Berlin / Pierre Boulez Saal: András Schiff spielt 6 Englische Suiten, 28.12.2023

Haussmanns Bachporträt von 1748. Seit 2015 zurück in Leipzig. Foto: Ursula Wiegand
András Schiff hat nun seinen Bach-Zyklus fortgesetzt. Nach 6 Klavierpartiten am 21.12. und 6 Französischen Suiten am 26.12. (bei denen ich nicht anwesend war) sind am 28.12. nun 6 Englische Suiten BWV 806-811 (entstanden um 1715) an der Reihe.
Warum sind es jedes Mal sechs Stücke? Dachte vielleicht Johann Sebastian Bach, dass deren Dauer zeitlich genau das richtige Maß war, um das Publikum gut zu unterhalten, ohne es zu ermüden. Oder sind wir damit schon bei Bachs Zahlensymbolik angekommen, die einige Forscher entdeckt haben wollen, andere aber energisch ablehnen?

Andràs Schiff. Foto: Nadja Sjöström
Die Zahl 6 soll die Zahl der Vollendung und der Zusammenfassung sein. Das ist tatsächlich so, wenn András Schiff zuletzt die 6. Englische Suite spielt und bei einer kleinen Einführung gleich anfangs darauf aufmerksam macht, dass diese Suite Bachs musikalische Unterschrift trägt, also B-A-C-H mit den Zahlen 2+1+3 + 8, was addiert 14 ergibt.
Für einige Musiker und Forscher – oder sind es inzwischen viele – ist die 14 die Bach-Zahl. Wer den gesamten Namen Johann Sebastian Bach in Zahlen umwandelt, kommt auf 41, also die Umkehr von 14. Zuerst und doch reichlich spät ist das Friedrich Smend aufgefallen, der die Ergebnisse seiner Forschung 1947 veröffentlichte.
Das Bachhaus in Eisenach ist bei seiner Ausstellung „Bach und die Zahlen“ im Jahr 2014 (!) diesen Forschungen nachgegangen, zumal neuerdings eine wachsende Zahl von Forschenden, Mathematikern und Esoterikern meinen, noch weitere Zusammenhänge entdeckt zu haben, die Bach in seiner Musik und den dazu gehörigen Texten versteckt hätte. Manche behaupten, in seiner Musik verberge sich zahlenmäßig das gesamte Kirchenjahr. Sogar seinen Todestag hätte Bach vorab errechnet. Verständlich, dass Bachkenner solches als Unsinn erachten.
Dass aber Zahlenspiele und Zahlensymbolik im Barockzeitalter durchaus gängig waren und von den meisten Menschen verstanden wurden, ist ebenfalls bekannt. Warum sollte also Bach in seinen großartigen Werken nicht gewisse, auch religiöse Hinweise verborgen haben? Seine Kompositionen sind jedenfalls sehr komplex konstruiert, da ist nichts dem Zufall überlassen.
Aber hätte denn Bach als viel beschäftigter Thomaskantor, der ab 1723 in seinen ersten Leipziger Jahren für jeden Sonntag im Kirchenjahr, also Woche für Woche, eine neue Kantate komponierte und mit den Thomanern aufführte, für solch eine Zahlensymbolik überhaupt Zeit gehabt? Zumal er schon 1724 die Johannes-Passion und 1727 die Matthäus-Passion, letztere sein doppelchöriges opus magnum, dem Publikum darbieten konnte. 1.800 Kompositionen sind von ihm erhalten.
Nachdenklich macht andererseits das einzige echte Porträt, das Bach 1748, also zwei Jahre vor seinem Tod, von Elias Gottlob Haussmann hat malen lassen. Die Familie von John Eliot Gardiner in England hat es 2015 ans Bacharchiv Leipzig zurückgegeben. Bach trägt darauf einen Anzug mit 14 Knöpfen und hält ein Notenblatt, den sogenannten „Rätselkanon“ aus dem „Musikalischen Opfer“. Auch sein Trinkglas ist mit 14 Punkten verziert. Das war wirklich seine Zahl.
András Schiff hält sich mit seinen einführenden Worten jedoch an die Realität und macht darauf aufmerksam, dass alle Englischen Suiten mit einem Prélude beginnen und mit einer Gigue enden. Die bekannten Tänze Allemande, Courante und Sarabande folgen dem Preludium. Dennoch unterscheiden sich diese Suiten deutlich voneinander, auch in der Länge.
Die Suiten Nr. 1 und Nr. 4 sind in Dur und von heiterem Charakter. Der Nr. 4 in F-Dur bescheinigt Schiff sogar eine gewisse Zärtlichkeit. Nach der Pause folgen die Suiten 5 in e-moll und die von vielen guten Pianisten geliebte Suite Nr. 6 in d-moll.
Schiff bezeichnet diese Nr. 6 als ein Meisterstück und auch als „crazy music“. Sie sei außerdem ein Bach-Selbstporträt, sagt er, und so spielt er es auch. Er wirft sich, selbst ein begeisteter Bach-Verehrer, in die Tasten und lächelt dabei bisweilen.
Betonung und Tempi, beide sind perfekt, und zuletzt in der Gigue geht’s nochmals so richtig los. Alles ein weiteres fabelhaftes Erlebnis. Wieder folgen Jubel, standing ovations und erstmals noch eine Zugabe!
Ursula Wiegand
Hier das Programm:
Suite Nr. 1 A-Dur BWV 806, Prélude – Allemande – Courante I – Courante II – Double I – Double II – Sarabande – Bourrée I – Bourrée II – Gigue
Suite Nr. 2 a-moll BWV 807 – Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Bourrée I – Bourrée II – Gigue
Suite Nr. 3 g-moll BWV 808 , Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Gavotte I – Gavotte II – Gigue
Suite Nr. 4 F-Dur BWV 809, Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Menuet I – Menuet II – Gigue
Suite Nr. 5 e-moll BWV 810, Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Passepied I en rondeau – Passepied II – Gigue
Suite Nr. 6 d-moll BWV 811 Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Double – Gavotte I – Gavotte II – Gigue

