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BERLIN / Pierre Boulez Saal: SCHUBERT: DIE WINTERREISE – SAMUEL HASSELHORN und AMMIEL BUSHAKEVITZ

28.11.2025 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Pierre Boulez Saal: SCHUBERT: DIE WINTERREISE – SAMUEL HASSELHORN und AMMIEL BUSHAKEVITZ; 27.11.2025

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Ammiel Bushakevitz, Samuel Hasselhorn. Foto: Dr. Waltenberger

Ein Dessauer und ein Wiener, Wilhelm Müller und Franz Schubert, haben den schaurig schönsten Liederzyklus der Musikgeschichte geschaffen. Was ist es, das uns so sehr für diesen Reigen an 24 Liedern rund um jugendlichen Liebeskummer, Weltschmerz und Todesnähe einnimmt, ja das Publikum immer wieder regelrecht hypnotisiert ? Vor allem dann, wenn er so packend und leidenschaftlich vorgetragen wird, wie dies gestern dem deutschen Bariton Samuel Hasselhorn und seinem kongenialen Begleiter am Klavier und an der Drehleier, Ammiel Bushakevitz gelungen ist?

Da ist einmal die Geschichte einer Wanderschaft in völliger Einsamkeit voller Reminiszenzen an eine unglückliche Liebe. Der Weg, den noch keiner ging zurück, könnte auch für unser aller Leben generell, die dunklen Seiten der Existenz, das Zurückgeworfensein auf sich selbst in der Stunde des Todes stehen.

Kälte ist das einzige Gefühl, das zum Burschen noch durchdringt. Natürlich fantasiert er sich zurück zum Lindenbaum, unter dessen Schatten süß zu ruhen und zu träumen war. Der winterliche Wandersmann erinnert sich an unbeschwerte Momente, bunte Blumen, Vogelgeschrei und den lustig rauschenden Fluss.

Ja, Lieb‘ um Liebe, das ist es, was diese pure Seele ersehnt und nicht findet und doch noch daran glauben will: „Die Augen schließ ich wieder, noch schlägt das Herz so warm, wann grünt ihr Blätter am Fenster? Wann halt‘ ich mein Liebchen im Arm?“

Die „Winterreise“ ist zudem ein Manifest der Kunst, ein Triumph der Musik, die selbst in der bittersten existenziellen Krise mit ihren aufrüttelnd berührenden Melodien und kontrastreichen Harmonien Schmerz in unfassliche, irgendwie gespenstische Schönheit zu transzendieren vermag.

Da trifft es sich gut, dass Ammiel Bushakevitz das Konzert in völliger Dunkelheit auf der Drehleier mit Anklängen an das letzte Lied des Zyklus startet und am Ende selbst mit der Drehleier auf dem Schoss den berühmten Leiermann gibt. Die „Winterreise“ darf so als Metapher der ewigen Wiederkehr betrogener Gefühle, als perpetuum mobile der (endlichen, final meist unglücklichen) Liebe gelten, im weiteren Sinn der Unwegsamkeiten und Mäander, die mit gesellschaftlicher Einbettung und Akzeptanz oder das Verweigern derselben einhergehen.

Samuel Hasselhorn und Ammiel Bushakevitz gestalten die Winterreise als eine Art dramatisches Duett von Gesang und Klavier, als eine doppelläufige, zweistimmige Erzählung einer reinen, aber gebrochenen Natur. Einen gewissen Lebenssaft spendet dem Mann noch die Landschaft, Wetter, Fluss und Baum, die Krähe folgt als letzte treue Gefährtin. Im Dorf und im Wirtshaus ist der düstere Geselle nicht mehr willkommen.

Dass die beiden exzeptionellen Künstler musikalisch so wundersam kongruent in Timing (Rubati) und Dynamik agieren, die „Winterreise“ als dichtmaschiges Psychogramm, als unauflösliche, nur in Kunst zu sublimierende konfliktbeladene Unverträglichkeiten urmenschlicher Funktionen und Bedürfnisse präsentieren können, ist ihrer langjährigen Partnerschaft zu verdanken.

In diesem Zusammenhang ist es unverzichtbar, auf das von Hasselhorn und Bushakevitz 2023 gestartete, anspruchsvolle Projekt „Schubert 200“ aufmerksam zu machen. Im Jahr 2028 jährt sich der Todestag von Franz Schubert zum 200. Mal. Fünf Alben mit Liedern, die das Schaffen der letzten Jahre von Schuberts Leben chronologisch repräsentieren, werden bis dahin bei Harmonia Mundi erschienen sein. „Die schöne Müllerin“ ist schon im Kasten, die 1827 entstandene „Winterreise“ wird auf Tonträger folgen.

Was mir wichtig erscheint, ist das Ziel des Projekts, eine neue Generation des Lied-Publikums erreichen zu wollen. Denn Schubert hat in seinen Liedern selbstverständlich das in den emotionalen Bedingtheiten zeitlose Innenleben eines jungen Menschen in all seinen Extremen und Verästelungen porträtiert und dargestellt. Dass diese Kunstform für die sog. Generation Z, die Digital Natives, die sich mit dem Gefallen-Wollen der Social Medias vielleicht auch einer gewissen Einsamkeit und Druck ausgesetzt fühlt, relevant ist, war an dem Abend an den erfreulich vielen jungen Gesichtern im Publikum abzulesen.

Rasende Seelenstürme: Samuel Hasselhorn konnte sich nach einer kleinen stimmlichen Befangenheit anfangs rasch völlig freisingen und sich zu einer persönlichen Intensität und unheimlichen Spannungsdichte steigern, die sich nach Verklingen des letzten Tons in einem einzigen Aufschrei des Publikums entlud. Ammiel Bushakevitz ist nicht nur als Liedgestalter ein wunderbar sensitiver Schubert-Interpret, leicht perlend im Anschlag und einem untrüglichen Gespür für die Tiefen und Untiefen romantischer Liedkunst. Ein großer Abend!  

Fotos: Ingobert Waltenberger

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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