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BERLIN/ Radialsystem: Sasha Waltz & Guests bringen Frühlinsstimmung mit „In C“ von Terry Riley per Livestream

07.03.2021 | Ballett/Tanz

Sasha Waltz & Guests bringen Frühlinsstimmung mit „In C“ von Terry Riley per Livestream aus dem Radialsystem. Am 6. März 2021

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Sasha Waltz Guests „In C“. Ensemble- ©Jo-Glinka.j

Sasha Waltz & Guests starten ins Jahr 2021 genau zur richtigen Zeit. Mit dem neuen Stück „In C“, lebhaft getanzt nach der Musik von Terry Riley, gelingt Sasha Waltz eine Punktlandung.

Zwar wurde der Lockdown in Deutschland bis zum 28. März verlängert, aber einige Öffnungen hat die Regierung dennoch gewagt. Erfreut werden sie als Hoffnung nährender Lichtschein am Ende des Pandemie-Tunnels wahrgenommen.  

Dieser vorsichtige Optimismus wird von der Natur unterstützt. In den Berliner Parks und Vorgärten blühen die ersten Schneeglöckchen, Primeln sowie gelbe und blaue Krokusse. Ersehnte Farbtupfer im Wintergrau. In solchen Frühlingsfarben leuchten auch die von Jasmin Lepore entworfenen Outfits für die Tänzerinnen und Tänzer auf der breiten Bühne des Radialsystems.
„Die Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests beginnt im Jahr 2021 einen neuartigen künstlerischen Prozess, aus dem kontinuierlich sowohl digitale wie live-Formate hervorgehen sollen“, heißt es dazu.

Zusammen mit dem Mut zur Farbe wirkt das wie ein Aufbruch zu neuen Ufern nach dem oft sehr grüblerischen Schaffen in den vergangenen Jahren. Offenbar hat sie gerade durch die Corona-Zeit  erkannt, dass jetzt Mutmacher nötig sind – sowohl für die Künstlerinnen und Künstler als auch fürs daheim streamende Publikum. Nun werden sie geliefert.

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Sasha Waltz Guests „In C“. Ensemble- ©Jo-Glinka.

Dass die Lockdowns Spuren hinterlassen haben, erwähnt Sasha Waltz jedoch in einigen einleitenden Sätzen auf Englisch. In der Vereinzelung hätten die Tänzerinnen und Tänzer verstärkt das eigene Selbst und ihre Identität entdeckt. Dieses würden sie nun zum Ausdruck bringen.

Sasha Waltz hält die Partitur hoch. Die besteht aus nur zwei Seiten! Das 1964 komponierte Stück, das seinerzeit revolutionär wirkte, gilt als erstes Werk der Minimal Music. „Es hat mich gereizt, diese detaillierten Instruktionen in einer choreographischen Auseinandersetzung mit der Musik in Tanz zu übertragen. Entstanden ist ein Spielsystem aus 53 Bewegungsfiguren für eine strukturierte Improvisation mit klaren Regeln und Gesetzen. Variabel bleiben die Länge des Stücks sowie die Besetzungsstärke von Musiker*innen und Tänzer*innen“, erklärt Sasha Waltz.

In der ersten Szene stehen schwarz erscheinende Menschen wie Scherenschnitte vor einer dunkelroten Wand, vielleicht einem Abendhimmel nach glühendem Sonnenuntergang. Vorsichtig bewegen einige zunächst den Kopf, die Finger oder die Arme, stets nach der aus nur wenigen Noten bestehenden, stark rhythmischen Musik.

Die Takte wiederholen sich ständig – bis auf eine spätere, leicht abgewandelte Phase. Das ist bereits Techno. Die stampfenden Rhythmen treiben die Winter-Lethargie aus Körpern und Köpfen, zumal es nun auf der Bühne Tag wird. Unter einem blassblauen Himmel bewegen sich alle barfuß in besagter farbenfroher  Kleidung.

Nach zunächst vorsichtigen Lockerungsübungen werden die Bewegungen größer und mutiger. Oft wirken sie wie intensive Fitness-Übungen inklusive Tempo-Training. Disco auf der nicht vorhandenen grünen Wiese. Die Haare der Frauen fliegen, von Fingerspiel bis „Bodenturnen“ wird alles geboten.  

In Sasha Waltz’ pausenloser, 57-minütiger Choreografie ist Durchhalten angesagt, also das, was wir bereits monatelang praktizieren mussten.  Zu Hause vor dem Bildschirm oder TV reizt solches sogar zum Mittanzen. Im Radialsystem würde sich das niemand trauen. Und wie wird bei einer späteren Live-Performance der Blick von oben auf die Tanzenden ermöglicht, der den Streamenden momentan frei Haus geliefert wird?

Trotz dieser lebendigen Frühlingsstimmung scheinen die Pandemie bedingten Vereinzelungen anzudauern. Viele der „Guests“ tanzen gesenkten Blickes, agieren zwar wendig, bleiben aber bei sich. Es dauert lange, bis sich zwei Tänzerinnen kurz anlächeln oder sich eine Nähe suchende Frau an den Rücken eines Mannes schmiegt, der darauf aber nicht reagiert. Andererseits wollen wohl drei Männer, die als stampfendes Trio auffallen, das Miteinander wieder lernen.

Getanzt haben in alphabetischer Reihenfolge: Davide Di Pretoro, Edivaldo Ernesto, Melissa Figueiredo, Hwanhee Hwang, Annapaola Leso, Michal Mualem, Zaratiana Randrianantenaina, Aladino Rivera Blanca, Orlando Rodriguez und Joel Suárez Gómez. Zuletzt sind sie wieder schwarze Scherenschnitte vor der dunkelrot leuchtenden Wand.

Wie geht es weiter? Basierend auf  Terry Rileys „In C“ entwickelt nun Sasha Waltz gemeinsam mit ihren Tänzerinnen und Tänzern choreographisches Material, das bewusst nicht als fertiges Bühnenstück angelegt ist.

Außerdem werden Möglichkeiten der flexiblen künstlerischen Produktion in Zeiten der Pandemie und des künstlerischen Austauschs auch über Landesgrenzen hinweg ausgelotet. So sind die einzelnen Bewegungs-Figuren z.B. in Video-Tutorials festgehalten, die zukünftig das Erlernen des choreographischen Materials durch Tänzer*innen, die nicht vor Ort sind, auch digital ermöglichen sollen.

Sasha Waltz & Guests haben also ihre Corona-Lektionen gelernt und wappnen sich gegen eventuelle weitere Lockdowns, um dann zumindest Livestreams bieten zu können.   Ursula Wiegand

Der jetzige Livestream ist bis 4. April verfügbar auf der Website und dem YouTube-Kanal von Sasha Waltz & Guests sowie auf arte.tv/SashaWaltzInC

 

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