Philharmonie, Berlin. Silvesterkonzert, 29.-31. Dezember 2025

Foto: Monika Rittershaus
Was bringen der Chefdirigent Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker als Silvesterkonzert nach diesem schwierigen Jahr 2025? Vieles, und die meisten Stücke und Melodien werden die aufmerksam Zuhörenden vermutlich schon kennen. Auch das ist ein Plus.
Wir erleben aber kein Sammelsurium von lustigen Stücken, sondern eher einen Parcours durch Liebe, Leid und Tod, jedoch zuletzt noch mit einem freundlichen Schimmer. Dazu soll an diesem Jahresende auch der schon längst berühmte, jetzt 40jährige Franzose Benjamin Bernheim mit beitragen. Die in Berlin ausgewählten Werke stammen von Peter Tschaikowsky, Charles Gounod, Georges Bizet, Jules Massenet, Emmanuel Chabrier und George Gershwin
Das Konzert beginnt also mit Peter Tschaikowsky und dessen Polonaise „Eugen Onegin op. 24“. Danach folgt sogleich die Arie des Lenski aus dem 2. Akt. Jetzt tritt Benjamin Bernheim in den großen, ausverkauften Saal, steht allein vor Kirill Petrenko und vor dem riesigen Orchester, das alle nötigen Instrumente oft in Mehrzahl parat hat. Wie soll Bernheim gegen soviel Klangpracht ansingen? Er schien davon zumindest am 29.12. etwas überrascht gewesen zu sein.

Benjamin Bernheim. Foto: Monika Rittershaus
Wie jedoch im Internet zu lesen ist, ist er nicht nur ein Liedersinger. Nein, er eilt ansonsten auch von Oper zu Oper, u.a. oft nach Österreich und singt überall die schwierigsten Partien. Doch bald strahlte dann auch in Berlin sein heller, edler Tenor den ganzen Abend ohne Fehl und Tadel. Auch muss er nicht angeben, die Leute müssen nur die Ohren aufmachen.
Zunächst muss Bernheim laut Programm darlegen, was Lenski fühlt. Der ahnt, dass er das Duell mit seinem Freund Onegin nicht überleben wird. Ein vom Thema her kein leichter Anfang selbst für einen besonders begabten Sänger in solch einem großen Saal. Danach folgt Gabriel Fauré mit „Pelléas et Mélisande“, und zwar die Orchestersuite op. 80: 3. Satz Sicilienne, was recht charmant wirkt.
Doch danach horcht das Publikum deutlich auf, denn Bernheim singt nun etwas Bekanntes von Charles Gounod aus „Roméo et Juliette“ nämlich „L’amour!“, die Cavatine des Romeo aus dem 2. Akt. Der hat sich bekanntlich sehr in Juliette verliebt, obwohl sie zu einer anderen und ihm feindlichen Familie gehört. Das passt gut zu Bernheims Stimme und lässt das Publikum sofort jubeln, also auch die Herren und nicht nur die Damen. Doch auch Peter Tschaikowsky ist einst Romeo und Julia anheim gefallen und hat eine Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare komponiert.Eine gute Mischung.
Nach der Pause, die am Silvestertag ausfällt wegen der Übertragung des Konzerts in Kinos weltweit, ist Jules Massenet mit „Werther“ an der Reihe, was Petrenko offenbar besonders mag. Aber das Publikum musste sich etwas gedulden. Erst nach dem Vorspiel zum 1. Akt ist „Pourquoi me réveiller“ zu hören, die Arie des Werther aus dem 3. Akt. Er hat bereits fast einen Selbstmord verübt, ist aber noch nicht tot, Er will aber aus diesem Traum auch nicht gerettet werden, da die Frau, die er liebt, zuvor schon einem anderen Mann versprochen wurde.
Ob diese Frau, die nun auch ihre Liebe zu ihm offenbart, mit ihm in den Tod geht, hängt heutzutage von den Regisseuren ab. Jedenfalls ist nun Benjamin Bernheim mit seiner Stimme bestes in diesem Revier angekommen. Jetzt singt er kraftvoll und mitreißend, ringt die Hände, und das Publikum jubelt.
Sozusagen als Zwischenstück und Erholung folgt Georges Bizet zunächst mit „L’Arlésienne: Suite Nr. 2 für Orchester: Nr. 4 Farandole. Doch das von den Zuhörern begierig Erwartete kommt gleich hinterher: die Blumenarie des Don José aus dem 2. Akt, „La fleur que tu m’avais jetée“. Ja, ja, die Carmen. Jetzt ist auch Bernheim in Berlin ganz daheim, und der Beifall wird noch heftiger.
Dass sich Carmen bereits dem smarten Escamillo, einem bekannten Stierkämpfer, zugewandt hat, obwohl das ihren Tod bedeutet, wissen wohl alle im Saal. Petrenko zögert nicht, hüpft auf dem Podest mit Begeisterung und lässt das Orchester heftig zupacken. Passend dazu folgt die „España“, eine Rhapsodie für Orchester von Emmanuel Chabrier.
Doch mit George Gershwins reichhaltiger „Cuban Overture“ sind wir in der Moderne gelandet. Die Berliner Philharmoniker legen sich erneut energisch ins Zeug. Bravo! Im „Lärm“ und beim Hin und Her der Melodien geht aber fast noch Bernheims Zugabe unter: „E Lucevan le stelle“(Und es leuchten die Sterne)“ aus Puccinis Oper Tosca. Dafür scheint allerdings Bernheims Tenor nicht gemacht zu sein, da fehlen die dunklen und sehr dramatischen Töne. Vielleicht möchte er sich gerade bei diesem Abschied vom Leben auch nicht unnöig hervortun. Nach dem Schluss-Applaus sind wohl alle zufrieden.
Ursula Wiegand

