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BERLIN/ Staatsballett: „EKMAN | EYAL“, Uraufführungen, 3. Vorstellung

Schöne Frauen treiben es auf die Spitze.

13.12.2019 | Ballett/Tanz

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„LIB von Ekman. Polina Semionova, Ksenia Ovsyanick.  Foto: Jubal Battisti

Berlin/ Staatsballett Berlin:  „Ekman | Eyal“, Uraufführungen, 3. Vorstellung, schöne Frauen treiben es auf die Spitze. 12.12.2019

Gerade wurde das Staatsballett Berlin vom Fachmagazin „tanz“ wegen seiner Neuausrichtung zur Kompanie des Jahres gekürt. Vorbei ist die Stagnation unter Nacho Duato. Seit der Intendanz von Johannes Öhman und Sasha Waltz geht es – allen vorherigen Protesten zum Trotz – zügig und erfrischend voran.

Nun vertrauen sogar international stark gefragte Choreografen/innen wie Alexander Ekman und Sharon Eyal dem Staatsballett Berlin ihre Uraufführungen an. Und schon treiben es schöne Frauen auf der Staatsopernbühne auf die Spitze.

Viele von ihnen, die zuvor im klassischen Ballett beheimatet waren, beweisen jetzt aufs Beste, dass sie auch Modernes überzeugend tanzen und gestalten können. Im Stück LIB von Ekman (auch verantwortlich für Bühne und Licht) sind es die Ersten Solistinnen Elisa Carrillo Cabrera, Yolanda Correa und Ksenia Ovsyanick, die Solistin Aurora Dickie sowie Polina Semionova, die frühere, nach wie vor heiß geliebte und international geschätzte Startänzerin als „special guest“.

Anfangs agiert Ksenia Ovsyanick allein auf der Bühne und wirft die langen Beine empor, dann kommen die anderen Frauen hinzu, alle in engen hautfarbenen Bodys. Hoch und höher tanzen sie auf der Spitze, verrenken sich manchmal auf abstruse Weise, oft flattern die Hände wie unkontrolliert.

Polina Semionova und Ksenia Ovsyanick machen sich mit ihren perfekt trainierten Körpern sichtbar Konkurrenz und giften sich mit bösen Blicken an. Manche Tänzerinnen verziehen mitunter verächtlich die Münder. Vom Musikträger ertönt der Rolling-Stones-Song „I can get no satisfection“, und erst allmählich weichen die spürbaren Aggressionen einem gewissen Miteinander. Polina streichelt jetzt das Gesicht ihrer Partnerin, zupft an deren Nase, der Bann ist gebrochen. LIB steht sicherlich für Liberation, für die Befreiung von zwanghafter Ablehnung der anderen.

All’ das macht Ekman nicht mit erhobenem Zeigefinger. Die anfangs den Tänzerinnen verordnete Steifheit mitsamt sonderbarer Körperhaltungen ist auch voll von versteckter skurriler Lustigkeit. Das wurde bald nach Beginn klar und wird dann auf die Spitze getrieben.

Ein Fellmonster, der Tänzer Johnny MacMillan, springt auf die Bühne, hüpft wild hin und her und rollt über den Boden. Die Kostüme hat der weltbekannte Haarkünstler Charlie Le Mindu erdacht, der am liebsten dem Eiffelturm eine Echthaarperücke verpassen möchte.

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LIB von Ekman. Jolanda Correa, Johnny MacMillan. Foto: Jubal Battisti

Haare verleihen Kraft, war auf dieser Bühne bei der Oper „Samson et Dalila“ kürzlich (wieder) zu lernen. Bei LIB macht diese Ganzkörperbehaarung außerdem extrem munter und animiert auch die Frauen. Einige schnappen sich ebenfalls ein Fell und wirbeln damit übers Parkett. So geht also Liberation, die Befreiung von allen vorherigen Zwängen. Starker, anhaltender Jubel belohnt diese mitreißend fröhliche Kreation.  

Nach der Pause geht es bei „STRONG“, einer neuen Choreografie von Sharon Eyal und ihrem langjährigen Partner Gai Behar, jedoch düster weiter. Das ist tatsächlich ein starkes Stück in doppelter Hinsicht. Nach Eyals vorwärts strebendem „Half Life“, das in Berlin zum Renner geworden ist, bricht sich bei „STRONG“ der Automatismus ebenso beklemmend wie faszinierend Bahn. Nach einem Stimmengewirr entfaltet der dann ständig gleiche Techno-Beat von Ori Lichtik eine Sogwirkung mit Trance-Potenzial, dem sich auch das Publikum kaum entziehen kann.


Eyal: Strong. Ensemble. Foto: Jubal Battisti

17 Tänzerinnen und Tänzerin in schwarz-weiß, manche viel Haut zeigend (Kostüme: Rebecca Hytting), stampfen über die Bühne, mal alle an ihrem Platz, mal in sich bewegenden, Bogen formenden Reihen. Eine fast unheimliche Armee scheint auf dem Vormarsch zu sein. Dieses vibrierende, bewusste Beinahe-Einerlei wird hin und wieder durch einige Tänzerinnen und Tänzer, die vortreten und eigene kurze Soli darbieten, durchbrochen. Wenige Minuten lang werden aus den Robotern Menschen.

Allmählich hellt sich die Bühne auf (Licht: Alon Cohen), doch der automatisierte Tanz bleibt, beschleunigt sich aber und wird variantenreicher. Können wir diesem unheimlichen Sog entkommen und dem vielleicht zu erwartendem Exzess? Kaum.

Wie sehr solch eine starke und strikte Strenge das Publikum mitreißen kann, beweist das neue außergewöhnliche Werk dieser ebenso außergewöhnlichen Choreografin. Riesiger Jubel, Gekiekse des mehrheitlich jungen Publikums braust wieder und wieder durch den Saal. Die Jungen fühlen sich verstanden, die Älteren ebenso. Mit solchen exemplarischen Werken gelingt dem Staatsballett Berlin auch der weitere Weg in die Zukunft. 

 

Ursula Wiegand

Nächste Termine am 18. und 19. Dezember in der Staatsoper Unter den Linden, im neuen Jahr aber in der Komischen Oper! Dort am 03. und 30. März, am 10. und 24. Mai und am 7. Juni.

 

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