Musikfest Berlin, Philharmonie / Kammermusiksaal: Alexander Melnikov mit Rachmaninow, 27.08. 2023

Alexander Melnikov und Alexander Rudin werden nach einer Rachmaninow-Sonate bejubelt. Foto: Fabian Schellhorn
Der 150. Geburtstag des weltbekannten Komponisten und Pianisten Sergej Rachmaninow ist auch ein wichtiges Thema beim diesjährigen Musikfest Berlin, und der ebenfalls weltbekannte Pianist Alexander Melnikov widmet sich nun an zwei Abenden dem kammermusikalischen Œuvre dieses großartigen und noch immer verkannten Genies.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Melnikov ihn vor wenigen Tagen „Ein Superhirn kunstvoller Bitterkeit“ genannt. Sergej Rachmaninow (1873 bis 1943) sei nicht nur als Pianist brillant gewesen, sondern ebenso als musikalischer Denker. „Präzision, Eleganz, Fingerfertigkeit, Poesie, rhythmische Beweglichkeit und alles, was man sonst noch braucht, um dieses Instrument zu spielen, sind bei ihm unbezweifelbar übernatürlich.“ Dass es technisch unmöglich sei, Rachmaninows Spiel zu kopieren, haben ihm schon die Lehrer an der Uni beigebracht.
Obwohl Rachmaninows Kompositionen Außerordentliches verlangen, wagt sich (nicht nur) Melnikov an diese so herausfordernden, aber gleichermaßen verführerischen Werke, denn sie lägen, so sagt er, gut in der Hand.
Das beweisen er und sein Partner, der Cellist Alexander Rudin, sogleich beim ersten Stück, der „Sonate für Violoncello und Klavier g-Moll“ op. 19 (von 1901). „Wir haben uns ein Rachmaninow-Bild zurechtgebastelt, das sein Schaffen auf einige wenige melodieselige, teils zu Kitsch verbogene Werke reduziert. Er war ein Opfer seiner Zeit, auch politisch, und das Opfer seiner einprägsamen Melodien“, meint Melnikov.
Doch dagegen treten die beiden hochkarätigen Musiker energisch an, das lässt besonders das zentrale Scherzo hören, das nicht heiter, sondern eher etwas gespentisch klingt. Der Cellist greift das auf, und technisch wird auch von ihm öfter Ungewöhnliches verlangt. Zwei Könner musizieren hier kompetent und auf Augenhöhe.
Es folgen „Sechs Romanzen op. 38 für Stimme und Klavier“ (1916). Es geht dabei um sechs Lieder, die die Sopranisten Nadezhda Pavlova leidenschaftlich interpretiert. Die deutsche Übersetzung ist im Programmheft zu finden.
Doch diese Lieder sind keineswegs voll von fröhlicher Romantik, auch nicht das Lied über die schönen Margeriten. Am heitersten wirkt „Der Rattenfänger“. Generell zeigen sie jedoch einen Menschen, der schon als Vierzigjähriger – ein Mann mit Frau und zwei Kindern – sagte: „Ich lebe nicht und habe nie gelebt“.
Sie zeigen auch Einen, der nach seiner ersten Sinfonie, die vom Publikum und den Kritikern heftig abgelehnt wurde, in eine dreijährige Schaffenskrise fiel. Von seinen Depressionen wurde er von einem damals schon sachkundigen Psychiater geheilt.
Doch trotz der wieder gewonnenen Schaffenslust und baldigen großen Erfolgen als Komponist, Dirigent und vor allem als Pianist in Europa und New York wurde Rachmaninow, der mit seiner Familie Russland wg. der Oktober-Revolution 1917 abrupt verlassen hatte, zwar ein reicher und bejubelter Musiker, doch das Leben im Exil ließ ihn nicht glücklich werden.

Olga Pashenko überzeugt mit Rachmaninows Werken. Foto: Fabian Schellhorn
Das zeigen seine letzten Kompositionen, die „Symphonischen Tänze“ op. 45 (von 1940), in der Fassung für zwei Klaviere. Die junge Olga Pashchenko, die mehrere Instrumente spielt und in alter und moderner Musik zu Hause ist, gilt es eine der besten gegenwärtigen Musikerinnen und überzeugt.
Nach den gelungenen Solo-Interpretationen von zwei von Rachmaninow geschaffenen Klaviertranskriptionen – nach Liedern von Schubert und Tschaikowsky – wird sie bei diesen „Symphonischen Tänzen“ zur überzeugenden Partnerin von Alexander Melnikov. Auch sie hat zurecht keine Furcht, dem Genie Rachmaninow entgegenzutreten. Der hat damals das Orchesterwerk für zwei Klaviere transkribiert. Im Kammermusiksaal der Philharmonie sind es zwei Flügel, die diagonal gegenüberstehen.
Von meinem Platz aus sehe ich Alexander Melnikov von vorne, aber nicht seine Hände, Olga Pashchenko aber von hinten und kann nur staunen, wie unglaublich schnell und dennoch mit differenzierter Betonung ihre schlanken Finger über die Tastatur sausen. Beider Einsatz gilt einem noch immer verkannten Genie, das seine Heimat nie vergessen hatte, sie trotz aller Erfolge vermisste und sie in seiner Musik weiterleben ließ.
Radioaufzeichnung des Konzerts in der Berliner Festspiele Mediathek, verfügbar vom 25. September bis 24. Oktober 2023.
Ursula Wiegand
Übrigens widmet sich Melnikov als Solist am 29.08. Rachmaninows Klavierwerken, ebenfalls im Kammermusiksaal der Philharmonie.

