BERLIN / Philharmonie GURRELIEDER – Ein Konzert der Deutschen Oper Berlin 10.2.2026
Sir Donald Runnicles in großzügiger Abschiedsüberwältigungslaune

Annika Schlicht, Felicia Moore. Sir Donald Runnicles. Foto: Bettina Stöss
Nach 17 Jahren ist die Ära des Generalmusikdirektors Sir Donald Runnicles mit der Saison 2025/26 zu Ende. Bevor es jedoch so weit ist, hat sich Sir Donald Runnices mit Arnold Schönbergs gigantomanischen „Gurreliedern“ für Soli, Chor und Orchester noch einmal einen denkwürdigen Marker in seinem Berliner Wirken gesetzt.
Schönbergs auf einer mittelalterlichen Legend basierende „Gurrelieder“ in drei Teilen nach Texten des 21-jährigen dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen sind von jeglicher lyrischen Einfachheit unendlich weit entfernt. Wenn ein Vergleich mit Weltraumwissenschaften angebracht wäre, könnte man Schönbergs „Gurrelieder“ als Supernova oder Ende der Ausdehnung des Alls in der deutschen Romantik bezeichnen. Bei der Supernova leuchtet ein massereicher Stern am Ende seiner Lebenszeit nochmals gewaltig auf, bevor er explodiert und die Ausdehnung des Weltalls seit dem Urknall könnte laut Kosmologen irgendwann ein Ende und damit das All ein Ablaufdatum haben.
So dunkelhellstrahlend und mächtig wie ein in allen Farben blendend überwältigendes Feuerwerk aus allen Rohren kann man sich mit den „Gurreliedern“ in etwa das Ende der Spätromantik vorstellen, das Schönberg selbst mit der kompletten Aufgabe der Tonalität und der Etablierung des Systems der Dodekaphonie weitgehend besiegelte. Das „Alte“ bricht sozusagen unter seinem eigenen Übergewicht zusammen.
Von diesem am 23.2.1913 in Wien uraufgeführten Werk gab es eine Frühfassung für Singstimme und Klavier und die endgültige, 1911 fertig gestellte Version für Soli, Sprecher, Chor und Orchester. Es geht in dem vor allem von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ und den symphonischen Ideen eines Gustav Mahler beeinflussten Werk ausschließlich um Extreme: Liebesexstase und Mord/Tod, wütende Geisterheere und Sonnenhimmel.
Dabei bildet der Schlusschor ‚Seht die Sonne farbenfroh am Himmelssaum‘ den transzendenten, symphonisch-chorischen Schlusspunkt einer Weltdeutung, die in der Entwicklung von individueller Tragik von Liebesleid und Gottesfluch zu universellem Astraljubel an Mahler erinnert.
Donald Runnicles ist mit seinem schon früh geschüttelten „Wagner-Fieber“ und einem musikalischen Spätromantik-Gen, das sich offenbar auch auf das Orchester der Deutschen Oper Berlin übertragen hat, genau der richtige Mann, um die ‚musiqe fleuve‘ des ersten Teils der „Gurrelieder“, ihre an „Tristan und Isolde“ gemahnende Chromatik und mäandernde Tonalität, den orchestralen Rausch und die äußerste emotionale Spannweite expressiv zu durchpflügen. Man hatte beim Eintauchen in diese dauernd sich neu formenden und auflösenden Harmonien, dem symphonischen Supersound mit Riesenstreicherapparat, vier Harfen, Kontrafagott, zehn Hörnern, acht Pauken, plus sechs weiteren Schlagzeugern etc. etc. das ganz superb körperliche Gefühl, in einer wärmenden Klangsubstanz zu schwimmen, wie in einem subtropischen Meer. Das was eingefleischte Wagnerianer im Tristan eben nicht missen wollen.
Schönberg macht in den „Gurreliedern“ mehrere Wandlungen durch, die, wie Runnicles es im Vorwort formuliert, Liederzyklus, Oratorium, Oper und Kammersymphonie gleichermaßen durchlaufen. So ändern sich Tonalität und Charakter schon nach den neun Orchesterliedern von Tove und Waldemar im ersten Teil. Besonders auffällig schwärzt sich der Klang im dritten Teil ‚Die wilde Jagd‘ in Richtung Schrecken der Geisterstunde im Reigen der Unseligen wie in den Tiefen von Dantes Hölle bzw. als sarkastisch absurde Doppelgängermoritat des wahnsinnig gewordenen Waldemar in der Figur des Klaus-Narren ein. Dazu gesellen sich die mächtigen Mannenchöre wie in der Götterdämmerung“, stilistisch schon eine gute Strecke von Wagner entfernt, die symphonische Naturzyklusfantasie ‚Des Sommerwindes wilde Jagd‘, das Melodram ‚Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut‘ und der finale Sonnenhymnus.
Da das Konzert der „Gurrelieder“ als eine Art Leistungsschau der Deutschen Oper Berlin konzipiert ist, setzte GD Runnicles nicht nur beim Chor, der um den Rundfunkchor Berlin auf 160 Personen erweitert wurde, sondern auch bei den Solisten mit Annika Schlicht als fantastischer Stimme der Waldtaube, die den stärksten Eindruck des Abends hinterließ, Thomas Blondelle als grotesk-trauriger Klaus-Narr, dem man die angekündigte Indisposition nicht anmerkte, Thomas Lehmann als kernig von Klappern des Sargdeckels und Steinegepolter am Kirchhofrain kündender Bauer auf bewährte, Wagner-geeichte Ensemblekräfte. Dabei gelang es Annika Schlicht, auch den größten Orchesterfluten ihren mächtig voluminösen Mezzo, der in allen Lagen (was für eine tiefe Lage!) zu dramatischer Expansion befähigt ist, entgegenzusetzen, aber auch das Liedhafte ihres Auftritts stilistisch wunderbar einzufangen.

Thomas Quasthoff. Foto: Bettina Stöss
Markante Stempel hinterließen AJ Glueckert in heldentenoraler Emphase und ebenso zurückgenommener lyrischer Erzählkraft des Waldemar, Dreh- und Angelpunkt des Stücks. Besonders im kurzen zweiten Teil ‚Herrgott, weißt du, was du tatest?‘ konnte Glueckert gotteslästerlich den ‚Raub seiner Leuchte‘ eindringlich und trotz der orchestralen Klangstürme um stimmlich Differenzierung bemüht, inniglich beklagen. Einen gediegenen vokalen Eindruck hinterließ die amerikanische jugendlich Dramatische Felicia Moore als Tove. Nach einem langen Orchesterzwischenspiel, in dem der Mord an Tove durch ihre Widersacherin Königin Helwig, Ehefrau des Waldemar, instrumental anschaulich geschildert wird, klagt die Waldtaube über Toves Tod und Waldemars Trauer samt Heraufbeschwören des Trauerzugs. Als Sprecher konnte man keinen Geringeren als den ehemals als Bassbariton weltweit erfolgreichen Thomas Quasthoff gewinnen. Im hinteren Orchester platziert, rezitierte er melodramatisch-wortdeutlich, wie der Sommerwind die Natur aufblühen lässt.
Zuvor aber hatten die von Jeremy Bines einstudierten Chöre ihre große ‚Stunde‘ als Waldemars Geisterarmee. Vom Komponisten als einzige sängerische Zumutung mit teils im wahrsten Sinne höllisch schweren polyphonen Abschnitten notiert, ist der Einstieg ‚Gegrüßt, o König an Gurre-Seestrand!‘ besonders heikel. Das war gestern auch die einzige Stelle, wo die Männerchöre um Synchronität mit dem Orchester kämpften. Ansonsten war den gemeinschaftlichen Chören ein Höchstmaß an chorischer Disziplin, Klangkultur und überwältigender Kraftentfaltung zu attestieren. Der überwältigende Sonnenaufgang in voller Strahlenlockenpracht setzte den Schlusspunkt eines triumphalen wie niederschmetternd hoffnungsfrohen Konzertabends. Donald Runnicles und allen Ausführenden sei Dank!

Foto: Bettina Stöss
Anm.: Das Konzert wurde live im rbb-Hörfunk auf radio3 übertragen.
Dr. Ingobert Waltenberger

