen Zeilen enthüllen noch mehr als die Tanzschritte, was sich in den vergangenen Monaten gefühlsmäßig ereignet hat: Lebende Tote zu sein, sich wie Tiere zu benehmen, Krankheit, Infektion, Paranoia, Quarantäne, Verwirrung zu erdulden und dann die alte Normalität zu erfahren. Vermutlich hat eine der beiden die Corona-Infektion überstanden.

Auffällig ist darüber hinaus, wie oft und wie gekonnt Videos eingesetzt und neue Techniken erprobt werden. Diesbezüglich hat die Isolation auch beim Ballett einen Kreativitätsschub ausgelöst. In der Inszenierung „CONTROL SHIFT“  bewegen sich Eloïse Sacilotto  und Nikolay Korypaev nach Signalen per Knopfdruck, ähnlich wie daheim beim Fernseher.

Auf einem großen Bildschirm entstehen mit rhythmischer Musik untermalt diverse Zeichen, manche an Sternbilder erinnernd. Ebenso rhythmisch bewegen sich beide, vor allem die Tänzerin. Entwickelt hat dieses Video Alexander Abdukkarimov, offenbar schon ein Experte auf diesem Gebiet.  


C-020 – Arshak Ghalumyan. Foto: Yan Revazov

Auch das Video zu „C-020“ hat er kreiert. Zusammen mit der Choreographie des Tänzers Arshak Ghalumyan wird diese Darbietung mein Highlight, zumal es auch großartig von Sarah-Jane-Brodbeck, Vahe Marirosyan und ihm selbst, einem Könner des Staatsballetts, mit Verve getanzt wird.

Womöglich geht es um eine Frau zwischen zwei Männern, und es geht insbesondere darum, „wie wir uns persönlich sowie als Freunde und Paar während der Zeit des Lockdowns gefühlt haben. Die Hochs und Tiefs, Freude und Leid. Gemeinsam bewegen wir uns durch diese Krise, versuchen das Beste aus der Situation zu machen und schauen nach vorne…“ Zuletzt tanzt das Paar hinweg, und Ghalumyan bleibt alleine zurück.

Diese Sätze fassen alles zusammen, was die Drei und vielleicht auch andere Tänzerinnen und Tänzer mehr oder weniger während dieser Monate erlebt haben. Nach vorne zu blicken, ist sicherlich die Lösung und all’ den tapferen Damen und Herren herzlich zu wünschen.  

Das letzte Stück namens „PARLIAMENT“, das gemeinschaftliches Handeln als Postulat beschwört, entpuppt sich als eine sich nach und nach steigernde Techno-Performance von sieben Personen, die sich jedoch alle mit dem Rücken zum Publikum bewegen. Neues Tanzvokabular ist dabei nicht zu entdecken, doch die sich verstärkenden Bewegungen bei dem eindringlicher werdenden Beat gehen wohl auch einigen im Publikum in die Beine. Der Beifall ist heftig und der ganze Abend nie langweilig.  Die erste Bühnen-Neuproduktion des Staatsballetts Berlin ist also gelungen. Anderes, was noch von der Doppelspitze Öhman-Waltz als Premieren oder Neu-Inszenierungen geplant war, ist außer Sichtweite geraten, Wer der nächste Chef wird, steht noch in den Sternen.   

Ursula Wiegand

 

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