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BERLIN/Philharmonie/Musikfest: MISSA SOLEMNIS von L.v. Beethoven (John Eliot Gardiner)

01.09.2022 | Konzert/Liederabende

Musikfest Berlin 2022: Beethovens „MISSA SOLEMNIS“ in der Philharmonie, ein Ereignis dirigiert von John Eliot Gardiner, 31.08.2022

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John Eliot Gardiner  und sein Orchester. Foto: Musikfest

Sollte jemand dieses weltbekannte, sensationelle Werk noch nicht kennen, müssten beim krass zu nennendem Kyrie sogleich Irritation aufkommen. Der Komponist Ludwig van Beethoven sah sich selbst offenkundig nicht als armen Sünder, der Gott Vater, Christus und den Hl. Geist um Erbarmen bitten muss. Diese Musik hat einer hinterlassen, der aufgrund des recht frühzeitig beginnenden Gehörverlustes gesagt hat: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen.“ Einer, der vielleicht auch meinte, er habe schon genug gebüßt. Oder ein Geplagter, der eher kirchenfern doch voller Vertrauen meinte, Gott werde ihm schon weiterhelfen.

Dennoch ist in den rund fünf Jahren (von 1819 – 1824), in denen sich Beethoven mit dieser „Missa“ beschäftigte, schon wegen ihrer Länge keine Gottesdienst taugliche Messe entstanden, sondern ein 90-minütiges Oratorium, das sich außerdem durch damals unübliche Stilvarianten von bisherigen Messen abhob. Der altbekannte lateinische Messetext wurde von Beethoven in ein neues, fortschrittliches Gewand gehüllt. So entstand eine „Missa“, die noch immer fasziniert und überdies auch heutige Interpreten erheblich herausfordert.

Doch mit John Eliot Gardiner steht genau der richtige Mann am Pult der Berliner Philharmonie und kann jetzt verwirklichen, was schon vor rund zwei Jahren geschehen sollte und durch die Pandemie verhindert wurde.
Mit dem von ihm vor vielen Jahren gegründeten Monteverdi Choir hat er auch die richtigen Sängerinnen und Sänger an seiner Seite, denen Beethoven viel abfordert. Fürs Instrumentale sorgt das Orchestre Révolutionnaire et Romantique, insgesamt ein Riesenapparat, der alles möglich macht. Musiziert wird in historischer Aufführungspraxis.
Hinzu kommen noch vier Solisten: Lucy Crowe Sopran, Ann Hallenberg Alt, Giovanni Sala Tenor und William Thomas Bass. Sie müssen der großen Besetzung standhalten und sich durchsetzen, was ihnen fast immer tonschön gelingt.

Gardiner legt sich sofort temperamentvoll ins Zeug, hat alle und auch die Einzelnen ständig im Blick. Er dirigiert mit jugendlichem Elan, aber nicht selbstherrlich, sondern nach Beethovens Wünschen, schärft jedoch die vorhandenen Kontraste gerne zu. Das unerwartet lautstarke Kyrie klingt, wie anfangs angemerkt, trotzig und siegesgewiss.

Vom Gloria wird es noch weit überboten. Wild und temporeich geht das vonstatten. Gardiner zeigt sich hier erneut als Meister der Kontraste, folgt dem Furor doch ein zartes, von den vier Solisten mitgestaltetes „Qui tollis peccata mundi“. Zuletzt noch ein Höhepunkt in Form einer gekonnt dargebotenen Fuge beim „Cum sancto spirito“.

Das „Credo“ ist wiederum laut und stark rhythmisch geprägt, bietet jedoch beim „Et incarnatur est“, der Menschwerdung Jesu, eine Denkpause. Dieses Geheimnis wird ruhiger und leiser musiziert. Der Tenor sorgt jedoch mit „Et homo factus est“ für Gewissheit. Danach sogleich erneut aufbrausender Jubel.

Dann aber gibt es beim „Et incarnatur est“, der Menschwerdung Jesu, eine weitere Denkpause. Dieses Geheimnis wird von den Chortenören einfühlsam gesungen und darüber hinaus zart musiziert. Der Tenor des Solistenquartetts sorgt anschließend mit „Et homo factus est“ für Gewissheit.

Danach sogleich erneut aufbrausender Jubel sowie eine weitere, sicherlich herausfordernde Fuge, die die Zeile „Et vitam venturi saeculi“ umrahmt. Doch bei Gardiner und seinem Monteverdi Choir, der auch die höchsten Höhen erklimmt, ist auch solches selbstverständlich, genau so wie das fein herausgearbeitete „Amen“.

Das „Sanctus“ gibt sich ebenfalls sanfter und wirkt auf diese Weise auch melodienreicher. Erst hier glaubt man/frau Beethovens Worten, dass diese „Missa“ von Herzen komponiert wurde und sie wieder zu Herzen gehen möge. Nach dem Jubel des Solisten-Quartetts folgt nun ein wunderschönes instrumentales Zwischenspiel angeführt vom Ersten Geiger, das das „Benedictus“ in ein Ereignis umformt, in das sich Beethoven besonders anhaltend vertieft hat.

Nach dem ebenfalls ruhig beginnenden „Agnus Dei“ wird alles – einschließlich der Posaunen – nochmals aufgeboten, was schöne Jubeltöne produzieren kann. Dem, folgt der Jubel des Publikums mit „Standing Ovations“.

Ursula Wiegand

Die Aufzeichnung des Konzerts in der Berliner Festspiele Mediathek ist noch bis zum  11. September 2022 um 16:00 Uhr verfügbar.

 

 

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