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BERLIN/ Staatsballett: HERRUMBRE von Nacho Duato. Premiere

15.02.2016 | Ballett/Tanz

Berlin/ Staatsballett: „HERRUMBRE“ von Nacho Duato, Premiere, 14.02.2016

Herrumbre, Patricia Zhou als Verstörte, Foto  Fernando Marcos
Herrumbre, Patricia Zhou als Verstörte, Foto Fernando Marcos

Ein Knall wie ein Schuss. Zum Zusammenzucken. Der Vorhang hebt sich. Lichtkegel (Brad Fields) blenden die Zuschauer. Auf der tiefschwarzen Bühne (Jaffar Chalabi) ein ebenso schwarzes Metallgestell mit Maschendraht-Fenstern, im Verlauf variierbar. Am Boden zuckende Leiber, erneute Schüsse, weitere Menschen fallen zu Boden. Hier wird getötet und gefoltert. Wo sind wir, in Syrien oder wo sonst auf der Welt?
„Terror und Gewalt sind so alt wie die Menschheit selbst. ….Horror, Unterdrückung und die Abgründe menschlicher Qualen könnten dunkler nicht sein und sind doch Teil des alltäglichen Lebens, wenn sie in der Bilderflut der Nachrichtenwelt zu Banalitäten werden.“ So die Einstimmung schon Wochen zuvor.

Es war jedoch nicht der Anschlag letzten November in Paris, sondern die Terrorattacke vom März 2004 auf einen Zug in Madrid, die Nacho Duato, der in der Nähe wohnte, zu „Herrumbre“ veranlasste. Insofern wiederum keine neue Arbeit. Doch das Thema ist nach wie vor hochaktuell und offensichtlich geeignet, beim Staatsballett eine gewisse Wende einzuläuten. Was nun gezeigt wird, ist bester Ausdruckstanz und nach Duatos bisherigen Arbeiten am Haus eine echt positive Überraschung, so sonderbar das klingen mag.

Denn all’ die Schrecklichkeiten, die sich Menschen zum Quälen der anderen ausdenken, werden vor Augen geführt. Nicht bis ins letzte Detail, aber schockierend genug. Männer hängen kopfunter an dem erwähnten Gestell und werden mit Schlägen traktiert, andere offenbar mit Elektroschocks. Ein fast Nackter (Wei Wang) wird von zwei Männern hin- und her gerissen und bleibt danach wie tot liegen, Dazu bohrende Musiken von Pedro Alcalde, Sergio Caballero und David Darling vom Tonträger.

Außerdem prangert Duato die vielfachen Demütigungen an, die die Menschenwürde verletzen. Nur ein einziges Paar scheint sich zu lieben, findet immer wieder schutzsuchend zueinander. In anderen Fällen wird der Sex erzwungen, wenn drei Männer eine Wehrlose umherzerren und über den Boden schleifen, um sich dann andeutungsweise an ihr zu vergehen. Elend wankt sie vondannen. Einem Mann mit seinem rüden Partner ergeht es fast ähnlich. Wie fürchterlich muss erst die Realität in vielen Gefängnissen und ebenso in manch privatem Bereich sein?
Die Tänzerinnen und Tänzer (sämtlich barfuß) setzen all’ das packend und ergreifend um, gehen dabei körperlich oft voll ins Risiko. Neue Bewegungsmuster fallen ebenso auf. Brutalität wird mit großartiger Geschmeidigkeit dargeboten. Auch Angst, Verzweiflung und Trauer sind den Tänzerinnen und Tänzern ganzkörperlich und im Minenspiel abzulesen. Berührend die Szene, in der das Stahlgestell gekippt als Scheidewand dient. Auf der einen Seite kauern die Männer und haben ihre Hemden (Kostüme auch von Duato) über die Köpfe gezogen. Ihnen gegenüber ihre einsamen verzweifelten Frauen.

Zuletzt wird das Gestell zur Grabplatte. Nacheinander kommen alle und stellen eine rote Grableuchte darauf. So oder ähnlich wird’s halt im wahren Leben gemacht, und doch wirkt hier dieser Schluss etwas kitschig. Alle Kerzen und Grableuchten dieser Welt können die von Millionen erlittenen Qualen nicht mildern, nur die Hinterbliebenen trösten oder die fürs Desaster Verantwortlichen pflichtgemäß beruhigen.

Solisten stellt Duato nicht heraus. Hier ist jede und jeder gefordert und setzt sich mit ganzem Können ein. Das Schreckliche und das wenige Schöne werden vorgelebt, nicht vorgestellt. In alphabetischer Reihenfolge tanzen an diesem Abend Alexander Akulov, Arshak Ghalumyan, Aurora Dickie, Elvis Abazi, Giuliana Bottino, Alexander Abdukarimov, Dominic Hodal, Arman Grigoryan, Olaf Kollmannsperger, Nikolay Korypaev, Tyler Gurfein, Krasina Pavlova, Kevin Pouzou, Seung Hyun Lee, Julia Golitsina, Sacha Males, Cécile Kaltenbach, Aeri Kim, Lucio Vidal, Wei Wang und Patricia Zhou.

Die Ersten Solisten fehlen also bei „Herrumbre“, aus welchem Grund auch immer. Es sind eher die Nachfolgenden, die sich vehement in den Ausdruckstanz stürzen und schließlich zusammen mit Duato und dem Regieteam zu Recht ausgiebig beklatscht und bekiekst werden.

Am Ausgang erhalten alle Besucher noch ein Miniheft. Drinnen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, verkündet am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen. In den Nachrichten aus dem Autoradio ist gleich danach von erneuten Angriffen auf Aleppo die Rede. 

  Ursula Wiegand

Weitere Termine: 16., 18., 21. 26. und 28. Februar.

 

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