BERLIN / Schaubühne am Lehniner Platz: SALOME von Einar Schleef nach Oscar Wilde in der Übersetzung von Peter Torberg; 12.3.2026

Foto: Katrin Ribbe
Die Welt ist und bleibt schlecht: Regisseur Michael Thalheimer und das Ensemble mit eisig sprachorgiastisch antikischer Wucht
„You know the day destroys the night, Night divides the day, Tried to run, tried to hide, Break on through to the other side, Break on through to the other side, Break on through to the other side, yeah“ James Morrison / John Densmore / Raymond Manzarek / Robert Krieger
„Hackt dieses Vieh in Stücke. Tötet das Kind!“, brüllt Herodes, nachdem Salome ihren imaginären Kuss-Dialog mit dem Kopf des Propheten nach dessen Enthauptung sich aus tiefsten Seelenabgründen entrungen hat. Auf der gigantesken stahlgrauen Bühne der Berliner Schaubühne findet Salome als aus der Sprache geborene Reibung kaputter Typen zwischen religiös fanatischer Askese und machtübersatter Geilheit statt. Das Kopfrequisit und einen aufreizenden Schleiertanz bleibt uns Thalheimer schuldig oder besser gesagt, er braucht sie nicht, um seine gefrierende Wirkung dieses Endspiels liebesweidwunder Wracks zu erzielen.
Mit elektronisch maschinellem Sound, der endzeitlich bis unter die Beine vibriert, betritt diese Salome, in silbergraues Laméplissee gehüllt, die Bühne. Frech, schamlos, im römischen Exil verwöhnt, und doch opfergeschunden als Knetmasse männlicher Fantasien. Zum Technoarrangement des Door-Songs „Break On Through“ (to the Other Side) zuckt sie sich spastisch heftig gegen imaginäre Männerhände boxend den Kopf frei und sich für einen kleinen Augenblick aus ihrer unendlichen Wut.
Sie will ihrem nackt sich vor den Leuten auf dem Boden wälzenden Stiefvater entkommen. Peinlich und oversexed ist er, dieser paranoid feige Herodes. Der unheilvoll Machtrausch und Begehren amalgamierende Monsterherrscher, aus bloßer Lust mordend, ließ als Bastard einst seinen Halbbruder, den König und Mann der Herodias beiseiteschaffen, jahrelang in einem Jauchegraben quälen, stets am Abgrund des Todes, stets sadomasochistisch sich seiner sexuellen Hörigkeit von Herodias versichernd.

Foto: Katrin Ribbe
In solch einem industriell tödlichem Ambiente (Bühne: Nehle Balkhausen) lässt Thalheimer die „Salome“ spielen. Es könnte ein riesiger leerer Galerieraum mit vier Metallplatteninstallationen an den Wänden in einem ehemaligen Schlachthof sein. Ein weißgefliester verdreckter Graben, Kloake für Blut und Exkremente, umzieht den Raum. Zuerst von Namaan (David Ruland), dem Schlächterhenker mit rituellem Zählzwang, abgeschritten, ertönt daraus die grell verstärkte Stimme des Johannes. Christoph Gawenda leiht der religiösen Figur ideologisch schneidende Stimme und seinen muskulösen Körper. Wie dieser Johannes, um von Salome ihrem Wunsch gemäß gesehen zu werden, an Seilen aus dem Graben gehievt wird und in Christuspose am oberen Ende der Bühne schwebend verharrt, ist Schauerakrobatik von Feinsten.
Der Untergangsseher fühlt sich erst durch die Dekadenz des Hofes und das festlich-zotige Treiben von Herodes und Herodias in seiner Berufung als Sprecher Gottes geifernd tobend bestätigt. Klar, dass Salome in ihrer eskapistischen Sehnsucht und in ihrem weiblichen Erwachen keine Chance hat, von so einem Johannes gehört bzw. erhört zu werden. Also nutzt sie den Lustwahn des Herodes und ringt ihm manipulativ verstörend ab, Johannes töten zulassen. Dessen noch dampfend zuckender Kopf soll ihr in einer Silberschüssel als Belohnung für den Tanz serviert werden. Soweit kennen Opernbesucher den Stoff auch aus der klangerotischen spätromanischen Vertonung des Richard Strauss.
In der am 21.6.1997 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführten Version von Einar Schleef näherte der Autor und Berserkerregisseur den Text von Oscar Wilde dem Heute an, drastisch geschärft, ohne ihm jedoch Substanzielles von der symbolistischen Archaik und schwülstigen Sprachbildbesessenheit zu nehmen. Kurz und gut: Schleef entfacht mit Wilde einen schwefelig detonierenden Krieg der Worte. Mit Worten wird gerungen, geschunden und gecatcht. Gewinner oder Gewinnerinnen in dem Treiben gibt es nicht.

Foto: Katrin Ribbe
Theatralisch bis zum Exzess lässt Thalheimer das Personal des Stücks als hysterische Versuchsanordnung antreten. Veronika Bachfischer als stotternd zitternder, Salome zutiefst verehrender Hauptmann Narraboth. Dessen Selbstmord als theaterblutpritschelnde Splatterszene bereitet den Auftritt des im Rot glitschenden Herodes von Tilman Strauß auf. Großartig, wie dieser als Herrscher und dennoch maximaler Loser über die Bühne wischt und fegt, sich in und mit Worten abergläubig die eifrig gesammelten Dämonen vom Hals zu schütteln sucht und in seinem Wunsch nach jungem Frischfleisch seinen eigenen Untergang mitgesiegelt. Eine große Schauspielleistung ohne Wenn und Aber.
Als dünn schnippische Herodias auf silbernen High Heels verströmt Jule Böwe wie einst Lady Macbeth die zynische Kaltschnäuzigkeit der Macht. Jonathan Walz spielt ihren entzückenden Pagen mit kurzer Hose und Stutzen. Den verehrten Narraboth kann er nicht retten.
Die Salome der Alina Stiegler ist in jeder Minute ein Ereignis. Ihr Emanzipationsversuch aus der (männlichen) Höllenmaschinerie des Hofs scheitert kläglich. Statt des Tanzes lässt Thalheimer die chinesische Erhu-Solistin Yuebo Sun auf ihrem Instrument zart esoterische Tönen hauchen, eine Gratwanderung in Trance vorführen, wo alle ihren Träumen, ihrem Hass, ihren sie gefangennehmenden Passionen und abstrakten Realitäten nachhängen.
Fazit: Ein Abend der hohen Schauspiel- und Sprechkunst. Michael Thalheimers das apokalyptische Heute pessimistisch deutende Inszenierung beginnt stark auf höchstem energetischem Niveau. Diese elektrische Hochspannung kann er in den pausenlos gespielten 90 Minuten jedoch nicht halten. Allzu abstrakt und gleichzeitig nach dem Muster eines Thrillers überdreht endet die Vorstellung in sondebarer statischer Starre.
Weitere Termine
13.–16. März, 20 Uhr
Dr. Ingobert Waltenberger

