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BERLIN/ Philharmonie/Musikfest: Saisoneröffnung 2025/26 des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) mit Chefdirigent Vladimir Jurowski und Pianist Pierre-Laurent Aimard

11.09.2025 | Konzert/Liederabende

Musikfest Berlin 2025, Saisoneröffnung 2025/26 des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) mit Chefdirigent Vladimir Jurowski und Pianist Pierre-Laurent Aimard am 10. 09 in der Philharmonie.

Zu erleben war zunächst Helmut Lachenmann mit seiner selten zu hörende Komposition „Ausklang“ für Klavier und Orchester aus den Jahren 1984/1985, das 1986 mit dem WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Peter Eötvös uraufgeführt wurde.

Lachenmann, ein Pfarrerssohn, geboren in Stuttgart, ist sehr bekannt und beliebt geworden. Kein Wunder, daß der große Saal der Philharmonie am 10. September 2025 gänzlich voll war. 

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Helmut Lachenmann. Foto: Astrid Ackermann

Denn Lachenmann ist schon lange eine internationale „Marke“, hat eine Fülle von verschiedenartigen Kompositionen geschaffen und wurde mit Preisen überschüttet. Am 27. November kann er nun seinen 90. Geburtstag feiern, hatte jetzt aber die Proben begleitet und war am 10. September im Saal anwesend. Sogleich brandete dafür der Beifall auf.

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Pierre Laurent Aimard. Foto: Marco Borggreve

Der große, kräftig wirkende Mann stieg nach der Aufführung hinauf aufs Podium und bedankte sich bei Jurowski, der ihm hilfreich die Hand reichte. Den Star-Pianisten Pierre-Laurent Aimard umarmte er sofort. Ohne ihn, den Engel der Avangarde, wäre diese Aufführung kaum möglich gewesen. Der musste offensichtlich die schwerste Arbeit leisten, tat es jedoch mit Hingabe und absoluter Konzentration. 

Auch anderen Instrumentalisten schüttelte Lachenmann die Hände. Sie müssen besondere Spieltechniken anwenden und haben ebenfalls einen schwierigen Job. Kaum zu zählen sind all’ die teils sonderbaren Werkzeuge, die sie bedienen müssen. Die allermeisten hat Lachenmann selbst zur Klangerzeugung ersonnen. Sein Wunschtraum war, so seine Worte, die Schwerkraft zu überwinden oder zu überlisten.

Zu seinen Lehrern und Impulsgebern gehörten u.a.Stockhausen und Luigi Nono, doch Lachenmann ging dennoch seinen eigenen Weg. Klänge, auch ganz leise, sowie Geräusche, vor allem in der Natur, wurden seine Spezialität. Die hatten bereits sein 50 Minuten langes Stück „Ausklang“ geprägt.

Diese besonderen und neuartigen Töne haben offenbar die Anwesenden, also auch mich, sogleich angesprochen. Sie lassen das lauschende Publikum die Natur fühlen und die teils lauten oder ganz leisen Geräusche der dortigen Lebewesen. 

Bei heftigen Tönen lässt es sich auch an Stürme und Gewitter denken. Vielleicht haben die Hörenden sogar einen eigenen Weg zur Erschließung dieser oft eigenartigen Laute gefunden. Der heftige Beifall ließ das vermuten.

Nach der Pause war Dmitri Schostakowitsch (25.9.1906 – 9.8.1975) zu hören, und zwar seine Sinfonie Nr. 11 g-Moll aus den Jahren 1856-1957. Und die übertraf alles, was ich bisher bei diesem Musikfest an Schicksal, Dramatik und Können erlebt hatte.

Dieses Werk trägt den Untertitel „Das Jahr 1905“, und erinnert an den „Blutsonntag“ von St. Petersburg am 9. Januar 1895, an dem der Zar Nikolaus II in die hungernde, jedoch unbewaffnete Menschenmenge vor dem Winterpalais schießen ließ. Jene friedlichen Demonstranten baten lediglich um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, doch sie starben zu Hunderten bei diesen Schüssen, ist im Programmheft zu lesen 

Erstmals, am 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde diese Sinfonie Nr. 11 uraufgeführt. Das geschah am 30. Oktober 1957. Der Sohn von Schostakowitsch bangte bereits um das Leben seines Vaters, hatte der doch so viel Verständnis für das einstige Leid der armen Bevölkerung und deren weitere Qualen in sein Werk hineinkomponiert. Doch die lustig Feiernden bemerkten das nicht. 

Schostakowitsch nahm aber auch einige Tricks zu Hilfe, indem er zahlreiche bekannte Lieder in diese Sinfonie hineinfügte, also Kirchen- und Arbeiterlieder, was aber von der Regierung auch kaum bemerkt oder gar bestraft wurde.

Übrigens gehen die 4 Sätze dieser etwa 70 minütigen Sinfonie pausenlos ineinander über. Der erste Satz, ein Adagio genannt der Palastplatz, hatte und hat nichts Freundliches an sich, sondern Öde und Einsamkeit. Das Lied „Herr erbarme Dich unser“ zeigt, daß sich die Situation der Menschen noch nicht deutlich verbessert hatte. Das Adagio übermittelt stattdessen die Trauer und die anhaltende Angst der Menschen vor der Gewaltherrschaft der Mächtigen. 

Das Allegro zeigt sich jedoch kämpferisch. Musikalisch wird auch an die Polnische Stadt Lemberg gedacht, und das mit dem Arbeiterlied „Warszawianka“, das auch in Russland gesungen wurde, obwohl es zum Polnischen Freiheitskampf gegen Russland gehörte. Die Vorfahen von Schostakowitsch, die sich 1831 am Freiheitskampf beteiligt hatten, wurden von Lemberg nach Sibirien verscheppt.

Das Lied „Brüder zu Sonne, zur Freiheit“ gefiel den Machthaben aber sehr, so daß Schostakowitsch sogar den Leninorden erhielt.

Jedenfalls hat er sich mit seiner Musik klug durch all’ die Schwierigkeiten geschlängelt und sich selbst behauptet, das beweist besonders die Sinfonie Nr.11, die ich mit ihrem Klangreichtum gleich noch einmal hätte hören wollen. Die bewundernswerten Instumentalisten unter der perfekten Leitung von Vladimir Jurowsky haben sie bestens dargeboten. „Sie ist ein Werk voller Hoffnung und Mahnung und heute erschreckend aktuell“, sagte er.

Diesen, der traurigen Realität entsprechenden Worten, lässt sich momentan leider nichts Besseres hinzufügen, immerhin aber die Bemerkung, dass Vladimir Jurowski zwei weitere Jahre in Berlin und beim RSB bleibt. Und das ist eine gute Nachricht. 

Ursula Wiegand

 

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