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BERLIN/ Pianosalon Christophori: Vivaldis Konzerte „L’estro armonico“ im neuen Kammermusik-Arrangement vom italienischen Quintett „Armoniosa“

14.11.2019 | Konzert/Liederabende


Stefano Cerrato. Foto: Stefan Pieper

Pianosalon Christophori Berlin: Vivaldis Konzerte „L’estro armonico“ im neuen Kammermusik-Arrangement vom italienischen Quintett „Armoniosa“ (13.11.2019)

In Berlin präsentierte das italienische Quintett Armoniosa individuelle Bearbeitungen der Konzerte aus Antonio Vivaldis Zyklus „L estro armonico“, mit denen das Ensemble aktuell auch auf CD für Furore sorgt. Live im Pianosalon Christophori wurde eine ganz andere, neue Hörerfahrung daraus. Das Publikum im vollbesetzten Saal war tief versunken…

Um die Seele ihrer Musik frei atmen zu lassen, wählen Armoniosa die Orte, an der sie erklingt, bewusst aus. Die Aufnahmen für die CD erfolgten in einem alten, unbewohnten norditalienischen Schloss. Für den Dreh ihres hinreißenden Imagevideos kamen sie dem Himmel näher und musizierten auf einer einsamen Passhöhe an einem Bergsee in den französisch/italienischen Alpen.

Wiederum ein ganz anderes Ambiente umgibt die Musik im berühmte Pianosalon Christophori mit seiner Werkstattatmospähre, die charmante Authentizität mit wohnzimmerhafter Behaglichkeit verbreitet. Die Akustik hier? Sie ist das Gegenteil vom Aufnahmeort. In Berlin klingt alles trocken, neutral und analytisch. Von Nachhall keine Spur! Also haben diese Musiker auf ihren historisch timbrierten Instrumenten nur ein Minimum an Rückmeldung. Das gebietet ein Maximum an Disziplin und Sauberkeit.

Hörbar haben Armoniosa Spaß daran, an solchen Herausforderungen über sich hinaus zu wachsen. Ihr hellhörig ausbalancierendes Spiel zieht auf verblüffende Weise in die Tiefe der Kompositionen hinein. Das offenbart die immense Präzision dieser Spieler und eine fast asketische Reinheit in Sachen Intonation und dynamischer Ausdifferenzierung.

Vor allem um variable instrumentale Rollenverteilung geht es in den „l´estro armonico“ – Konzerten sowie der „La Follia“-Sonate Nr.12 opus 1.  Vivaldi kultiviert hier zuhauf neue Lösungen, um zwischen solistischem Ausdruck und kommunikativen Zusammenspiel zu vermitteln. Bemerkenswert in diesem Spiel ist die  Rolle des „hohen“ Cellisten Stefano Cerrato. Der bedient auf seinem fünfsaitigen Instrument vor allem die expressiven solistischen Parts und agiert ebenso als Bindeglied zu den anderen Spielern: Da wird der Celloton eins mit dem leuchtenden Violinspiel seines Bruder Franceso Cerrato, synchronisiert sich mit der funkelnden Virtuosität des Cembalos, schmiegt sich unisono an die verspielten Linien von Daniele Ferreti auf seiner Truhenorgel an. Nicht minder bemerkenswert  -und in „moderner“ Musizierpraxis längst schon wieder vergessen-  macht Armoniosa die „Arbeitsteilung“ der beiden Celli an diesem Abend erfahrbar. Marco Demaria bedient auf dem „tiefen“ Cello vor allem das Bassocontinuo, und das klingt – den obligatorischen Darmsaiten bei allen Instrumenten sei Dank – oft wie ein seidig näselnder, sehr hoch gespielter Kontrabass.


Marco Demaria. Foto: Stefan Pieper

Die feinnervige Transparenz, die von diesem Quintett ausgeht, ist eine Absage an jeden hier oft aufgetürmten orchestralen Pomp. Dabei bekräftigt die Spiellust von Armoniosa eine reiche Palette aus Gesten und Stimmungen.  Also entfalten die treibenden Sätze einen federleichten „Swing“, sorgen tänzerische Formen für anmutige Regungen, blitzen strahlend virtuose Feuerwerke auf den Instrumenten auf.

Auch Johann Sebastian Bach sah in Vivaldis stolzer musikalischer Eloquenz ein imposantes Vorbild – dieser Bezug ist an diesem Abend Thema in Gestalt eines brillanten Concerto für Violine, Violoncello und Continuo. Vor allem bei den Cembaloparts von Armoniosa wurde mächtig Hand angelegt. Diese hat der Tastenvirtuose Michele Barchi akribisch und kunstvoll der eigenen Mission auf den Leib arrangiert: Unerschöpflich stürmt im Pianosalon sein Feuerwerk aus rasanten, improvisatorisch anmutenden Läufen voran. Aber so federnd und schwerelos diese vorwärtsstürmende  Klangpracht den Hörer betört, so stellen sie für den Spieler eine immens kräftezehrende Tour de Force da. Das kostbare, nach flämischen Vorbild vom angesehenen Instrumentenbauer Christian Rothe gefertigte Cembalo will gebändigt sein, wie Barchi selbst bekundet. Instrumente, die so alt sind wie die Stücke, die auf ihnen erklingen oder diesen detailgetreu nachempfunden sind, haben eben ihre eigene Seele.  Geiger Franceso hat später „seinen“ imposanten Bravourpart im Stück eines Zeitgenossen, nämlich der ersten „Rosenkranzsonate“ von Heinrich Ignaz Franz von Biber. Ein Vivaldi-Konzert mit einem abermaligen ausgiebigen Cembalospiel führte schließlich in die Zugabe – bevor ein umfangreicher Zugaben-Reigen den enthuisastischen Wunsch nach mehr beim Publikum begegnete. Fazit: Noch unmittelbar als im Pianosalon durch diese erfinderischen und hochmotivierten Spieler aus Italien lässt sich wohl kaum einer musikalischen Essenz zu Leibe rücken.

Stefan Pieper

 

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