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BERLIN/ Radialsystem: „KREATUR“ von Sasha Waltz

21.12.2017 | Ballett/Tanz

Kreatur, das Ensemble©Ute Zscharnt
Ensemble. Copyright: Ute Zscharnt

Berlin/ Radialsystem:KREATUR“ von Sasha Waltz, 20.12.2017

Nun ist sie wieder ganz bei sich – Sasha Waltz, die international hochgeschätzte Choreographin. Nicht mehr Opernillustrierung, was ihr oft auch eindrucksvoll gelang. In ihrem originalen Metier, frei von der Rücksichtnahme auf vorgegebene Inhalte, überzeugt das Team Sasha Waltz & Guests jedoch mit ungebremstem Ideenreichtum und ganz anderer Tiefe. In ihrem neuen Stück „Kreatur“ zeigt uns Sasha Waltz die Mensch- und Unmenschwerdung, bietet ihre eigene wohldurchdachte und oft schonungslose Vermessung der Welt, begleitet von den Klängen des Soundwalk Collective.

In halblangen, durchsichtigen Federumhüllungen kommen die ersten Tänzerinnen und Tänzer  auf die Bühne des Radialsystems, wirken in diesem zarten Outfit (Kostüme: Iris van Herpen) fast wie Küken, die sich gerade aus dem Ei schälen, die noch unsicher auf den Beinen stehend, die unbekannte Umgebung erkunden.

Einige winden sich aus ihrem Kokon, andere schlüpfen als Partner mit hinein und üben die Zweisamkeit. Mitunter wird auch eine spiegelnde Folie über die Personen gebreitet. Auf diese Weise wirken sie verzerrt und verdoppelt, so als wüssten sie nicht, wer sie sind.

Manche der Tanzenden, vor allem die Frauen, zittern in der neuen ungewohnten Freiheit am ganzen Leib und versuchen sich den zugreifenden Männerhänden zu entwinden. Erst allmählich gewöhnen sich die Geschlechter aneinander, einige mit Hingabe, andere eher unfreiwillig. Verhaltensmuster, die in jüngster Zeit eine unerwartete Aktualität gewonnen haben.

Kreatur,Hwanhee Hwang + Ensemble©Ute Zscharnt
Hwanhee Hwang. Copyright: Ute Zscharnt

Menschen sind zwiespältig – auch das wird hier gut durchdacht und präzise dargeboten. (Dramaturgie Jochen Sandig). Mal agieren die Tänzerinnen und Tänzer als Paare, aber mit Wechseldrang, mal finden sie sich in engen Gruppen zusammen, entweder als ängstliche oder aggressiv wirkende Skulpturen.

In einer anderen Szene steigen sie die Treppe zu einem weißen Podest empor (Bühne: Sasha Waltz und Thomas Schenk) und drängen sich dort oben auf engstem Raum zusammen. Mehr und mehr Menschen wollen hinauf, so als suchten sie Schutz vor steigenden Fluten. Zwei rutschen ab, werden aber von den anderen mühsam gehalten. Hier zeigt sich etwas Solidarität, aber nicht lange.

Bald steht eine Tänzerin mit knallroten Haaren allein oben auf diesem Podest und weint bitterlich. „Don’t cry“, befiehlt ihr immer wieder eine Hartherzige unten am Boden stehend. Eine Aufseherin im Gefängnis könnte sie sein.

Ohnehin bricht sich auf der Bühne die Gewalt Bahn. Mit einer langen Holzlatte attackieren einige Männer die übrigen Tänzer und Tänzerinnen. Frauen werden an ihren zusammen gedrehten Haaren über den Boden geschleift. Männer untereinander kennen oft auch kein Pardon. Einige lassen ihrer Aggressivität freien Lauf, andere sind die Opfer, einige wehren sich, andere sind verzweifelt. So wie im wahren Leben. „My heart is empty“, flüstert es aus der Musik-Konserve. Sind wir nur Kreaturen und keine mitfühlenden Menschen?

Die Tänzerinnen und Tänzer schonen sich nicht, gehen vermutlich manchmal an ihre physischen und psychischen Grenzen. Voll konzentriert transportieren sie die jeweilige, gut durchdachte und sicherlich ebenso gut trainierte Botschaft. Das Publikum ist zum Nach- und Mitdenken aufgefordert und folgt dem rd. 90-minütigen Stück mit anhaltender Spannung.

Schließlich beanspruchen auch die Frauen ihre Rechte. Power demonstrierend treten sie liegenden Männern auf dem Rücken herum, bewaffnen sich auch mit der langen Holzlatte.

Der Schluss ist versöhnlich, gibt Mut zur Hoffnung. Paare finden zueinander, hetero und andere. Der alte französische Song „Je t’aime“ (mit dem Stöhnen beim Sex) erklingt.

Kreatur_Ensemble©Ute und Luna Zscharnt
Copyright: Ute und Luna Zscharnt

Ein Tänzer liebkost liegend die nackten Brüste der über ihm stehenden Tänzerin, ein anderer küsst seine Partnerin mehrmals lautstark auf den Po. Trotz der zeitweise gezeigten Brutalität  ist Sasha Waltz der Humor nicht abhanden gekommen. Das Publikum kichert angesichts dieser Liebesäußerung. Getanzt mit das Stück mitentwickelt haben Liza Alpizar Aguilar, Jiri Bartovanec, Davide Camplani, Clémentine Deluy, Claudia de Serpa Soares, Peggy Grelat-Dupont, Hwanhee Hwang, Annapaola Leso, Nicola Mascia, Thusnelda Mercy, Virgis Puodziunas, Zaratiana Randrianantenaina, Corey Scott-Gilbert, Yael Schnell und Claudia de Serpa Soares.

Zuletzt anhaltender und voll verdienter Jubel für diese neue, sehr kreatürliche Kreation von Sasha Waltz und alle Mitwirkenden. Hingehen!

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 21., 22., 27., 28. und 29. 12. 2017

 

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