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BERLIN / PIERRE BOULEZ-SAAL: „DOCH BIN ICH NIRGEND, ACH! ZU HAUS“, FRANUI – MUSICBANDA & NIKOLAUS HABJAN

20.12.2018 | Konzert/Liederabende

BERLIN / PIERRE BOULEZ-SAAL: „DOCH BIN ICH NIRGEND, ACH! ZU HAUS“, FRANUI – MUSICBANDA & NIKOLAUS HABJAN; 19.12.2018

 

„Ich wandre fremd von Land zu Land, so heimatlos, so unbekannt; Berg auf, Berg ab, Wald ein, Wald aus, doch bin ich nirgend ach! zu Haus.“ Schubert aus ‚Der Wanderer an den Mond‘ nach einem Gedicht von Johann Gabriel Seidl

 Ganz schön präsent ist sie derzeit in Berlin, die fabulöse Osttiroler Musicbanda Franui. Ein Geschenk für die Bewunderer ihrer intimen und unvergleichlich poetischen Lied-Bearbeitungen von Franz Schubert, Johannes Brahms, Gustav Mahler und Robert Schumann, egal ob rein instrumental, vokal oder beides zusammen. Am 17. Jänner 2019 wird ihr Stück „Himmelerde“, ein Maskenmusiktheaterprojekt in Zusammenarbeit mit Florian Boesch, Anna Prohaska und der Familie Flöz an der Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt.

 An zwei Abenden geben sich nun die Musikerinnen und Musiker aus Innervillgraten (Franui heißt eine dortige Alm) – unweit des in Südtirol gelegenen Komponierhäuschens von Gustav Mahler in Toblach – im Berliner Pierre Boulez-Saal die Ehre. Mit einem sehnsüchtig-romantischen Programm vom Leben und Sterben,  Lieben und Einsamkeit entzücken sie gemeinsam mit dem großartigen Nikolaus Habjan an der rotäugigen Puppe das Publikum. An allen Stadien zwischen „Aufbruch und Ankommen, Werden und Vergehen, Mühsal und Erfüllung“ lässt uns der kleine anrührende Puppenknirps in weißem Hemd und braunen Hosen auf seiner imaginären Wanderschaft über Berge und durch Täler menschlicher Existenz, stets auf der Suche nach dem zuinnerst Eigenen, dem Eigentlichen, teilhaben. Der auch als Kunstpfeifer in der letzten Zugabe (Schubert „Du bist die Ruh“) reüssierende Nikolaus Habjan lässt seine Puppe Texte des großen Schweizer Dichters Robert Walser und von Jürg Amann sprechen. „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“, ist das dritte gemeinsame Projekt der Künstler. Eigentlich ist es eine szenische Lesung mit Musik: Puppenspiel, Rezitation, Instrumentales und Gesang sind gleichberechtigte Teile dieses – wie soll ich es nennen – melodienseligen Weltschauspiels oder kargen Oper oder edlen Kammerstücks an lyrischer Versenkung.

Die vier Jahreszeiten fungieren als Wegweiser und Orientierung. Das Ensemble Franui weiß durch einen speziellen, urtümlichen Klang in abwechslungsreichen, das Melancholische noch vertiefenden bzw. wild beschleunigenden Arrangements vor allem einiger der schönsten Lieder von Schubert und Mahler zu entzücken. Trompeter Andreas Schett und Bassist Markus Kraler haben etwa für Schuberts „Der Wanderer an den Mond“, „Wanderers Nachtlied“ oder „Das Grab“ neue Klangkleider geschneidert bzw. Mahlers „Des Antonius zu Padua Fischpredigt“, das „Rheinlegendchen“ und „Wer hat dies Liedlein erdacht“ zu dem instrumentalen Potpourri „Wunderhorntanz“ montiert. Holz- und Blechbläser, Streicher, Hackbrett, Zither und Harfe sorgen für kurzweilige, fast improvisatorisch wirkende Wiedergaben entweder entlang der Originalnotierung oder aber mittels einer vollkommen neuen Dynamik (doppeltes oder halbes Tempo) bzw. fremden Texten zu bekannten Liedkompositionen neu gedeutet.

Sie mögen vor den Vorhang treten, die seit 25 Jahren aufeinander eingespielten und eingeschworenen Musiker und Musikerinnen: Johannes Eder an der Klarinette und Bassklarinette, Andreas Fuetsch (Tuba), Romed Hopfgartner (Sopransaxophon, Altsaxophon, Klarinette), Markus Kraler (Kontrabass, Akkordeon), Angelika Rainer (Harfe, Zither, Gesang), Bettina Rainer (Hackbrett, Gesang), Markus Rainer (Trompete, Gesang), Andreas Schett (Trompete, Gesang, künstlerische Leitung), Martin Senfter (Ventilposaune, Gesang) und Nikolai Tunkowitsch (Violine). Alle begnadete Solisten, werfen sie einander mit ungeheurer Leichtigkeit die musikalischen Leuchtbälle zu – in einem perfekt getimten und zum Niederknien aufeinander abgestimmten Miteinander. 

Die Puppe mit ihrem blassen, in Sorgenfalten gelegten Köpfchen, die gegen Ende die Brauen und den Bart in Rauhreif erstarrt, gleichzeitig Mensch, Robert Walser und Publikum sein darf, marschiert, sinniert, ist fröhlich und traurig, für jeden  Zuspruch und jede Aufmerksamkeit dankbar. Eigentlich sind es ja zwei Figuren mit demselben Köpfchen, dass unser Puppenspieler flink und mit liebevollen Händen von einer sogenannten Klappmaulpuppe auf eine Läuferpuppe setzt und wieder zurück. Am Ende darf der Totenkopf eine letzte  Zwiesprache mit dem erfrierenden Menschenkind halten,  zu Schuberts Abschied „Über die Berge“. Da steht auf einmal die Zeit still, das Publikum hält den Atem an, Harfe und Hackbrett setzen die letzten ersterbenden Töne.

Das Publikum war bewegt und ob der Qualität des Gehörten vielleicht auch überrascht. Es dankte den Künstlern mit intensivem Applaus. Als erste Zugabe sang Nikolaus Habjan, pardon seine Puppe, Georg Kreislers bitter satirisches „Das Triangel“, danach „pfiff“ er noch Schuberts „Du bist die Ruh“. Am Schluss gelbe Rosen für alle. Das Konzert wurde mitgeschnitten und mitgefilmt, vielleicht kommt ja eine DVD heraus. Es wäre zu wünschen.

In seiner poetischen Unbedingtheit, Tiefe und irrlichternden Schönheit hat mich der außergewöhnliche Abend an die besten Aufführungen im Wiener Serapionstheater erinnert, aber noch als es Puppentheater am Wallensteinplatz im 20. Bezirk war….. 

Auf die Produktion „Himmelerde“ im Jänner 2019 dürfen wir gespannt sein. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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