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BERLIN / Schaubühne: DER GEIZIGE mit Lars Eidinger als Harpagon in einer Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier, 8.4.

09.04.2026 | Theater

 

BERLIN / Schaubühne: DER GEIZIGE mit Lars Eidinger als Harpagon in einer Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier, 8.4.2026

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Foto: © Gianmarco Bresadola

Die Handlung der fünfaktigen Komödie Molières „L’Avare“ aus dem Jahr 1668 um einen berechnenden Pariser Geizhals, der seine konsumfreudigen und schwer verliebten Kinder drangsaliert und schindet, wird in der Regie von Thomas Ostermeier, auf pausenlose 110 Minuten verknappt, in ein prolliges Berlin-Reinickendorfer Autohaus (Bühne: Magda Willi) verlegt. Da türmen sich rot-weiß-rote Luftballons und magere Wimpelketten im kalten Verkaufsraum. Der motoramputierte Jaguar schlummert unter einer Schutzhaube.

In dem Setting arbeitet sich Lars Eidinger als mit Schaumstofffettbauch, Goldrandbrille, Schnauzer, einem elend sitzenden grauen Anzug und Werbekäppi mit der Aufschrift ‚Deutsche Vermögensverwaltung‘ an seiner krankhaften Geldsucht ab. Aus dem Uber Eats Papiersack fischt dieser Heiko Harpagon ein „Happy Meal“ von McDonalds. Genau darin versteckt er nach dem konzentrierten Genuss leichenblasser Pommes seine „Million“, gestückelt in gelben 200 Euro Scheinen, um sie im Garten zu vergraben. Denn natürlich haben es Alle auf diesen schnöden Mammon abgesehen.

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Foto: © Gianmarco Bresadola

Rund um den sicher an schwerer Obstipation leidenden Ungustl à la Borat bis Parodie der Parodie von Helge Schneider ist ein Trupp geldbedürftiger bis nicht minder gieriger Armutschkerln versammelt. Zwei davon, Harpagons Kinder Elise (Magdalena Lermer) und Cléante (Damir Avdić), sind verliebt und brauchen zur Abnabelung vom väterlichen Betrieb Startkapital, um selbständig leben und lieben zu können.

Sie in den schleimigen Mitarbeiter im Autoladen Valère (Pablo Moreno), er in die mittellose, aber fesche Nachbarin Marianne (Mano Thiravong). Klar, dass der Papa andere Ziele einer lukrativeren Heiratspolitik anstrebt. Elise soll den greisig vertrottelten Kaufmann Anselme (Axel Wandtke) ehelichen, eine investive Geldspritze wäre ganz nach dem Geschmack des ewig herumbrüllenden Patriarchen. Cléante, für den Harpagon sich auch eine betuchte Witwe imaginiert, ist aber in ebenjene Marianne verschossen, die der johannestriebige Alte selber über Vermittlung der provisionshoffnungsfrohen Frosine (Cathlen Gawlich) haben will. Falk Rockstroh irrlichtert dazwischen köstlich als Jacques, keinen noch so egomanen Chef und dessen leere Drohungen fürchtend, durch die Szene.

Thomas Ostermeier und sein Star Lars Eidinger gefallen sich in einer schrillen Farce in Slapstickmanier. Da darf Eidinger alias Heiko Harpagon sich übersteuert an Daniel Johnstons „Desperate Man Blues“ versuchen und einen raumfüllenden schrägen Typen mimen, dass jeder Sau graust.

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Foto: © Gianmarco Bresadola

Voll von mehr oder weniger treffgenauen Anspielungen auf so manch prototypische Widrigkeiten im Heute von umweltschädlicher Billigmode über sexuellen Missbrauch bis zu schamloser Ausquetscherei des Personals, Mitläufertum, ideologischen Extremismen und den üblichen Trumpismen handelt sich das Ensemble entlang den Rahmenlinien von Molieres Stück an Pointe über Pointe ab. Manche geraten wirklich lustig, sorgen für laute Lacher, weil das passgenaue Timing hoher Schauspielkunst nach wie vor funktioniert. Allerdings merkt das Publikum, dass mit Fortschritt der Irrungen und Wirrrungen ums gestohlene Geld (wer hat hier eigentlich wem was abgeknöpft?) zwar die Happy Meal Pappe als kapitalistischer Star nochmals aufkreuzt, aber kein Happy End und Hohelied der hehren Liebe zu erwarten ist.

Mit Moliere nur am Rande kongruent, bekommt das Publikum einen clownesk randvollen Abend rund um Geiz und Gier serviert. Aber eh wurscht, denn wo Lars Eidinger drin ist, steht auf dem Plakat „Ausverkauft“ drauf.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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