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BERLIN/ Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Schönberg als Geburtstagsgabe

27.01.2024 | Konzert/Liederabende

Berlin / Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Schönberg als Geburtstagsgabe, 26.01.2024

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KirillPetrenko und 15 Philharmoniker bei Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1. Foto: Stephan Rabold

Der große Saal der Berliner Philharmonie stand vom 25.-27. Januar nur Arnold Schönberg (1874 – 1951) zur Verfügung, galt und gilt es doch, in diesem Jahr an seinen 150. Geburtstag und seine Verdienste bei der Entwicklung einer „Neuen Musik“ zu erinnern.

Schon im Parterre zeigen ihn großformatige Fotos, ergänzt durch einige seiner Aussprüche. Einer davon lautet in etwa, dass er sich nicht gut in Worten ausdrücken könne, sondern nur in der Musik und der Malerei. Jedenfalls waren alle drei Konzerte ausverkauft.

Zu hören war keine „Zwölftonmusik“, die Schönberg erst 1921 entwickelte. Vielmehr widmeten sich Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker zwei Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts. Den Anfang machte die ca. 25minütige „Kammersymphonie Nr. 1“.

Nur einen Satz besitzt sie, ist jedoch für die 15 Musiker eine echte Herausforderung. Jeder spielt seinen eigenen Part. Ist es ein Gegeneinander oder ein Miteinander? Irgendwie ist es beides und fasziniert, denn die Stars dieses in aller Welt geschätzten Orchesters musizierten mit Hingabe.

Anfangs ist noch hin und wieder ein harmonisches Einsprengsel Schönbergs zu hören, der einen Weg in die Zukunft sucht. Mehr und mehr setzen sich schließlich „moderne“ Passagen mit interessanten Klangfarben durch. Der Beifall danach ist enorm, und Petrenko ruft jeden der 15 Könner auf.

Wie sehr Schönberg um eine „Neue Musik“ und auch um den eigenen Gottesglauben gerungen hat, verdeutlicht danach sein Oratorium „Die Jakobsleiter“, das auf einer alttestamentarischen Erzählung basiert. Jakobs dort geschilderter Traum von der Himmelsleiter, die zu Gott führt, hat Schönberg inspiriert und auch gepackt.

Den Text musste er allerdings selbst schreiben, und die Klettertour auf der Jakobsleiter ins Paradies hat er trotz jahrelanger musikalischer Arbeit nicht geschafft oder fand es gut so, wie es war. Daher ist dieses Oratorium ein ehrliches, aber großartiges Fragment geblieben.

Für dieses wurde nun in der Philharmonie alles aufgeboten, was angemessen und mehr ist. Von allen Seiten hat man das Publikum in einen Klangrausch gehüllt, und nicht nur Petrenko dirigiert sein jetzt groß besetztes Orchester. Vier weitere Herren betreuen die Fernorchester, die sozuagen vom Himmel her musizieren.

Hohe Anerkennung gebührt dem Rundfunkchor Berlin, einstudiert von Gijs Leenaars. Klangschön bewältigen alle diese schwierig zu singenden Partien. Um was es bei der Himmelsleiter geht, wer sich auf Erden aufrafft, um sie zu besteigen, schildern außerdem sechs Sänger und zwei Sängerinnen.

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Nicola Beller-Carbone und Kireill Petrenko im Konzert. Foto: Stephan Rabold

Es sind Wolfgang Koch Bariton (Gabriel), Daniel Behle Tenor (Ein Berufener), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke Tenor (Ein Aufrührerischer), Johannes Martin Kränzle Bariton (Ein Ringender), Gyula Orendt Bariton (Der Auserwählte), Stephan Rügamer Tenor (Der Mönch), Nicola Beller Carbone Sopran (Der Sterbende), Liv Redpath Sopran (Die Seele).

Dem Text entsprechend ist Gabriel, der Erzengel, der rigorose Antreiber der armseligen Menschen auf der Jakobsleiter. Weitergehen ohne zu fragen, befiehlt er, während die Chorsänger/innen bereits über unerträglichen Druck, die schwere Last, schreckliche Schmerzen und brennende Sehnsucht klagen.

Schönberg, der nach eigenen Angaben nichts gut in Worte fassen konnte, hat jedenfalls einen bitteren und teils fast anmaßenden Text ersonnen, der aber im Konzertbüchlein nicht voll abgedruckt und von den Interpreten nicht immer wortverständlich gesungen wurde. Beschrieb Schönberg damit vielleicht seinen eigenen mühseligen Weg, den er auf dem Weg zur Zwölftonmusik beschreiten musste?

Dass es ihm und seiner Familie anfangs finanziell nicht gut ging, ist bekannt. Später konnte er als Kompositionsprofesser in Wien und Berlin durchaus zufrieden sein. Auch in den USA, wohin er als Jude 1933 emigrierte, wurde er sehr anerkannt und 1941 auch amerikanischer Staatsbürger.

Das alles reichte ihm offenbar nicht. Das zeigen seine Bemerkungen vom 12. Mai 1947. Laut Wikipedia sagte er zu einem Freund: „Ich aber wünsche nichts sehnlicher (wenn überhaupt) als dass man mich für eine bessere Art von Tschaikowski hält – um gotteswillen: ein bischen besser, aber das ist auch alles. Höchstens noch dass man meine Melodien kennt und nachpfeift.“ Doch dieses ist ein ebenso frommer Wunsch geblieben wie die Fertigstellung des Oratoriums „Die Jakobsleiter.“

Das Berliner Publikum stört das keineswegs. Dieses so farben- und klangreiche Werk gehört zu Schönbergs beliebtesten Kompositionen, und auch Petrenko hat es schon mehrmals dirigiert. Anhaltender Jubel folgt dieser Aufführung und belohnt alle Mitwirkenden. Besonders gefeiert werden jedoch die beiden Sopranistinnen Nicola Beller Carbone und Liv Redpath, die in höchsten Höhen ihren Part als Sterbender bzw. als Seele so wunderschön gesungen haben.

Ursula Wiegand

 

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