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BERLIN/ Pierre Boulez-Saal: KLAVIERTRIOS VON SHOSTAKOVICH / RAVEL/ MENDELSSOHN BARTHOLDY

Jean-Yves Thibaudet, Lisa Batiashvili, Gautier Capuçon

11.11.2018 | Konzert/Liederabende

BERLIN / Pierre Boulez Saal: Klaviertrios von Shostakovich, Ravel und Mendelssohn-Bartholdy – Jean-Yves Thibaudet, Lisa Batiashvili, Gautier  Capuçon, 9.11.2018

 

In Berlin wird am 9. November wichtiger historischer Ereignisse gedacht: Der Ausrufung der deutschen Republik 1918, des Hitler-Putsches 1923, der Reichsprogromnacht 1938 oder des Berliner Mauerfalls 1989. Wobei vor hundert Jahren auch die Revolution gegen die politischen und militärischen Eliten ausbrach, die Deutschland und die Welt in den traumatischen Ersten Weltkrieg manövriert hatten. Es war der Tag, an dem der Kaiser abdankte, in Berlin die Republik ausgerufen und erstmals in Deutschland eine Demokratie geschaffen werden sollte. Während man im Berliner Senat überlegt, einen zusätzlichen Feiertag zu schaffen und die Stadt von Ansprachen, Demos aller Art widerhallt, bietet man im Pierre Boulez Saal ein wunderbares Kammermusikprogramm sinnvollerweise mit Werken jeweils eines französischen, eines deutschen und eines russischen Komponisten. 

 

Das viersätzige Klaviertrio von Maurice Ravel in a-moll, wenige Tage nach Ende des Ersten Krieges fertiggestellt, bildet mit der komplexen rhythmischen Vielschichtigkeit, den irisierend übereinander gelagerten klanglichen Valeurs der drei Instrumente und seiner mehrdeutigen formal-motivischen Anlage einen perfekten Auftakt der Moderne. Die disparate unübersichtliche Vielfalt des Lebens hat Ravel genial in ein tönenden Manifest gegossen. In diesem im französischen Baskenland entstandenen Werk finden wir dementsprechend auch baskische Rhythmen und Melodien. Der zweite Satz mit dem rätselhaften Titel ,Pantoum‘ imitiert eine malaysische Gedichtart, bei der einzelne Zeilen der ersten Strophe in der zweiten wiederaufgenommen werden.  Nach einer eher herben Passacaille rast der Finalsatz in orchestral aufrauschenden Klangmeeren direkt in den sternenglitzernden Abendhimmel.

 

Die georgische Geigerin Lisa Batiashvili, der in Chambéry geborene Cellist Gautier Capuçon sowie der Pianist Jean-Yves Thibaudet sind die exquisiten Solisten des Konzerts. Sie bilden keine aufeinander eingeschworene Trioformation, sondern befinden sich mit dem gespielten Programm gerade inmitten einer Europa-Tournee. Nach Berlin stehen noch Konzerte in Zürich, London, Paris und Hamburg auf dem Terminplan. 

 

Die Streicher Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon bilden eine vollkommen harmonische Einheit, in der Art der Bogenführung, der muskulös schlanken Tongebung sowie der in jeder musikalischen Zelle gefühlten Poesie und explosiven Gestaltung der Musik. Bathiashvili ist für mich ohnedies die beste Geigerin der Jetztzeit, Capuçon der leidenschaftliche Poet auf seinem Instrument. Dazu gesellt sich Thibaudet, einer anderen Generation angehörig, der sich in den leiseren Passagen mit einer vielschichtigen Anschlagskultur sehr gut in den Fluss der Musik fügen kann und zudem virtuos beeindruckend aufzutrumpfen vermag. Im ekstatischen Schluss des Finales bringt er allerdings durch die Wucht des Klavierklangs die Balance erheblich durcheinander. Zumindest von meinem im Rang aus war nur noch das Klavier und die hohe Lage der Geige zu hören. Vielleicht sollten man doch bei solchen Gelegenheiten prüfen, ob der Flügel nicht  ganz offen gespielt wird.

 

Das Konzert startete mit dem relativ kurzen Klaviertrio Nr. 1 in c-moll des erst 17-jährigen Shostakovich‘ aus dem Jahr 1923. Damals musste Dmitri als Pianist in Stummfilmkinos sein  Geld verdienen. Das Trio mit dem Titel „Poème“ ist eine tonreiche Liebeserklärung an Tatjana Gliwenko, die er während einer Kur in Gaspra auf der Krim kennengelernt hatte. Dem Cello kommt im Allegro die schwärmerische Sehnsuchtsrolle zu, Gautier Capuçon glänzt aber auch in den prägnanten Pizzicato Passagen, die den fragenden Kontrapunkt zum romantisch geschwätzigeren Klavierlauf bilden. 

 

Nach der Pause gab es eine beseelte, allen Genien der Frühromantik huldigende Wiedergabe des zweiten Klaviertrios in c-moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

 

Insgesamt war ein Kammermusikabend auf ganz außerordentlichem Niveau zu erleben, der auch dem raren Genre Klaviertrio wieder seinen echten Wert zuwies.

 

Ingobert Waltenberger

 

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