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BERLIN / Staatsballett in der DEUTSCHEN OPER: NUREJEW Choreographie Yuri Possokhov, Inszenierung Kirill Serebrennikov, Musik Ilya Demutsky; 2. Vorstellung seit der Premiere,

25.03.2026 | Ballett/Performance

BERLIN / STAATSBALLETT in der DEUTSCHEN OPER: NUREJEW Choreographie Yuri Possokhov, Inszenierung Kirill Serebrennikov, Musik Ilya Demutsky; 2. Vorstellung seit der Premiere, 24.3.2026

Opulent-virtuos, zuletzt todtraurig!

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Foto: Carlos Quezada

Was soll aus einem Buben werden, der in der Sowjetunion als baschkirischer Tatare in der Transsib mit nicht einmal genau bestimmbarem Datum geboren wird? Eisenbahner oder Landarbeiter wären naheliegend. Oder eben, wenn dieser jemand Rudolf Chametowitsch Nurejew heißt, weltweit gefeierter Superstar. Nurejews Instrumente waren sein athletischer Körper, sein markantes Gesicht, sein absoluter Wille zur Verausgabung. Seine Kommunikationswege reichten weit über den Tanz hinaus. Als individuell freigeistiger, offen schwul lebender kreativer Maniak beeinflusste Nurejew Rollenbilder, Design, elitäres Savoir-Vivre und wurde – wie einst Maria Callas – als einer der staunenswertesten Charismatiker auf der Welt (Ballett)Bühnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nebenbei zur Ikone des Boulevards.

Das pittoreske Leben mit spektakulärer Flucht aus der eisernen Umklammerung der Sowjetdiktatur, seine unfassliche Begabung als Tänzer, seine Exzentrik und sein Jähzorn, sein Gestaltungswille in allen Lebensbereichen, seine (tragischen) Liebesbeziehungen, sein glitzernder Jetset-Glamour und seine gnadenlose Selbstvermarktung bis hin zum Aktfoto boten dazu hinreichend Stoff.

Dem Andenken dieser Jahrhunderterscheinung widmet das Staatsballett Berlin nun die Wiederaufnahme einer Produktion aus dem Bolschoi Theater 2017. Da wurde auch in Berlin nicht gekleckert, sondern geklotzt. Mit insgesamt 141 Mitwirkenden ohne Orchester aus den Sparten Instrumentales, Tanz, Gesang, Schauspiel, Statisterie hat das Leading Team ein groß ausgestattetes Gesamtkunstwerk in zwei Akten und elf Bildern auf die Bühne gewuchtet. Die gesprochene, getanzte und gesungene „Readers Digest“ Lebensgeschichte des Rudolf Nurejew in knappen Sequenzen von russischen Künstlern für ein russisches Publikum erdacht, funktioniert als magnifizentes Spektakel auch in Berlin.

Als Rahmenhandlung und Objekt-Assoziationsanker zum wirklichen Leben des Tänzers hat sich Serebrennikov detailreich nachgestellte Auktionen aus Nurejews Nachlass, die parallel in Paris und New York stattfanden, ausgedacht. Da hat der amerikanische, u.a. an der Moskauer Art Theatre School ausgebildete Schauspieler Odin Lund Biron seine wortreichen Auftritte als Auktionator und Verleser der Briefe an Rudi. Letztere stammen von seinen Schülern und Primaballerinen Charles Jude, Laurent Hilaire, Alla Ossipenko und Natalia Makarova.

Die gezeigten Lebensepisoden: Sie reichen von Rudolfs Ausbildung an der Waganowa- Ballettakademie in Leningrad, dem unbeherrschten Charakter und impulsiven Umgang mit Kolleginnen, den von staatlichen Denunziationen geprägten Auftritten im In- und Ausland, dem Sprung in die Pariser „Freiheit“, einer Fotosession mit dem Wort ‚fucking‘ als Wesenswortschatz bildenden Fotografen Richard Avedon, und einer Paparazzis und Society-Hyänen ausgelieferten Privatsphäre.

Nach dieser als „Rudimania“ betitelten Szene bildet ein berührender pas de deux von Nurejew und dessen Tanz- und Lebenspartner Erik Bruhn (die Beziehung dauerte von 1961 bis zum Tod Bruhns 1986) den Abschluss des ersten Teils des Abends.  Martin ten Kortennaar als dänischer Tanzstar und der als Nurejew technisch brillante Brasilianer David Soares (er gehörte nach seiner Ausbildung an der Moskauer Staatlichen Akademie für Choreographie sieben Jahre lang der Ballettkompanie des Bolschoi Theaters an) sorgten in der zarten Annäherung und dem vorsichtigen Kuss der jung Verliebten für den emotionalen Höhepunkt des Abends.

Drumherum sehen und erleben wir zahlreiche Showacts: Sowjetische Vokalfolklore, barocke, countertenorig untermalte Sonnenkönig-Allüren á la tragédie lyrique mit Iwan Hakobyan, auf Conchita getrimmte Drag-Queens, deren Treiben Nurejew einst im Pariser Bois de Boulogne fasziniert haben soll und jede Menge an Underground-Lederfetischtypen, die allesamt die gewaltige Maschinerie an Nurejew Stereotypen bedienen.

Insofern bietet dieses von Kirill Serebrennikov als ungezügelte Freiheitsoper inszenierte Ballett zwar Aufsehen erregendes bis spektakuläres Theater wie ein stets zischend aufflammendes Feuerwerk, aber kaum psychologisch Erhellendes bzw. wenige Zwischentöne im Zirkus von öffentlicher Präsenz und individuell bis zur Selbstzerstörung gehendem Künstlertum. Sehr gut gelungen ist die Grand Gala zu Beginn des zweiten Akts mit kleinen Szenen aus „Schwanensee“, „Don Quijote“ oder „La Bayadere“, wo diese Getriebenheit von Aufführung zu Aufführung, von Figur zu Figur die Kehrseite von Ruhm und Perfektionsstreben schonungslos enthüllen.

David Soares, der als Nurejew zu Recht einen großen persönlichen Triumpf einfahren kann und von den idealen Körperproportionen und seinem ungeheuren technischen Können Nurejew wahrscheinlich sogar überlegen ist, präsentiert sich in diesem aktionsraschen Setting als Tänzer brillant, als Figur bleibt er jedoch glatt. Seine brav zur Schau gestellten Ausbrüche an launischer Divenhaftigkeit wirken harmlos und am Ende fehlt ihm die Tragik des als einsamer Pierrot sterbenden Mannes und im künstlerischen Nirvana endender Dirigent. Als Charaktere und Persönlichkeiten vollends überzeugen hingegen Iana Salenko als Dame Margot Fonteyn und die erste Solotänzerin Polina Semionova als Diva.

Von der Wiener Staatsoper ist mir Nurejew ab Mitte der Siebziger Jahre in zahlreichen Vorstellungen als Prinz Siegfried, als Prinz Florimund, als Apollo, als Ritter Jean de Brienne, als Ulysses oder als Vayamos Al Diablo unvergesslich. Er war eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die im Zusammenhang mit klassischem Tanz und Musik zu erleben waren. Seine Möglichkeiten, athletisch kühne Sprünge zu vollführen, den Raum mit seiner Persönlichkeit noch in der kleinsten Bewegung förmlich zu sprengen, schienen unbegrenzt. Niemand kann das egalisieren oder darstellerisch auch nur in die Nähe dieses dunkel schimmernden Glanzes kommen.

So stellt der Abend „Nurejew“ außer der optisch opulenten und massenszenischen, biografisch episodischen Darbietung ein imposantes Vehikel für eine gesamte Truppe dar, die in vielen Produktionen nur noch am Rande klassische Ausdrucksformen von Ballett pflegen. Choreograph Yuri Possokhov entwarf dazu eingängige, ästhetisch wunderbare Tableaus mit allen Arabesques, Cabrioles, Croisés, Fouettés en tournant, Grand jetés, Sautés etc., kurzum allen klassischen Techniken, die auch Rudolf Nurejew in seinen Choreografien angewandt hat. Es ist ein immenses Vergnügen, der jungen Ballettkompanie bei dieser ihrer „Back to the Roots“ Reise in ein fast schon vergessenes Ballett-Universum zuzusehen, das durch ihrer beherzte Neuinterpretation wieder lebendig und greifbar wird.

Vielleicht bildet dieser sentimentale Umstand die Ursache, warum eine gewisse Schwermut über dem Abend zu liegen scheint. Themen wie Emigration, Flucht, Unterdrückung durch verschärfte LGBTQ-Gesetze, der scheele Blick auf Überbegabung, aber auch Individualexzesse und Tod durch unheilbare Krankheiten sind überdies keine leichte Kost und heute so aktuell wie eh und je. Die von Ilya Demutsky gekonnt pathosreich arrangierte Musik mit zahlreichen Zitaten bekannter Ballettmusiken, aber auch dem unvermeidlichen Adagietto aus Gustav Mahlers „Fünfter“ wirkt noch als Verstärker elegischer Nachdenklichkeit.

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin und das Vocalkonsort Berlin wurden von Dominic Limburg umsichtig musikalisch geleitet.

Fazit: Ein verschwenderisch inszenierter, hochprofessionell abgespulter, optisch überbordender Abend mit einem zu Tränen rührenden, aber allzu abrupten Ende. Das Staatsballett Berlin darf sich über eine in Russland nunmehr verbotene, international aufsehenerregende Produktion freuen, die sich jetzt schon als veritabler Publikumsrenner erweist. So viele „Suche Karte“ Schilder wie gestern vor der Deutschen Oper habe ich in Berlin noch nie gesehen.

Hinweis für alle, die nicht in Berlin leben, keine Karten für eine der kommenden Vorstellungen mehr bekommen oder einfach das Spektakel wieder und wieder sehen wollen: Nurejew kann auf Arte in der Aufzeichnung vom 21.3.2026 tatsächlich bis 19.3.2031 abgerufen werden. Link https://www.arte.tv/de/videos/131544-000-A/nurejew/

Falls sie mehr zu „Nurejew in Berlin“ wissen wollen, dann besuchen Sie die Website des Staatsballetts Berlin mit einem speziellen Nurejew Dossier: https://www.staatsballett-berlin.de/kompanie/ballett-in-berlin/chronik/dossier-rudolf-nurejew.html

Teaser https://www.youtube.com/watch?v=h0osmLH_Drs

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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